Hammerfest »On Top of the World«

Hammerfest liegt tausend Kilometer nördlich des Polarkreises und war bis 1996 die nördlichste Stadt der Welt. Dann bekam Honningsvåg, das noch nördlicher liegt, das Stadtrecht. Doch auf Werbeprospekten wirbt Hammerfest immer noch mit »On Top of the World«, was niemand der Stadt abspricht.

Das moderne Aussehen der Stadt, die schon 1789 das Stadtrecht bekam, verdankt auch sie der Deutschen Wehrmacht und ihres Prinzips der »verbrannten Erde«. Das einzige Gebäude, das den Flammen der Deutschen widerstand und heute noch steht, ist die Grabkapelle.

Heute sind der Tourismus, die Fischerei, die Schifffahrt und die Erdgasförderung- und verarbeitung die Einnahmequellen der Stadt. Hammerfest hat die grösste Erdgasverflüssigungsanlage der Welt.

Doch nun genug der Infos zu der Stadt. Wir machen es wie immer und lassen uns von unserem Gefühl bei der Stadtentdeckung leiten. Halt, stimmt nicht ganz. Ich habe uns wie immer vorgängig im Reiseführer etwas schlau gemacht und weiss, in welche Richtung ich gehen möchte. Die Grabkappelle interessiert mich und die moderne Hammerfestkirche. Wir folgen der Hauptstrasse nahe des Hafens, kommen am »Wiederaufbaumuseum“ vorbei, das sich der Geschichte des zweiten Weltkrieges und des Wiederaufbaus widmet. In fast allen grösseren Orten in der Finnmark begegnet man solchen Museen. Erinnerung und Bewältigung der vielen grauenhaften Kriegsgeschehnissen.

Wir gehen um die Strassenbiegung und da erhebt sie sich weiss und erhaben in den strahlend blauen Himmel. Eine grosse Kirche aus Beton und in Dreiecksform. Sie beeindruckt durch ihre Schlichtheit und mit ihrem strahlenden Glasfenster im Chor. Ein Dreieck, dessen Schenkel acht Meter lang sind. Der Osloer Architekt Hans Magnus hat die Kirche erbaut, die 1961 geweiht wurde. Das Dreieck ist Leitmotiv der Kirche: Symbol der heiligen Dreifaltigkeit und der Bezug zu den traditionellen Gestellen zum Fischtrocknen, mit denen noch heute der Stockfisch hergestellt wird.

Die Aussicht von hier über den Fjord ist eindrücklich. Die rohe Natur mit ihren kargen Felsen und dem wenigen Grün vereint sich mit dem Blau des Wassers und des Himmels.

Dann besuchen wir die Grabkapelle. Eine Rampe für den Rollstuhl wäre da, doch wie so oft hier im Norden, ist die Kapelle verschlossen.

Der Friedhof beeindruckt mich, wie eigentlich alle Friedhöfe in Norwegen und in Schweden. Die Gräber liegen verstreut im Gelände, so als hätten die Verstorbenen und ihre Angehörigen die Wahl gehabt, wo sich ein Grab befinden soll. Auch hier gibt es sehr alte Gräber, sogar aus dem 18. Jahrhundert. In Skandinavien werden die Toten geehrt, ihre Gräber erhalten und immer wieder erneuert. Eine sehr berührende und verehrende Tradition.

Wir müssen uns von dieser Stadt wieder verabschieden. Der Rückweg führt uns noch über einen grossen Platz am Hafen, wo sich Touristen und vermutlich auch Einheimische tummeln. Es bleibt keine Zeit mehr, dies genauer herauszufinden, das Schiff legt bald ab.

Von Kirkenes nach Bergen

Das Schiff legt in Kirkenes ab, und schon befinden wir uns auf der Rückreise nach Bergen. Die Reise vom Norden in den Süden ist fast die gleiche Strecke wie von Süden nach Norden, doch ändern sich die Ankunftszeiten an den Anlegeorten. Da wo wir im Hinweg im späteren Morgen oder am Nachmittag angelegt haben, landen wir nun nachts oder am Morgen früh. Wir fahren mehr Strecken auf offenem Meer, was die Fahrt lebhafter und schwankender macht.

Die Reise von Kirkenes zurück nach Bergen ist eine Reise voller Überraschungen: da sind die unvorstellbar schönen Naturbilder und immer wieder Anlegeorte, die auf den ersten Blick eher unattraktiv wirken. Wenn wir uns eingehender mit ihnen befassen, entdecken wir Spannendes, Interessantes, Berührendes und zum Nachdenken anregendes. Es lohnt sich einmal mehr, sich genauer mit dem Unscheinbaren zu beschäftigen.

Die erste Überraschung erleben wir in der Nacht nach Kirkenes. Die Lautsprecherdurchsage um 21.30 Uhr lässt uns aufhorchen. «Die Sichtung von Nordlichtern ist möglich». Also nichts wie los auf Deck sieben. Ich bin gespannt, was ich da zu sehen bekomme. So viele haben mir davon vorgeschwärmt oder mir dieses Phänomen physikalisch erklärt. Das ist alles vergessen, als ich wie alle andern in den Himmel schaue. Da ist der nicht mehr ganz volle Mond und ein paar Wolken, dazwischen vereinzelte Sterne. Doch dann webt sich aus dem Nichts heraus ein leuchtend grünes Band von Irgendwas durch die Wolken und in den Nachthimmel. Ständig in Bewegung, in immer neue Formen und unterschiedlich intensiv leuchtend. Ein grün-gelbes Wunder.

In der nächsten Nacht dürfen wir noch einmal über das gleiche Wunder staunen. Die Bilder am Himmel sind noch intensiver, das Spiel von Mond, Nordlichter und Wolken ein Tanz in der Unendlichkeit.

Kirkenes «Wendepunkt der Postschiffe»

Als unser Schiff in Kirkenes anlegt, ist der Himmel grau, das erste Mal seit dem strömenden Regen in Bergen. Diese düstere Stimmung passt zu meinem Eindruck dieses verlorenen Fleckens Erde. Graue Felsen und wenig Gestrüpp. Ich bin gespannt, was wir an diesem Ort entdecken werden. Die russische Grenze ist nur 10 km entfernt, was für mich das Ganze noch ungemütlicher scheinen lässt.

Das Bild, das sich dem Betrachter beim Spaziergang durch die Stadt eröffnet, ist gänzlich anders als der erste Eindruck. Wir kommen an schönen Holzhäusern vorbei, die sehr gepflegt sind und auf einen gewissen Wohlstand hindeuten. Es leben rund 3500 Menschen in dieser Stadt. Mit jedem Schritt begegnet man mehr der Geschichte dieses Ortes: da ist die «Andersgrotte“», die während des Zweiten Weltkrieges gesprengt wurde und der Bevölkerung als Schutz gegen die russische Bombardierung diente. 1944 wurde die Stadt von der Roten Armee eingenommen. Voraus gegangen war auch hier die Massnahme «verbrannte Erde» der Deutschen Wehrmacht. Kirkenes war von allen Kriegsparteien wegen seines reichen Erzvorkommens begehrt und umkämpft. Acht Jahre nach dem Krieg wurde der Erzabbau wieder aufgenommen und Kirkenes erlebte Jahre des wachsenden Wohlstands, was sich, wie beschrieben, an der Architektur der Häuser zeigt.

Wir gehen über den Dorfplatz, wo reges Leben herrscht. Eine Schulklasse besucht das Museum, Touristen wie wir lesen die Geschichtstafeln, die rund um den Platz stehen. Unterwegs fallen mir zweisprachige Strassenschilder auf: Norwegisch und Russisch. Bis im Februar 2022 war die Grenze zu Russland offen und die Russen konnten ohne Visa nach Kirkenes kommen. Weiter geht es zu einem Fabrikgebäude aus roten Ziegelsteinen, vermutlich eine der ehemaligen Erzfabriken. Wir kommen in eine kurze Geschäftsstrasse, die von einer Riesenkrabbe aus Metall bewacht wird. Bald erreichen wir die Kirche, die geschlossen ist. Die Grabsteine auf dem Friedhof erzählen vom Krieg. Unzählige Männer sind im Jahr 1944 gestorben.

Eine Dame von unserem Schiff macht uns auf die russische Botschaft in einer Nebenstrasse aufmerksam. Ein einfaches Haus. Das Besondere hier ist der Mut der Bevölkerung von Kirkenes. Gegenüber der Haupttüre steht ein Holzpalett mit einem riesigen Bild von Alexej Navalny. Kerzen und Blumen schmücken das Bild. Wenn die russischen Angestellten nach Hause gehen, müssen sie Navalny in die Augen sehen.

Auf dem Rückweg zum Schiff besuchen wir noch das Denkmal für die russischen Soldaten, die der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg entgegentraten. Daneben steht ein gelb-blauer VW-Bus mit grossen Buchstaben beschrieben: STOP WAR und STOP PUTIN. Womit wir wieder in der Gegenwart angekommen sind.

Traumreise mit Überraschungstag

Nun also gehörte die Schiffsflagge rechtlich mir, aber sie hing noch am Heck der MS Polarlys. Einen Wunsch hatte ich dennoch, den ich dem Expeditionsleiter mitteilte: «Ich möchte gerne die Signatur des Kapitäns auf der Fahne haben.»

Seine Antwort war eindeutig: Das gehe nicht, weil es sich um eine Hoheitsflagge handle, die nicht beschrieben werden dürfe. Es gäbe da klare Vorschriften. Nun, mir war ja in erster Linie wichtig, die Flagge überhaupt mit nach Hause nehmen zu können. Und das hatte ich ja mit meinem Gebot und dem Gewinn der Auktion erreicht.

Jan, so der Name des Expeditionsleiters, sagte jedoch, er würde schauen, was er für den morgigen Tag – also den zweitletzten Tag vor der Ausschiffung – organisieren könne.

Ich wurde gerade von Petra gepflegt, als plötzlich unser Kabinentelefon läutete. Am Apparat war Jan. Um 12.15 Uhr hätte der Kapitän Zeit, mir die Fahne zu übergeben. Ich solle doch um 12.00 Uhr zu ihm kommen, und dann würden wir gemeinsam ans Heck des Schiffs gehen für die Flaggenübergabe.

Und was dann folgte, übertraf meine kühnsten Erwartungen.

Jan begleitete mich und Vera ans Heck des Schiffs, zur Flagge. Sie flatterte immer noch im Wind, und meine Vorfreude war gross, sie bald in meinen Händen halten zu können.

Punkt 12.15 Uhr tauchten dann der Kapitän Lars Kalås und der Hotelmanager Marco Voigtländer auf. Ich wurde von beiden begrüsst, und in einem kleinen Zeremoniell zogen sie meine Flagge ein. Damit das Schiff gleich wieder unter der Hoheitsflagge fahren konnte, wurde eine neue aufgezogen.

Der Kapitän und sein Hotelmanager versuchten sich im Singen der norwegischen Nationalhymne – ein Erlebnis für sich. Dann folgte die Übergabe der Fahne mit einem Gruppenbild, das für sich spricht.

Nochmals wurde erklärt, dass diese Flagge nicht signiert werden dürfe. Doch sie hatten eine andere Überraschung für mich: die Fahne der Schiffsgesellschaft Hurtigruten, versehen mit der Widmung MS Polarlys, dem Reisedatum 2. September bis 13. September 2025 und der Unterschrift des Kapitäns. Auch hier folgte nochmals ein kleiner Fototermin.

Die Reise mit den Hurtigruten war meine elfte Kreuzfahrt, und schon immer hatte ich mir gewünscht, einmal die Brücke besuchen zu können. Im Rollstuhl hatte ich diesen Wunsch aber längst verworfen, und umso mehr war ich überrascht, als der Kapitän mich auf seine Brücke einlud. Ein einmaliges Erlebnis – und mein Grinsen hätte nicht grösser sein können.

Mit einem schönen Abschiedsfoto zusammen mit dem Kapitän auf der Brücke konnte meine Reise in den hohen Norden nicht besser zu Ende gehen. Ich war tief berührt über das Team und über die Art, wie sie mir eine Riesenfreude gemacht hatten.

Wie meinen Augapfel hütete ich die Schiffsflagge und die Hurtigrutenfahne, bis sie nun bei mir zu Hause darauf warten, schön präsentiert zu werden.

Die Schiffsflagge als Erinnerung an meine letzte Traumreise auf meiner Bucketlist 

Einige Zeit, bevor ich auf die Reise mit Hurtigruten ging, sah ich mir einen Dokumentarfilm über die Reise an. Und da habe ich gesehen, dass sie jeweils die Schiffsflagge für ihre Foundation versteigern. Für mich war ab dem Moment klar, dass diese Fahne, egal wie, am Schluss mit mir die Heimreise antritt.

Und am zehnten Tag war es dann endlich so weit. Die Versteigerung von einer Schiffskarte und einem Kunstgegenstand waren angesagt. Aber nirgends stand, dass die Flagge auch versteigert wird. Eine kleine Enttäuschung stieg in mir auf. Am elften Tag dann aber sah ich eine noch bügelfrische Flagge auf dem Tisch liegen. Und sie war tatsächlich in einer stillen Auktion zu ersteigern. Klar, dass ich da mitmachen musste.

Noch vor dem Frühstück gingen wir uns den Zettel anschauen. 800 norwegische Kronen (NOK) waren das Mindestgebot, also rund 68 Franken. Darunter stand schon jemand, der 1500 NOK geboten hatte.

Nach dem Frühstück musste ich natürlich schon wieder schauen gehen, wie hoch der Preis inzwischen war. Nun waren sie bei 2500 NOK. Ich bat Vera, den Betrag auf 3000 NOK zu erhöhen.

Danach ging es auf einen Landausflug. Gedanklich war ich aber immer wieder bei der Steigerung, weil ich die Schiffsflagge während der ganzen Reise immer wieder gesehen und mir gesagt hatte: Am Schluss gehört sie mir. Ich war gespannt, wie hoch ich am Schluss bieten muss, damit sie wirklich mir gehören konnte.

Nachdem wir von unserem Landausflug zurückgekehrt waren, war der Preis inzwischen bei 4000 NOK. Klar, dass ich weitere 1000 NOK darauflegte.

Vom Chef des Expeditionsteams erfuhr Vera, dass zwei Jungs die Fahne unbedingt haben wollten. Und tatsächlich, nach dem Abendessen war der Preis inzwischen auf 6000 NOK gestiegen.

Ich setzte den Betrag von 7000 NOK aufs Spiel und fragte mich, wie hoch sie am Schluss gehen würden. Um Viertel nach neun, also eine Viertelstunde vor Ende der Auktion, ging ich dann in den Auktions- respektive in den Shop-Raum. 7100 NOK standen nun auf dem Blatt. Ich erhöhte auf 8000 NOK und sah, wie einer der Jungs dann vorbeischaute, um zu sehen, welcher Betrag nun eingesetzt worden war. Sie berieten sich vor dem Shop noch einmal lange, und drei Minuten vor halb zehn setzten sie 8100 NOK ein. Nun war es an der Zeit, mein wahres Gesicht zu zeigen, und ich bat Vera, 10 000 NOK einzusetzen, also 820 Schweizer Franken.

Einer der Jungs ging hin, schaute sich den Betrag an, und seine Augen wurden gross und grösser, sein Gesicht lang und länger. Da konnten oder wollten sie nicht mehr mitsteigen. Ja, der Leiter des Expeditionsteams zählte dann kurz vor 21.30 Uhr von fünf herunter. Annagret sagte: «Zehntausend zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten», der Hammer fiel, und die Flagge gehörte mir. Das Zeremoniell der Übergabe folgte einen Tag später – und folgt somit auch in einem weiteren Beitrag von mir.

More to come! Stay tuned…

Weihnachten in Honningsvåg

Honningsvåg war auch Opfer des Zweiten Weltkriegs. Ausser der Kirche, wurden alle Häuser von der Deutschen Wehrmacht abgebrannt. Deshalb sind die alten Häuser im Stil der Nachkriegsarchitektur gebaut.

Als erstes fällt mir der Hafen voller Schiffe auf. Honningsvåg ist die bedeutendste Fischereisiedlung der westlichen Finnmark. Dies sieht man einerseits an den vielen deutlich erkennbaren Fischerbooten, andererseits an den zahlreichen Werftbetrieben und Fischverarbeitungsfabriken.

Auf dem Weg ins Dorf kommen wir am Nordkapmuseum vorbei, das über die Geschichte und die regionale Küstenkultur informiert. Wir lassen es rechts liegen und spazieren weiter.

Ich frage mich sehr bald, wie Menschen hier in dieser kargen Landschaft leben können, im nördlichsten Dorf Norwegens, das mit Strassen erschlossen ist. Jetzt scheint die Sonne und die farbigen Schiffe und die bunten Häuserzeilen leuchten und hinterlassen einen frohen Eindruck. Doch wie dunkel und einsam muss es hier im Winter sein, ohne Sonne und bitter kalt?

Die Menschen, denen wir begegnen, sind freundlich und wirken aufgeschlossen. Ein Plakat lässt mich stutzig werden: hier werden im Sommer mehrere Musikfestivals, kulturelle Produktionen, Ausstellungen und ein Sommermusical durchgeführt. Nichts von gedrückter Stimmung! Dieses Dorf hat ein reiches Leben und im Sommer herrscht hier sicher ein buntes Treiben.

Meinen ersten Eindruck kann ich gleich über den Haufen schmeissen. Hier lässt es sich offensichtlich gut leben.

Auf dem Rückweg zum Schiff sehe ich von Weitem ein Haus mit weihnachtlichen Plakaten: «Artico Christmas House». Da treibt mich meine Neugierde hin. Auf 400 m2 warten hier Weihnachtsartikel so weit das Auge reicht. Hier findet man einfach alles: Weihnachtszwerge, Weihnachtsrentiere, Weihnachtskugeln, Weihnachtsservietten, Baumschmuck, Textilien usw. usw. Weihnachten Mitte September!

Da wird mir ein weiterer Aspekt der Hurtigruten-Schiffe bewusst: Touristen kommen dank der Schiffe hierhin, kaufen Weihnachtsartikel, besuchen das Museum, nehmen im Sommer an den Festivals teil und im Winter buchen sie Schlittenfahrten und wollen die Polarlichter sehen.

Tromsø „Paris des Nordens“

Tromsø war im Zweiten Weltkrieg für kurze Zeit die Hauptstadt des freien Norwegen (bis der König und die Regierungsmitglieder nach England flüchteten) und von Zerstörung weitgehend verschont geblieben.

Tromsø liegt auf einer Insel, ist von zum Teil 1200m hohen Bergen umgeben und verfügt über einen lebhaften und farbenfrohen Hafen.

Schon von weitem leuchtet die Eismeerkathedrale zum Gruss bei der Einfahrt des Schiffes in den Hafen. Sie ist nur über die 1036 m lange Tromsøbrua erreichbar, die über den Sund führt. Zahlreiche Busse voller Touristen fahren fast nonstop über diese Brücke und von Weitem sieht man die zahlreichen Besucher vor der Dreieckskirche stehen. Für uns wenig verlockend.

Wir wenden uns zuerst der Stadt zu. Modernste Glaskästen säumen den Sund. Wir folgen einer Strasse Richtung Zentrum, gehen an einer Kirche vorbei, die 1861 in neugotischem Stil erbaut wurde. Es ist der nördlichste protestantische Dom der Welt und ist eine der grössten Kirchen des Landes.

Die Fussgängerzone ist in Blickweite, als mich ein altes Holzhaus in einer Nebengasse in seinen Bann zieht. Es ist mit einem überdimensionierten Playmobil-Piraten, einem etwas kleineren Mickey Mouse-Bild geschmückt und weckt meine Neugierde. Es ist eine Art Antiquariat und Legoladen.Die Gestelle sind prall gefüllt, man muss sich den Weg zum Verkaufstisch suchen. Hier findet man vermutlich alles, was das Playmobil- oder Legoherz begehrt.

Die Fussgängerzone entpuppt sich als lebhafte Geschäftsstrasse mit alten, meist doppelstöckigen Holzhäusern. Die Geschäfte sind vor allem auf Touristen ausgelegt, daneben gibt es Restaurants, Bars und Cafés. Doch ein nördliches Paris? Es ist ein friedliches Treiben und der Sonnenschein trägt dazu bei, dass wir uns hier wohlfühlen. Neben den alten Häusern sieht man immer wieder riesige Glasgebäude, die sich an die alten Häuser schmiegen. So die Bibliothek und das Rathaus. Aber auch hier ein friedliches Nebeneinander, alles hat Platz: moderne Architektur, alte Geschäftshäuser, romantische Pavillons, ein Kino aus dem letzen Jahrhundert und der bunte Hafen voller Boote.

Die netten Kreuzfahrer von nebenan 🤬

Kreuzfahrten, auch unsere Reise mit der Hurtigrutenlinie gehört dazu – auch wenn die maximale Passagierzahl bei 700 Personen liegt. Auf einer Kreuzfahrt sind folglich viele Menschen auf engem Raum unterwegs. Man trifft sich immer wieder: Bei den einen freut man sich darüber, bei den anderen versucht man, ihnen so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. Und es gibt den typischen Kreuzfahrer, der ständig auf der Suche ist, allen anderen alles zu erklären.

Wie so ein Tag abläuft oder wie ein erstes Treffen aussieht, erkläre ich euch. Ohne grosse Gedanken macht sich unsere kleine Reisegruppe – Vera, Petra und ich – auf den Weg ins Restaurant Torget, um unser Frühstück einzunehmen. Wie geplant ist dort ein Tisch für uns reserviert, den ich als Rollstuhlfahrer gut erreichen kann.

Wir sind noch nicht einmal richtig am Tisch eingerichtet, da tönt es vom Nebentisch: «Guten Morgen allerseits!» Eine Frauenstimme ruft es, und auch der Mann stimmt in eine ähnliche Morgenbegrüssung ein.

Ich blinzle nicht einmal, denn diesen Typus von Kreuzfahrern kenne ich nur zu gut von meinen vergangenen Reisen. Keine fünf Minuten vergehen, und schon versuchen diese Damen und Herren einem zu erklären, was man auch selbst sehen kann.

Meine Situation als mobilitätseingeschränkte Person im Elektrorollstuhl lässt auch die Option offen, auf stur zu schalten – oder ähnlich. Heute entscheide ich mich für die «autistische Version»: Das heisst, ich schaue weder die Leute an, noch gebe ich irgendein Wort von mir.

Nachdem wir mit den Zutaten für unser Frühstück wieder an unserem Tisch sitzen, beginnt die Dame nebenan mit Vera zu plaudern. «Wie hat euch die Reise gefallen?», ist die einzige Frage, die sie stellt – dann geht es los: Sie seien in Bergen eingestiegen («wir auch»). Sie hätten den Flug mit KLM über Amsterdam genommen und seien am Tag der Abreise direkt auf dem Schiff in Bergen angekommen («wir nicht»). Die Rückreise würden sie ebenfalls gleich nach der Ankunft in Bergen antreten («wir zum Glück nicht»).

Vera hatte sich zu Beginn noch auf das Gespräch eingelassen, hat aber schnell begriffen, dass man nur mit einem Rückzug sein Frühstück in Ruhe essen kann.

Aber ist man erst einmal in ihren Fängen, dann sind sie wie Kletten – man wird sie nicht mehr los.

Die «Klette» quatscht weiter, obwohl Vera ihr gar nicht mehr zuhört und keine Antworten mehr gibt.

«Wir haben ja bestes Wetter für unsere Reise, und das Essen ist so gut. Habt ihr dies und das auch schon gesehen? Und wir haben ja noch so viel vor uns. Obwohl, die Reise ist ja bald zu Ende. Bla, bla, bla.»

Ich bin mir gar nicht sicher, ob sie wirklich alles so gesagt hat – aber es klingt immer gleich.

Einen Tag später sind wir auf einem Landausflug. Und es muss so kommen, wie es kommen muss: Man trifft diese Leute wieder. Sie quasselt irgendetwas von einem Berg mit einem Stein oder so. Vera schaut sie nur kurz an, gibt ein «Ja» zur Antwort und läuft weiter.

Wir fragen uns, wann sie uns das nächste Mal wieder über den Weg läuft, um uns zu erzählen, wie das Wetter jetzt doch gewechselt habe, dass nun Wolken aufgezogen seien und die Sonne gar nicht mehr durchkäme. (Zum Glück sind wir nicht blind und auch nicht auf solche Auskünfte angewiesen.)

In solchen Momenten wäre ich gerne taub. Aber vielleicht würden auch überdimensionierte Kopfhörer helfen, um den eigenen Widerwillen gegen solche Plattitüden zu manifestieren.

Am Abend sehen wir das Paar auf dem Schiff wieder. Zum Glück haben sie jemand anderen gefunden. Das Bild ist aber immer noch das gleiche: Sie quatscht die andere Person im Gehen voll, und ihr «Begleithündchen» hechelt ihr hinterher.

Bodø – Kulturhauptstadt Europas 2024

Bodø ist die zweitgrösste Stadt Nordnorwegens. Die Schönheit dieser Stadt liegt in ihrer Umgebung: Fjord, Berge, Insel. Die Stadt selber wurde nach dem zweiten Weltkrieg und der Zerstörung durch die deutsche Wehrmacht wieder aufgebaut. In der für diese Zeit aktuellen Architektur. Im Rechteckmuster verlaufende Strassen und viele triste Stein – und Betonhäuser. Daneben gibt es am Fjord modernste Bauten, auch das Rathaus in der Stadt gehört zu diesen. Bekannt wurde Bodø durch die verschiedenen Graffitikünstler, die die grauen Wände lebendig machten. Streetart ist in Norwegen sonst selten, hier findet man sie zu Hauf.

Trondheim

Trondheim wurde im Jahr 997 auf der Halbinsel Øra erbaut. Die Lage der Stadt war strategisch günstig, sie war umgeben von Wald und fruchtbaren Böden. Sie wurde damals zur Residenzstadt von König Olav Tryggvason. Sein Nachfolger trug wesentlich zur Bekehrung der heidnischen Wikinger zum «rechten Glauben» bei. Olav Haraldsson fiel bei einer Schlacht für das christliche Norwegen. Er wurde bei Trondheim in einer Kapelle beigesetzt. Aus dieser ging später der 1320 fertiggestellte Nidarosdom hervor.

Durch Trondheim zu schlendern lohnt sich. Eine breite Fussgängerzone mit vielen Geschäften in mehrstöckigen Holzhäusern führt direkt zum Dom. Dieser steht in einem weitläufigen Park. Gräber sind in lockerer Ordnung unter den Bäumen verteilt, so dass man dazwischen schlendern und den Park geniessen kann.

Der Dom ist ein Besuch wert. Von aussen sieht er etwas trotzig aus und erinnert an die romanischen Burgkirchen. Man sieht, dass er in der frühen Gotik erbaut wurde. Tritt man ein, ist man sofort in einen Raum der Leichtigkeit versetzt. Wie es für die Gotik typisch ist, zieht es den Blick in die Höhe, man scheint zu schweben. Der Dom ist von einer perfekten Einfachheit geprägt, frühgotische Figuren schmücken den Eingang zum Allerheiligsten, das aber frei zugänglich ist. Im Westen bringt einen die riesige Glasrosette zum Staunen und innehalten. Filigran und in harmonischen Blau- und Rottönen fängt sie den Blick des Besuchers ein.

Ja, richtig, die Gotik gehört zu meinen Lieblingsstilen in der Kirchenbaukunst und solch ein wunderschönes Beispiel von klarer Gotik bringt mich ins Schwärmen.

Die Zeit in Trondheim vergeht viel zu schnell und plötzlich müssen wir uns beeilen, damit wir pünktlich zurück auf unserem Postschiff sind. Im Vorbeigehen sehen wir die alten Holzhäuser, die noch heute auf Pfählen im Wasser stehen. In verschiedenen Farben grüssen sie von der anderen Flussseite zu uns herüber. Für einen längeren Blick und ein paar Fotos reicht es, dann geht’s ab aufs Schiff.

Ålesund «Stadt des Jugendstils»

Die vielen Jugendstilhäuser, denen man auf dem Stadtbummel begegnet, wurden alle im Zeitraum zwischen 1904 und 1907 erbaut. Vorausgegangen war eine Feuersbrunst, die im Januar 1904 den gesamten Stadtkern zerstörte. Mehr als 800 Häuser verbrannten und und rund 10 000 Menschen wurden obdachlos. Hilfe kam aus ganz Europa. Der Wiederaufbau dauerte drei Jahre und entsprechend des Baustils in diesen Jahren, wurden die Häuser in dem mit nationalen Elementen gemischten Jugendstil gebaut.

Ålsund ist noch heute der wichtigste Fischerei- und grösste Exporthafen Norwegens für Stockfisch. Für Stockfisch wird hauptsächlich Kabeljau (Dorsch) verwendet, der auf Holzgestellen an der Luft getrocknet wird. Eine Spezialität, die wirklich gut schmeckt, wie ich bei einem Abendessen feststellen durfte.

Auf unserem Stadtbummel staunten wir ob den vielen verschiedenen Jugendstilfassaden, die mal weiss, mal farbig, mit verschiedensten Pflanzen-und Blumenornamenten geschmückt sind. Ein spezielles Stadtbild so hoch im Norden.

Von Ålesund nach Urke und zurück

Am Morgen des zweiten Reisetages legen wir in Ålesund an, doch ist die Aufenthaltszeit zu kurz, um die Jugendstil-Stadt zu besuchen. Ein zweiter Halt ist am Abend geplant, zwei Stunden Zeit für die Stadtbesichtigung.

Bis dahin erwartet uns eine Reise in die unendlich schöne Landschaft des Hjørundfjords. Er ist einer der Seitenarme des Storfjordes, der im Frühling und Herbst angefahren wird. Insgesamt geht die Fahrt durch den 84 km langen Ast bis nach Urke. Die Landschaft ist so unglaublich schön, dass man sie nicht beschreiben kann. Deshalb lasse ich lieber Bilder sprechen.

Urke ist ein kleines Bauerndorf mit 30 Einwohnern. Anfangs des 20. Jahrhunderts begann ein Bauer hier Landwirtschaft zu betreiben. Heute ist Urke wegen seiner einmalig schönen Lage fast zuhinterst im Fjord und als Ausgangspunkt für Wanderungen bekannt.

Die Hurtigruten-Schiffe gehen in der Nähe vor Anker und die Passagiere, die Wanderer und die Post und Waren für die Einheimischen werden mit Tenderbooten an Land gebracht.

Urke

Alles da? Ja, alles da!

Pass, Kreditkarte, Smartphone – das war mein minimal notwendiges Reisegepäck, als ich noch keine Hilfsmittel benötigte. 2007 wurde ein Gehstock notwendig, 2014 folgte der Rollstuhl. Spätestens da veränderte sich meine Art des Reisens wesentlich und die Flexibilität war weg. Auf der Hurtigruten-Reise dieses Jahr begleiten mich 260 Kilogramm Material: ein Rollstuhl (200 kg), ein Patientenlift (27 kg), ein Duschrollstuhl (6 kg) und mein normales Gepäck. Neben einer logistischen Leistung ist auch das Anpacken meiner Assistentin vonnöten.

Der Gesichtsausdruck der Person, die das Gepäck bei mir abholen musste, sprach Bände: Wie kann man nur mit so viel Material eine Reise unternehmen? Spätestens jetzt bewährte sich mein Entscheid, Business zu fliegen. «Sie fliegen Business?», fragte er – die Augen verdrehend.

Schliesslich nickte er nur und meinte «Okay». Daraufhin begann er, jedes Gepäckstück zu versiegeln, zu fotografieren und in seinen Transporter zu laden.

In meiner Wohnung hatte es nun wieder Platz und das Gepäck war auf dem Weg nach Zürich Flughafen. Ich war gespannt, ob alles aufgegeben werden kann. Vor allem der Patientenlift und der Duschstuhl hatten andere Dimensionen und müssten normalerweise als Übergepäck deklariert werden.

Im Laufe des Abends erhielt ich die erste Bestätigung für das aufgegebene Gepäck. Mir war jedoch klar, dass der Patientenlift und der Duschrollstuhl noch nicht eingecheckt waren. In der Nacht kam dann aber auch diese Bestätigung – ein äusserst grosser Schritt und eine grosse Erleichterung.

Beim Transfer in Frankfurt von einem Flieger zum anderen mussten wir – weil es Vorfeldparkpositionen waren – mit einem Lifter ins Flugzeug geladen werden. Da die Kabine noch nicht bereit war, warteten wir einen Moment im Lifter. Dort entdeckte Petra die beiden Kartonschachteln, womit wir sicher waren, dass diese ebenfalls in Bergen ankommen würden.

Kurz nach 23 Uhr landeten wir in Bergen, und etwa eine halbe Stunde später konnten wir unsere Gepäckstücke in Empfang nehmen. Drei Koffer und die zwei Schachteln waren dabei. Meine Erleichterung war riesig.

Gegen zwei Uhr morgens lag ich dann im Bett. Wir drei – gesund und frohgemut – waren angekommen, ebenso wie unser Gepäck. Nach einer guten Reise stand nur noch eine kleine Frage im Raum: Waren die Türen auf dem Hurtigruten-Schiff genügend breit, damit mein Rollstuhl hindurchpasste?

More to come. Stay tuned!

Gepäck vor der Kabine 321 auf der MS Polarlys

Ich bin Charly

Nein, ich hab keinen neuen Namen bekommen. Was es mit Charly auf sich hat, wird im Laufe dieses Beitrages ersichtlich.

Wer als mobilitätseingeschränkte Person mit dem Flugzeug reisen will, braucht vor allem eines: Nerven. Aber auch die richtigen Abkürzungen, um das zu bekommen, was man benötigt. WCHR, WCHS oder WCHC hat nichts mit der Toilette zu tun, auch wenn das WC darauf hinweisen könnte. WCH steht für Wheelchair (Rollstuhl). Das R bedeutet, dass eine mobilitätseingeschränkte Person für längere Strecken auf eine Fahrhilfe angewiesen ist. Das S steht für eine Person, die keine Treppen mehr gehen kann. Und das C schliesslich wird für Passagiere genutzt, die nicht selbständig laufen oder Treppen steigen können. Das Fliegeralphabet kennt eigene Bezeichnungen für die Buchstaben und so steht Charly für das C.

Charly kann nicht gehen. Aber auf unserem Zwischenstopp in Frankfurt weiss niemand, dass ein Charly im Flugzeug ist. So sitze ich gut eine halbe Stunde nach Ankunft in Frankfurt noch immer auf meinem Sitz 6D, neben mir auf Sitz 6C eine knapp 70-jährige Frau, die mich zum Anschlussflug bringen sollte. Irgendwann tauchten dann zwei Personen auf, die mich irgendwie aus dem Sitz rissen (absolut ungeübt und inkompetent) und auf dem Galleystuhl aus dem Flugzeug brachten, mich dort auf ein uraltes Rollstuhlmodell platzierten, was zu für mich mit enormen Schmerzen, einem fast über den Kopf gezogenen Pullover und einer kühlen Brise auf meiner nackten Haut führte. Zum Glück hatte das Flugzeug für unseren Anschlussflug Verspätung, so endete unsere Reise nicht schon in Frankfurt.

Wer nun denkt, schlimmer könne es nicht werden, der soll einmal gegen Mitternacht in Bergen als Charly ankommen. Da warten zwei Frauen, jung, aber gebrechlicher wie die alte Frau in Frankfurt, und reissen mich aus dem Sitz, so dass ich völlig quer zwischen Sitzreihe 3 und 2 halb am Boden liege und warte, bis noch jemand kommt, der mich mit rund 84 kg Lebendgewicht aus dem Flieger bringt. Charly fliegt und bezahlt Business, jedes Tier im Frachtraum wird besser behandelt.

Im Hotel wird dann aus Charly wieder Christoph und die Ferien können beginnen.

More to come. Stay tuned …

Bergen

Nachts bei unserer Ankunft ist nichts von dieser charmanten Stadt zu sehen. Doch sind wir hingerissen vom Taxifahrer, der völlig unbeschwert morgens um halb eins unseren riesigen Gepäckberg und Christoph samt Rollstuhl in seinem Minibus verstaut und uns sicher zu unserem Hotel bringt.

Bergen gilt als Königin der Fjorde und ist die Stadt mit der höchsten jährlichen Regenmenge in Norwegen. Sie macht am nächsten Tag ihrem Ruf alle Ehre. Unser Trio, Christoph, sein Rollstuhl, der aus Schweden stammt, und ich, lässt sich aber nicht davon abhalten, die Stadt zu entdecken. Unser Ziel ist der Hafen, dessen Ursprung auf das Jahr 1070 zurückgeht, als der norwegische König Olaf Kyrre beschloss, auf dem natürlichen Hafen eine erste Hafenanlage bauen zu lassen. Im 12. Jahrhundert wurde dieser Hafen zum wichtigsten Umschlagplatz für Waren aus der ganzen Welt. Die alten Holzhäuser im Quartier Brygge wurden nach Bränden um 1702 und 1955 völlig vernichtet. Es erfolgte ein Wiederaufbau und heute sind da mehrere Museen, die deutsche Kirche, Souvenirläden und Bars untergebracht. Auf dem Weg dahin passieren wir schmale und vor allem steile Gassen mit gelben, weissen oder grauen Holzhäusern, die mich an Schweden erinnern, aber doch in einem etwas anderen Stil gebaut sind. Auf Umwegen, die sich durchaus lohnen, erreichen wir unser Ziel. Tropfnass, aber vergnügt.

Nach einigem Umschauen dringt bluesiger Rock an mein Ohr. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Lokal als Bar mit Verpflegung, und als ich Fish and Chips auf der Karte entdecke, ist die Wahl getroffen. Wir essen draussen unter dem Vordach, vor dem Regen geschützt und von einer Infrarotlampe mit Wärme beschenkt. Dass wir bei diesem Wetter draussen essen wollen, erzeugt einiges Erstaunen beim Servierpersonal, doch begreifen die Norweger schnell, als sie Christophs Gefährte sehen.

Nach dem Essen schlendern wir über den Foodmarket, der vermutlich eigens für die mehreren tausend Kreuzfahrtgäste eingerichtet wurde. Da wir immer noch feucht und langsam müde sind, machen wir uns auf den Weg zum Hurtigruten-Terminal. Wir checken ein, lassen einen Informationsfilm zur Evakuierung des Schiffes über uns ergehen. Dann sind wir endlich auf dem Schiff und geniessen einen Prosecco, um die Ausfahrt aus Bergen zu feiern.

Ziehst du um?

Jede Person, die mir in den letzten Tagen einen Besuch abstattete, stellte die Frage im Titel. In der Tat kann man auf diese Idee kommen, sieht man den Berg, der – und hier kommt ein kleines Wortspiel – nach Bergen muss. Nein, nicht in die Berge. Es geht nach Bergen in Norwegen, von wo meine letzte noch offene Traumreise starten wird: mit dem Postschiff der Hurtigruten von Bergen nach Kirkenes und zurück nach Bergen.

Am 1. September werden Vera, meine Assistentin Petra und ich in Zürich in den Flieger richtig Norwegen steigen. Und dies nach einer mehrmonatigen Planung, damit es für mich und meine Begleitung möglichst angenehm ist. So reisen mit mir nicht nur mein Elektrorollstuhl, sondern auch ein Patientenlift und ein Duschrollstuhl mit. Und das erklärt nun auch den Riesenberg an Gepäck. Und nein, wir fahren nicht mit all dem Gepäck im Zug zum Flughafen. Praktischerweise gibt es einen Abholservice, der das Gepäck gleich auch eincheckt.

Die grosse Frage wird sein: klappt alles? Da müssen die fünf Gepäckstücke in Zürich auf den richtigen Flieger geladen, in Frankfurt auch wieder in den richtigen Flieger nach Bergen umgeladen werden. Klappt das? Und wird auch mein Elektrorollstuhl, der Schwede, den Umlad heil überstehen? Richtig ruhig werde ich erst am späten Montagabend sein, wenn ich im Bett liege, alle Personen gesund im Norden angekommen sind und alles Material vollständig und ohne Schaden mir zur Verfügung steht. Dann, ja erst dann, beginnt meine Reise vor der Küste Norwegens.

More to come. Stay tuned!

Ein Rückblick

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Nun sind wir also zurück und, wie es Christoph beschrieben hat, in der schweizerischen Realität angekommen. Mir ist dies erst im Bahnhof Biel so richtig bewusst geworden, als ich einen ziemlich grossen Klimaunterschied wahrnahm. In Schweden war das Wetter oft kühl und nass, doch strahlen die Menschen in Skandinavien viel Herzlichkeit und Wärme aus. Sie sind freundlich und sehr hilfsbereit. In Zürich und Biel wurden wir von den warmen Temperaturen überrascht, doch war sofort Hektik und mehrheitlich ein «Jeder schaut für sich» spürbar.

Ich erinnere mich sehr gerne an die schwedische Herzlichkeit zurück, sei dies in der Unterkunft in Brösarp, wo jeder, wirklich jeder Hilfe anbot oder dafür nur einmal gefragt werden musste. An die vielbeschäftigte Wirtin, die sich Zeit nahm, mir den Weg zu unserem Zimmer persönlich zu zeigen und der Ober, der ohne zu zögern, Christoph samt Rollstuhl auf die leicht erhöhte Terrasse hievte.

In grösseren Unterkünften oder Hotels war die Herzlichkeit professionell, doch auch hier musste man sich nicht scheuen, um Hilfe zu bitten. Das Servicepersonal nahm sich sogar Zeit für Gespräche. So erfuhren wir von unserem ägyptischen Kellner, dass er zwar in Kairo aufgewachsen ist, aber die Pyramiden in Gizeh und die Tempel in Assuan erst jetzt mit seiner Tochter entdeckte. Oder vom spanisch-britischen Kellner, dass er nach Stockholm ausgewandert ist, wegen seiner schwedischen Frau.

Die Herzlichkeit und Wärme von Marian und Arjan in Tived blieben unübertroffen. Sie sind Gastgeber aus Passion und Liebe zu den Menschen, was sich in ihren liebevoll ausgestatteten Häuschen und Marians schwedisch-holländischer Gourmetküche zeigt.

In Stockholm wurde es grossstädtischer, das Lächeln der Rezeptionistinnen wirkte aufgesetzt und etwas steif. Aber auch im riesigen Hotel wurden wir stets freundlich und entgegenkommend behandelt.

Mit Christoph und seinem Gefährt unterwegs zu sein ist manchmal amüsant, manchmal herausfordernd. Der Swiss Trac ist überall im Ausland eine Attraktion, was zu vielen Blicken, Kommentaren und Fragen oder gar zu Gesprächen führen kann. Ich mochte es, die Leute, die uns begegneten und ihren jeweiligen Gesichtsausdruck zu beobachten. Herausfordernd war, durch die Menschenmenge zu kommen. Ich konnte mich durchschlängeln und ausweichen, Christoph musste immer wieder abbremsen und warten. Er wird trotz der Grösse seines Gefährtes oft übersehen, vor allem von den Touristen. Da braucht es seine Geduld und meine auch. Geduld und einen geschulten Blick brauchten wir auch, wenn es darum ging, in einer Altstadt ein rollstuhlgängiges Restaurant zu finden. In den modernen Quartieren einer Stadt ist das Unterwegsein mit Rollstuhl recht unkompliziert. Davon wird Christoph noch berichten, er ist da ja der Experte.

Wie vielfältig Schweden landschaftlich ist, konnten wir dank unseres Wunderautos sehen und erleben. Die vielen Kilometer wurden zwar für uns beide eine Herausforderung. 300 Kilometer an einem Tag, mehrheitlich auf der Autobahn, waren für mich als Fahrerin ermüdend, für Christoph das lange Ausharren im Auto eine Plage. Und trotzdem haben sich all diese Mühen gelohnt. Wir haben so viel Schönes, Überraschendes und Spannendes erleben dürfen, sind von den unterschiedlichen Landschaften, der üppigen Natur und der Herzlichkeit der Menschen begeistert. Deshalb sagen wir auf Wiedersehen oder wie es die Schweden sagen: Hej då!

Fazit Mr. Ed on tour 2023

Das waren sie nun, die 16 Tage Dänemark und Schweden. 1357 km Autofahrt, sechs Unterkunftsorte und ungezählte Erlebnisse und Eindrücke. Erstes Fazit: es hat sich gelohnt!

Vor meiner etwas ausführlicheren Rückschau will ich hier noch erwähnen, dass es meine erste Reise im Rollstuhl war, die ich von einem Reisebüro organisieren liess. Die letzten Trips habe ich selber geplant und gebucht. An Reiseerfahrung fehlt es mir weder als Fussgänger noch als Rollstuhlfahrer.

Aus Sicht eines tetraplegischen MS-Patienten hat die Reise denkbar schlecht begonnen. Bereits am ersten Ort nicht die erwartete Hotelinfrastruktur anzutreffen, und das notabene um Mitternacht, ist nicht einfach nur ärgerlich. Hätte ich nicht extra drei Wochen vorher nochmals nachgefragt, dann hätte ich eine teilweise Schuld bei mir suchen müssen.

Die unsägliche Reaktion der Reisebüroberaterin auf meine geharnischte nächtliche E-Mail aus Kopenhagen führe ich auf mangelndes Wissen zurück. Ein Rollstuhlfahrer kann nicht einfach mal schnell aufstehen, den Rollstuhl unter den Arm nehmen und das Problem fehlender rollstuhlgängiger Toiletten lösen. Der Rollstuhl ersetzt unsere Beine und müssen durch die Türe passen. Punkt!

Die Ersatzunterkunft in Kopenhagen war sehr gut, die weiteren Unterkünfte ebenfalls. Vor Brösarp wurden wir vorgewarnt, dass das Hotel knapp tauglich sei. Die Befürchtung, dass es schwierig werden würde, bewahrheitete sich nicht. Das Ambiente, die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Gastgeber muss man erlebt haben. Für alles gab es Lösungen.

Bungalows in Hestra und im Tiveden Nationalpark perfekt, die grossen Hotelanlagen in Grebbestad und Stockholm gut. Das Hotel in Stockholm lag zudem supernahe zur Autovermietung, zum Bahnhof und zur Stadt. Dass die rollstuhlgängigen Hotelzimmer nicht immer den besten Ausblick haben, ist das Los von Rollstuhlfahrern. aber man will ja auch nicht den ganzen Tag im Zimmer bleiben. Darum ist dieser Punkt nicht so wichtig.

Dänemark und Schweden haben den Ruf, rollstuhlfreundlich zu sein. Dies kann ich mit einem kleinen Abstrich absolut bestätigen. Der kleine negative Punkt sind die Ausflugsboote in Kopenhagen und Stockholm. Die sind schlichtweg nicht erreichbar für Rollstuhlfahrer. Alternative Angebote habe ich nicht gefunden. Aber auch so gab es für mich in beiden Städten viel zu entdecken.

Klar, viele Restaurants sind nicht erreichbar für Rollstuhlfahrer. Aber das kennt man auch aus der Schweiz. Und wegen eines Rollstuhlfahrers pro Woche ein Restaurant im Keller rollstuhlgängig zu machen, macht nicht Sinn. Hier ist halt auch das Akzeptieren der Situation notwendig.

Die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit Rollstuhlfahrern gegenüber ist in Dänemark und Schweden vorbildlich. Nach meinen vielen Reisen weiss ich sehr wohl zu unterscheiden, ob es eine mitleidige Freundlichkeit ist oder eine ehrlich gemeinte. Und für diese beiden Länder gilt ganz klar: ehrliche Freundlichkeit!

Diese Reise war sowohl aus körperlicher als auch geistiger Sicht herausfordernd. Im Gegensatz zu meiner letzten Reise 2019 in die USA und nach Kanada ist meine körperliche Situation massiv schlechter. Vor vier Jahren bezeichnete ich mich als paraplegischer MS-Patient, der vieles noch selbstständig erledigen konnte. Bei dieser Reise nun war ich stark abhängig von meiner Begleitung. Es ist toll und ich bin dankbar, wie gut ich umsorgt wurde.

Mr. Ed on tour, die vierte Reise mit Blog, macht nun wieder etwas Pause. Wohin die nächste Reise gehen wird, steht im Moment noch in den Sternen. Norwegen, Irland, Hurtigrouten, Costa Rica – es gäbe noch so viele Reiseziele.

Und zum Schluss noch die Namensgebung für meinen Rollstuhl. Danke für die vielen Ideen. Spannend, welche Vorschläge uns erreichten. Die Wahl ist nicht einfach. Weil Vera und ich wohl auch auf unserer nächsten Reise blogaktiv sein werden, muss der Name auch etwas für die Geschichten hergeben. Und da fallen dann leider viele Vorschläge raus.

Vera hat in einem ihrer Beiträge berichtet, dass wir am Eingang eines britischen Königshaus-Fanshop von Queen Elizabeth II zum Tee geladen wurden. Was liegt nun also näher, als dem Thronfolger von Mr. Ed das „II“ anzuhängen. Zumal der neue Rollstuhl ähnliche Attitüden zeigt wie sein Vorgänger. Darum: Mach’s gut Mr. Ed und willkommen Mr. Ed II !

More to come soon. Stay tuned!

Kulinarische Bruchlandung in Zürich

LX 1251 startet in Stockholm Arlanda mit einer halbstündigen Verspätung in Richtung Schweiz. Nach der Gepäckaufgabe inklusive Suchens des Übergepäckschalters haben wir nach der Sicherheitskontrolle noch Zeit, einen letzten Kanälbulle (Zimtschnecke) zu geniessen. Ja, wir zelebrieren den Moment fast, obwohl es keine richtige schwedische Fika ist. Tee oder Kaffee fehlen.

Während des rund zweistündigen Fluges weiss ich auf einmal, was ich noch am Flughafen Zürich essen will: Spaghetti Bolognese.

Wie üblich dauert es seine Zeit, bis ich das Flugzeug verlassen kann. Erst, wenn alle Passagiere ausgestiegen sind, kommt der Dienst und transportiert mich auf einem wunderbar engen Flugzeugrollstuhl zu meinem. Und der Mitarbeiter hat doch tatsächlich den 65 kg schweren Swiss Trac vom Gepäckraum die enge Treppe hinaufgetragen und vor die Bordtüre gestellt. Dafür darf er nun noch den übergewichtigen Passagier transferieren. Toll, wenigstens kann er sich das Fitnessstudio sparen.

Nachdem wir auch wieder im Besitz der restlichen Gepäckstücke sind, den Zoll ohne Kontrolle passiert haben, machen wir uns auf die Suche nach Spaghetti Bolognese. Wohl finde ich im elektronischen Guide ein italienisches Restaurant, aber den Weg dorthin nicht. Mein Hungergefühl senkt meine Wohlfühltemperatur in die Minuszone. Am Schluss müssen wir uns bei einem Fastfoodanbieter mit Chicken Nuggets, Pommes Frites und einem einfachen Salat eindecken lassen.

Der Kreis schliesst sich. Als wir uns vor 16 Tagenvor dem Flug verpflegten, assen wir in einem namhaften Restaurant eine Foccacia, die schrecklicher nicht schmecken konnte.

Die Schweiz hat uns wieder und wir haben wieder unsere kulinarischen Sorgen. Ich wünsche mich nach Schweden zurück. Ich wüsste genau, wo ich nun essen würde. Vielleicht sollte ich den Flugplan studieren …

More to come. Stay tuned!

Stockholm entdecken

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Heute gehen wir einmal getrennte Wege: Christoph zieht es auf eine kleine Insel, auf der alte Militäranlagen und Werke von Tinguely und Nikki de Saint Phalle zu sehen sind.

Ich will eine Stadtführung per Hop on hop off-Bus machen, um etwas mehr von der Stadt zu erfahren. Die Fahrt dauert zwei volle Stunden und meine Geduld wird vom Fahrstil des Chauffeurs und von den vielen roten Ampeln strapaziert.

Hier einige meiner Erkenntnisse, die ich trotz meiner Ungeduld aus den interessanten, manchmal sogar amüsanten Informationen gewinnen konnte. Es ist eine Aufzählung, die keine bestimmte Reihenfolge einhält und überhaupt nicht historisch fundiert ist. Ein Mosaik aus verschiedensten Informationen zu Stockholm:

Am Ufer des Mälarensees wohnen die Reichen Stockholms. Hier sind die teuersten Wohnungen und Häuser der Stadt zu finden.

Am gegenüberliegenden Ufer steht das Gebäude der alten Münchner Bierbrauerei, wo vor langer Zeit Frauen die Flaschen und Fässer abfüllten. Die Brauerei sollte abgerissen werden, doch protestierten die Stockholmer und aus der Brauerei wurde ein Kulturzentrum.

Eindrücklich ist, dass eine Schleuse den Mälarensee vom Meer trennt: der Seespiegel liegt 8 cm über dem Spiegel des Meeres. Hier bei der «Schluss» (Schleuse) vereinen sich der See und das Meer. Der Untergrund der Häuser am Ufer bei der Schleuse hebt sich pro Jahr um 2mm, was bewirkt, dass sich die Häuser immer mehr zur Seite oder nach hinten neigen. Keines dieser Häuser sei gerade und alle hätten schiefe Wände und Böden.

Stockholm wurde erst zu Schwedens Hauptstadt, als sich der damalige König nach seinem ständigen Herumreisen fest in Stockholm niederliess.

Im 18. Jahrhundert ordnete der König an, dass die Häuser gelb oder orange angemalt würden, damit die dunkel wirkende Stadt heller werde. Die rote, dunklere Farbe, die Macht anzeigte, wurde nicht mehr verwendet.

Der Stockholmer Zirkus ist in einem gemauerten Rundbau untergebracht und noch heute finden dort Vorstellungen statt.

In Stockholm gibt es eine Eisbar, die das ganze Jahr auf -5 Grad Celsius hinunter gekühlt wird. Die Möblierung und die Gläser sind aus Eis und die Gäste werden mit warmen Ponchos und Handschuhen ausstaffiert, damit sie nicht frieren. Diese Bar sei vor allem im Sommer bei den Stockholmern beliebt.

Nach dieser informativen Fahrt will ich nochmals Gamla Stan, die Altstadt, besuchen. Ich bin neugierig, wie weit sich der Trubel der Touristen ausbreitet und ob es auch stille Gassen und Orte gibt. Tatsächlich ist schon eine Nebengasse der Hauptgasse kaum belebt und wunderschön, besonders da es hier weder Läden noch Restaurants gibt. Hier findet man eher Handwerker und Buchläden. Es gibt viele solcher Gassen zu entdecken, eine fällt besonders auf. Sie ist nur 90 cm breit, wird jedoch nachts auch mit Strassenlaternen erleuchtet.

Zwischendurch finde ich Plätze, die beliebte Fotosujets für Touristen sind, etwa die bunte Häuserreihe, die auf Postkarten und Souvenirs immer wieder abgebildet werden.

Ich treffe mich mit Christoph. Doch für ihn und sein Gefährt sind die unregelmässigen Pflastersteine kräfteraubend und mitunter schmerzhaft. So geniesst er einen Kaffee, während dessen ich auf die Suche nach Mitbringsel gehe. Das sollte hier eigentlich kein Problem sein, es wird eines, wenn man keinen Ramsch kaufen will.

Zum Abschluss unserer Stockholmer Zeit gibt es noch ein feines Abendessen, dann spazieren wir durch die moderne Geschäftsstrasse zurück zum Hotel.

ABBA The Museum

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Nach dem Frühstücksbuffet, das räumlich und vom Angebot her so riesig ist, dass ich mich fast verlaufe und kaum weiss, was ich mir auf meinen Teller legen soll, gehen wir wieder los. Unser Ziel: ABBA The Museum. Der Weg führt uns einem Hafen entlang, wo Fischkutter und Touristenboote nebeneinander anlegen. Die Promenade führt dem «Royal Drama Theater» und weiteren imposanten und stattlichen Palästen vorbei. Vornehme Reihenhäuser in jugendstilähnlicher Bauweise schliessen sich an, eine der teuersten Wohngegenden Stockholms. Unser Weg geht über eine weitere Brücke auf die Insel der Museen. Hier gibt es fast alles, was einen zu interessieren vermag: Kunst, Botanik, das versunkene Vasa-Schiff, das mühevoll aus dem Meer geborgen wurde, Volkskunde und noch viel mehr. Christoph hat unsere Eintrittskarten fürs ABBA-Museum online gebucht, damit wir nicht lange für Tickets anstehen müssen. Unsere Gesichter werden lang, als wir die unendliche Warteschlange vor dem Eingang der voraus gebuchten Tickets sehen. Eine halbe Stunde werden wir von ABBA-Musik auf die Ausstellung vorbereitet. Endlich ist es soweit, das hilfsbereite Personal hilft uns, den SwissTrac zu deponieren und dann geht’s los in die laute, glitzernde ABBA-Welt. Die Ausstellung ist toll gemacht, man erfährt alles über den Werdegang von Agnetha, Anni-Frid, Björn und Benny, ihre vorgängigen Solokarrieren, wie sie sich gefunden haben, die Erfolgswelle mit ihrem ehrgeizigen Manager und seiner Frau und vom Ende in Japan 1982. Die extravaganten Kostüme sind zu bewundern, deren Film zu ABBA-Avatar, die Entstehung von Mamma Mia! zu sehen. Man kann mitsingen, auf der Bühne auftreten, alles tun, was das Herz eines überzeugten ABBA-Fans höher schlagen lässt.

Nach eineinhalb Stunden verlassen wir mit dröhnenden Ohren, ein paar ABBA-Ohrwürmern und vielen glitzernden Eindrücken das Museum. Draussen empfängt uns ein stürmisches Stockholm mit einem kalten, heftigen Wind und Nieselregen, so dass wir uns möglichst schnell in die Wärme unseres Hotels flüchten.

Von Tived nach Stockholm

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Wir brechen von Tived in Richtung Stockholm auf, die letzte Fahrt in unserem intelligenten Vehikel (siehe «Moderne Fahrzeuge überfordern mich»). Zuerst zieht es uns für einen kurzen Abstecher in den Tivedens Nationalpark. Das Navi zeigt uns den Weg, die Strasse wird schmaler, der Wald rechts und links immer dichter. Nach 15 km erreichen wir den Eingang zum Park: ein riesiger Parkplatz, Infotafeln und die Aussicht auf einen See mit Inseln. Hier liesse es sich wunderbar wandern oder biken. Da wir nur wenig Zeit haben, wir müssen unser Auto um 17 Uhr in Stockholm abgeben und haben noch eine dreistündige Fahrt (ohne eingerechnete Pausen) vor uns, sehe ich mich kurz um und schiesse ein paar Fotos. Dann starte ich das Auto. Christoph findet es langweilig, den gleichen Weg zurück zu fahren (so gibt ihn das Navi an) und gibt mir seine Copilot-Anweisungen. Wir fahren wieder auf schmalen Strassen, die in noch schmalere einbiegen, zu Naturstrassen werden und irgendwo im Nirgendwo auf einem Bauernhof ein Ende finden. Das Navi zeigt uns einen Waldweg an, schmal und vermutlich ohne jegliche Chance das Auto zu wenden. Jetzt wird es auch dem Copiloten zu abenteuerlich und ich wende das Auto, solange noch Platz genug dafür vorhanden ist.

Bald sind wir auf der sicheren Strasse zurück und fahren erst über Land, immer nach Elchen Ausschau haltend, dann geht’s auf die Autobahn, wo zwischendurch die Elch-Warnschilder auftauchen. Bis kurz vor Stockholm halten sich die scheuen Tiere versteckt. Im Zoo in Stockholm hätten wir noch eine Chance …

In Stockholm lade ich zum letzten Mal unser Gepäck und den SwissTrac aus und zum letzten Mal schaffen wir den kraftaufwändigen Transfer von Christoph. Unser Hotel liegt praktischerweise nur 10 m von der Abgabestelle weg, so haben wir schnell eingecheckt und sind frei für die Entdeckung von Stockholm.

Wir gehen Richtung «Gamla Stan», der Altstadt Stockholms. Über eine der 57 Brücken der Stadt, die auf 14 felsigen Inseln erbaut wurde. «Venedig des Nordens» wird Stockholm auch genannt, dies zu Recht, denn wenn man hier unterwegs ist, trifft man immer wieder auf Wasser, das überquert werden muss, sei es ein Kanal, der Mälarensee oder das Meer.

Die Altstadt ist eine Touristenattraktion sondergleichen und entsprechend viele Menschen drängen durch die beiden Hauptgassen mit Souveniershops, Kleidergeschäften, Cafés und Restaurants. Wir lassen uns erstmal mittreiben, gehen dann die etwas ruhigere zweite Gasse zurück und lassen uns zum Abschluss des Tages in einem Restaurant verwöhnen.

Schweden ohne Elche zu sehen?

Dutzende Warnschilder haben sie uns angekündigt, Elche.und bei jedem dieser Schilder haben wir noch intensiver in den Wald geschaut. Dort hinten, könnte doch einer sein. Oder in dieser Baumgruppe. Oder zwischen und in den Gebüschen.

Zu übersehen werden die Viecher ja nicht sein, bei einer Schulterhöhe von 1,80 m. Das Gewicht über 600 kg. Ihr Geweih könne bis 2 m lang werden, 40 kg wiegen und bis zu 32 Enden haben. Nur hören wird man sie wohl kaum, ausser der Elchhirsch ist brünstig. Wir haben die Laute gegoogelt und waren überrascht, wie schwach sie rufen. Seither ist es für uns ein Runninggag, wenn wir im Auto einen Elchlaut von uns gegeben haben.

Und wieder fahren wir an einem Warnschild für welche vorbei. Blitzschnell schaue ich in den Wald und sehe unzählige Elche. Juhui, endlich! Aber es bewegt sich nichts. Im Internet werde ich dann fündig, welchem Irrtum ich aufgesessen bin. Da steht nämlich: Wenn der Elch sich nach 15min noch immer nicht bewegt hat, ist es nur ein großer brauner Stein oder ein Baumstumpf.

Für die Elche in Südschweden wird es zukünftig nicht einfacher. Die Erderwärmung macht auch vor ihnen nicht halt und ihr natürliches Verhalten hat sich verändert. So wird es für die Elchkühe schwieriger, genügend Futter für sich und die Kälberaufzucht zu finden. Zudem sind sie eher nachtaktiv.

Bis nach Stockholm gebe ich die Hoffnung nicht auf, einen Elch in der Natur zu entdecken. Aber ich werde enttäuscht, keiner ist zu sehen.

Nur gut, habe ich mir im Resort in Hestra einen Stoffelch erstanden. Dieser wird mich künftig in meiner Wohnung daran erinnern, dass ich noch einmal nach Schweden reisen und auf Elchsichtung gehen sollte. Schweden, das ist für mich definitiv so, ist immer wieder eine Reise wert.

More to come. Stay tuned!

Tived oder «Bullerbü»?

Wir sind wieder mit unserem Wunderauto unterwegs, die Fahrt führt weg von der Westküste Richtung Osten zu den grossen Seen Südschwedens. Unsere nächste Unterkunft liegt am Undensee, einem Nebensee des Vätternsees. Ein kleines familiäres Resort mit acht roten Häuschen, von denen wir eines bewohnen. Von den tollen Gastgebern hat Christoph schon geschrieben («Bin ich ein Schwede?»).

Den ersten Abend lassen wir nach dem Abendessen am See ausklingen, wo wir um 21.15 Uhr einen wunderschönen Sonnenuntergang erleben.

Am nächsten Tag wollen wir das Dorf Tived entdecken, das viereinhalb Kilometer von unserer Unterkunft entfernt ist. Da die Waldwege für Christoph unpassierbar sind, benützen wir die Hauptstrasse. Rechts und links bekommen wir einen ersten Eindruck vom «Urwald» des Tivedens Nationalparkes. Dichtester Wald wechselt mit steinigen Hügeln ab. Bald einmal biegt die Strasse nach Tived ab, und wir befinden uns in einer völlig anderen Welt. Vereinzelte schmucke rote Häuser, zum Teil Bauernhäuser mit Pferdekoppeln davor, dazwischen grüne Wiesen, die teilweise zu den Grundstücken zu gehören scheinen. Mitten drin eine kleine weisse Kirche. Ich komme mir vor, als sei ich in Astrid Lindgrens Bullerbü gelandet. Die roten Häuser mit den weissen Fensterrahmen, den weissen, filigran geschnitzten Dachleisten und Veranden lassen mich, wie damals als Kind, in die Bullerbü-Geschichte eintauchen und ich erwarte, dass jeden Augenblick eines der Bullerbü-Kinder aus einem der Häusern gerannt kommt. Aber nein, das sind nur Gedankenreisen. Doch ist das Dorf Tived mit seinen roten Häusern ein echtes Bijou. Hier wirkt alles friedlich und gemütlich.

Wir spazieren durchs Dorf, vorbei an einem geschlossenen Laden, es ist Sonntag, und einem kleinen Wirtshaus, das die Gäste im hauseigenen Garten empfängt. Sofort ist uns klar, wo wir heute unsere «Fika» abhalten werden. Zuerst wollen wir noch zu der Kirche gehen. Sie ist, wie die meisten Kirchen in Schweden, abgeschlossen. Rund um die Kirche ist ein grosser Friedhof angelegt. Die Gräber liegen in weiten Abständen zueinander und die meisten Grabsteine sind mit einem Holzpflock und einem synthetischen Band stabilisiert. Als ich die Daten der Verstorbenen lese, wird mir schnell klar, wieso diese Vorrichtungen bestehen: da gibt es Gräber von Menschen, die von 1865 bis 1956 oder von 1867 bis 1946 gelebt haben. Ihre Gräber scheint man hier weiterhin zu pflegen. Ob dies die Nachkommen tun? Ein Grab berührt mich auf besondere Weise. Hier sind zwei Frauen begraben: Anna Eriksson, 1888 bis 1941 und Maria Eriksson, 1879 bis 1963. Waren die beiden Schwestern oder sonst miteinander verwandt? War Anna krank, dass sie bereits mit 53 Jahren verstarb? Und welche Erfahrungen hat Maria in ihrem Leben gemacht, das sicher von beiden Weltkriegen beeinflusst wurde? Geschichten fallen mir ein, die jedoch den Rahmen dieses Beitrags sprengen würden.

Wieder in der Gegenwart nehmen wir den Weg zurück zu der kleinen Wirtschaft, die mehr einem Bistro gleicht. Junge Leute stehen hinter der Theke, wo oben drüber das ganze Angebot auf schwarze Tafeln geschrieben steht. In Schwedisch natürlich, das ich jedoch langsam bruchstückhaft verstehe, wenn ich es in schriftlicher Form vor mir habe. Hilfsbereit gibt mir eine junge Frau eine englisch geschriebene Karte. Es gibt Burger und Pizzas in vielen Varianten, Gebäck oder Eis. Heute wird unsere «Fika» etwas grosszügiger, wir teilen uns eine sehr knusprige Pizza und eine Schokoladenkugel. Wir geniessen den schönen Garten, der von vielen jungen Leuten bevölkert wird und bestaunen die Landschaft und die Nachbarhäuser.

Für den Rückweg teilen wir uns auf, Christoph fährt auf der Strasse mit höherem Tempo, da es zu regnen beginnt, und ich mache mich auf zum Waldweg-Abenteuer. Der Weg ist für Radfahrer und Reiter gedacht und so gekennzeichnet. Erst ist er breit, ein richtiger Waldweg. Ich tauche in Felder von grossen Farnen, hohen Bäumen und farbigen Blumen ein. Hier wachsen Lupinen wild und wechseln sich mit Klee und sonstigen farbenfrohen Blumen ab. Der Weg wird schmal und zu einem Pfad, der sich zwischen dichten Sträuchern, Felsbrocken und sumpfartigen Gewässern durchschlängelt. Einmal ist er in Strassennähe, dann wieder entfernt er sich davon und ich sehe nur noch moosbewachsene Steine und dichten Wald um mich herum. Ich bin fasziniert und etwas beunruhigt zugleich, mitten im Wald ohne Orientierungspunkt zu weilen, fällt mir nicht ganz leicht.

Aber ich bin auf dem richtigen Weg und biege nach weiteren Minuten auf einen breiten Waldweg ein, der zur Hauptstrasse und zu unserem Häuschen zurückführt.

Moderne Fahrzeuge überfordern mich!

Vor 39 Jahren habe ich meinen PW-Führerschein gemacht. Den für Lastwagen und schwere Anhänger vor 38 Jahren. Und ich hatte die Bewilligung, gefährliche Güter zu transportieren.

Mein erstes Auto, ein Opel Jahrgang 1978, hatte vier Gänge, ein Kupplungs-, ein Brems- und ein Gaspedal. Eine Handbremse, ein Blinkerhebel und einen für den Scheibenwischer. Die Anzeigen im Cockpit waren die Geschwindigkeit, die Motorentemperatur und der Tank. Das war’s. Auch die Lastwagen waren eher spartanisch ausgerüstet.

Wie bereits geschrieben, fährt Vera mich in einem topmodernen, über 100 000 Franken teuren weissen Audi A6 Quattro durch die schwedische Landschaft.

Bereits in Malmö, im sechsten Stock eines Parkhauses beginnt das Abenteuer. Vera hat einen Schlüsselbund mit zwei Tasterkästchen in der Hand. Das eine, so wurde uns erklärt, wäre für die Heizung, die maximal eine Viertelstunde vor Abfahrt gestartet werden kann. Brauchen wir nicht, 25 Grad Celsius reichen als Wärme. Mit dem anderen Taster lassen sich Türen und Heckklappe öffnen. Nur, es blinkt und leuchtet wie verrückt rund um das Auto, aber nichts öffnet sich. Obwohl ich seit sechs Jahren nicht mehr Auto fahren kann, habe ich doch wohl genügend Erfahrung, ein Auto öffnen zu können.

Irgendwann finden wir es heraus, haben Waren und Menschen im Auto und wollen starten. Nur, so einfach geht das nicht. Drei Bildschirme voll mit Informationen leuchten uns entgegen. Ein Flugzeugcockpit ist Pipifax dagegen. Benutzer und Zieladresse eingeben, Motor starten und es piept und leuchtet auf einmal wie verrückt. Warnung Hindernis. Vera ist noch kein Zentimeter gefahren. Kommt das gut?

Irgendwie schaffen Vera und ich es aus der Stadt, sie als Driving Pilot (abgeleitet von Flying Pilot aus der Fliegerei), ich als ihren First Officer (Co-Pilot) mit Blick auf Anzeigen und Navi.

Wir sind auf der Autobahn in Richtung Nordwesten, Vera beginnt sich zu entspannen. Ich mache den DJ (ich habe inzwischen herausgefunden, wie ich mein iPhone mit dem Audi verbinden kann) und spiele von Züri West das Lied Göteborg. Wir geniessen die Fahrt in der Abendsonne. Kurs 90, Speed 110.

Auf einmal ruckelt das Auto. Ein Luftloch (Turbulenz) am Boden? Nicht wirklich. Minuten später schon wieder. Jedesmal, wenn Vera die Umgebung anschaut. Okay, könnte eine Art Fahrspurkontrolle sein (ich habe einmal von meinem Sohn davon gehört). In einer guten Zeit erreichen wir unseren Zielort, haben alle Radaranlagen ohne Fototermin passiert. Nach Zetter- und Mordiogepiepe und -geblinke steht unser Fahrzeug sicher vor der Unterkunft.

Auf der Fahrt bis nach Stockholm machen wir dann noch Bekanntschaft mit vielen weiteren Funktionen. Beim nächsten Tanken 6 Liter AdBlue nachfüllen, Rast empfohlen, Auto bremst im Autopilot bei zu nahem Auffahren selbstständig ab, Scheibenwischer geht an, weil der Vordermann die Scheibe reinigt und und und. Und ich bin mir sicher, wir haben nur einen Bruchteil davon erfahren.

Wir haben Stockholm gut erreicht. Oft haben wir uns gefragt, wie man immer ein solches Fahrzeug fahren kann. Das Geschrei von Autolobbyisten ist uns im Ohr, wie sie immer mehr bevormundet werden. Und dann fahren sie Autos, die ihnen alles vorsagen. Was, wenn eines Tages das teure Auto nicht weiter fährt, weil keine Rast gemacht wurde oder der Tank nicht mehr weit reicht?

Gut, habe ich mein Zuggerät, den Swiss Trac. Ein Schalter für zwei Fahrgeschwindigkeiten, ein Geschwindigkeitshebel, eine Handbremse und eine Batteriestandsanzeige. Das genügt mir fürs Geniessen der Umgebung. Schliesslich leben Geniesser länger, wie Die Prinzen in ihrem Lied Fahrrad festgehalten haben …

More to come. Stay tuned!