Traumreise mit Überraschungstag

Nun also gehörte die Schiffsflagge rechtlich mir, aber sie hing noch am Heck der MS Polarlys. Einen Wunsch hatte ich dennoch, den ich dem Expeditionsleiter mitteilte: «Ich möchte gerne die Signatur des Kapitäns auf der Fahne haben.»

Seine Antwort war eindeutig: Das gehe nicht, weil es sich um eine Hoheitsflagge handle, die nicht beschrieben werden dürfe. Es gäbe da klare Vorschriften. Nun, mir war ja in erster Linie wichtig, die Flagge überhaupt mit nach Hause nehmen zu können. Und das hatte ich ja mit meinem Gebot und dem Gewinn der Auktion erreicht.

Jan, so der Name des Expeditionsleiters, sagte jedoch, er würde schauen, was er für den morgigen Tag – also den zweitletzten Tag vor der Ausschiffung – organisieren könne.

Ich wurde gerade von Petra gepflegt, als plötzlich unser Kabinentelefon läutete. Am Apparat war Jan. Um 12.15 Uhr hätte der Kapitän Zeit, mir die Fahne zu übergeben. Ich solle doch um 12.00 Uhr zu ihm kommen, und dann würden wir gemeinsam ans Heck des Schiffs gehen für die Flaggenübergabe.

Und was dann folgte, übertraf meine kühnsten Erwartungen.

Jan begleitete mich und Vera ans Heck des Schiffs, zur Flagge. Sie flatterte immer noch im Wind, und meine Vorfreude war gross, sie bald in meinen Händen halten zu können.

Punkt 12.15 Uhr tauchten dann der Kapitän Lars Kalås und der Hotelmanager Marco Voigtländer auf. Ich wurde von beiden begrüsst, und in einem kleinen Zeremoniell zogen sie meine Flagge ein. Damit das Schiff gleich wieder unter der Hoheitsflagge fahren konnte, wurde eine neue aufgezogen.

Der Kapitän und sein Hotelmanager versuchten sich im Singen der norwegischen Nationalhymne – ein Erlebnis für sich. Dann folgte die Übergabe der Fahne mit einem Gruppenbild, das für sich spricht.

Nochmals wurde erklärt, dass diese Flagge nicht signiert werden dürfe. Doch sie hatten eine andere Überraschung für mich: die Fahne der Schiffsgesellschaft Hurtigruten, versehen mit der Widmung MS Polarlys, dem Reisedatum 2. September bis 13. September 2025 und der Unterschrift des Kapitäns. Auch hier folgte nochmals ein kleiner Fototermin.

Die Reise mit den Hurtigruten war meine elfte Kreuzfahrt, und schon immer hatte ich mir gewünscht, einmal die Brücke besuchen zu können. Im Rollstuhl hatte ich diesen Wunsch aber längst verworfen, und umso mehr war ich überrascht, als der Kapitän mich auf seine Brücke einlud. Ein einmaliges Erlebnis – und mein Grinsen hätte nicht grösser sein können.

Mit einem schönen Abschiedsfoto zusammen mit dem Kapitän auf der Brücke konnte meine Reise in den hohen Norden nicht besser zu Ende gehen. Ich war tief berührt über das Team und über die Art, wie sie mir eine Riesenfreude gemacht hatten.

Wie meinen Augapfel hütete ich die Schiffsflagge und die Hurtigrutenfahne, bis sie nun bei mir zu Hause darauf warten, schön präsentiert zu werden.

Die Schiffsflagge als Erinnerung an meine letzte Traumreise auf meiner Bucketlist 

Einige Zeit, bevor ich auf die Reise mit Hurtigruten ging, sah ich mir einen Dokumentarfilm über die Reise an. Und da habe ich gesehen, dass sie jeweils die Schiffsflagge für ihre Foundation versteigern. Für mich war ab dem Moment klar, dass diese Fahne, egal wie, am Schluss mit mir die Heimreise antritt.

Und am zehnten Tag war es dann endlich so weit. Die Versteigerung von einer Schiffskarte und einem Kunstgegenstand waren angesagt. Aber nirgends stand, dass die Flagge auch versteigert wird. Eine kleine Enttäuschung stieg in mir auf. Am elften Tag dann aber sah ich eine noch bügelfrische Flagge auf dem Tisch liegen. Und sie war tatsächlich in einer stillen Auktion zu ersteigern. Klar, dass ich da mitmachen musste.

Noch vor dem Frühstück gingen wir uns den Zettel anschauen. 800 norwegische Kronen (NOK) waren das Mindestgebot, also rund 68 Franken. Darunter stand schon jemand, der 1500 NOK geboten hatte.

Nach dem Frühstück musste ich natürlich schon wieder schauen gehen, wie hoch der Preis inzwischen war. Nun waren sie bei 2500 NOK. Ich bat Vera, den Betrag auf 3000 NOK zu erhöhen.

Danach ging es auf einen Landausflug. Gedanklich war ich aber immer wieder bei der Steigerung, weil ich die Schiffsflagge während der ganzen Reise immer wieder gesehen und mir gesagt hatte: Am Schluss gehört sie mir. Ich war gespannt, wie hoch ich am Schluss bieten muss, damit sie wirklich mir gehören konnte.

Nachdem wir von unserem Landausflug zurückgekehrt waren, war der Preis inzwischen bei 4000 NOK. Klar, dass ich weitere 1000 NOK darauflegte.

Vom Chef des Expeditionsteams erfuhr Vera, dass zwei Jungs die Fahne unbedingt haben wollten. Und tatsächlich, nach dem Abendessen war der Preis inzwischen auf 6000 NOK gestiegen.

Ich setzte den Betrag von 7000 NOK aufs Spiel und fragte mich, wie hoch sie am Schluss gehen würden. Um Viertel nach neun, also eine Viertelstunde vor Ende der Auktion, ging ich dann in den Auktions- respektive in den Shop-Raum. 7100 NOK standen nun auf dem Blatt. Ich erhöhte auf 8000 NOK und sah, wie einer der Jungs dann vorbeischaute, um zu sehen, welcher Betrag nun eingesetzt worden war. Sie berieten sich vor dem Shop noch einmal lange, und drei Minuten vor halb zehn setzten sie 8100 NOK ein. Nun war es an der Zeit, mein wahres Gesicht zu zeigen, und ich bat Vera, 10 000 NOK einzusetzen, also 820 Schweizer Franken.

Einer der Jungs ging hin, schaute sich den Betrag an, und seine Augen wurden gross und grösser, sein Gesicht lang und länger. Da konnten oder wollten sie nicht mehr mitsteigen. Ja, der Leiter des Expeditionsteams zählte dann kurz vor 21.30 Uhr von fünf herunter. Annagret sagte: «Zehntausend zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten», der Hammer fiel, und die Flagge gehörte mir. Das Zeremoniell der Übergabe folgte einen Tag später – und folgt somit auch in einem weiteren Beitrag von mir.

More to come! Stay tuned…

Die netten Kreuzfahrer von nebenan 🤬

Kreuzfahrten, auch unsere Reise mit der Hurtigrutenlinie gehört dazu – auch wenn die maximale Passagierzahl bei 700 Personen liegt. Auf einer Kreuzfahrt sind folglich viele Menschen auf engem Raum unterwegs. Man trifft sich immer wieder: Bei den einen freut man sich darüber, bei den anderen versucht man, ihnen so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. Und es gibt den typischen Kreuzfahrer, der ständig auf der Suche ist, allen anderen alles zu erklären.

Wie so ein Tag abläuft oder wie ein erstes Treffen aussieht, erkläre ich euch. Ohne grosse Gedanken macht sich unsere kleine Reisegruppe – Vera, Petra und ich – auf den Weg ins Restaurant Torget, um unser Frühstück einzunehmen. Wie geplant ist dort ein Tisch für uns reserviert, den ich als Rollstuhlfahrer gut erreichen kann.

Wir sind noch nicht einmal richtig am Tisch eingerichtet, da tönt es vom Nebentisch: «Guten Morgen allerseits!» Eine Frauenstimme ruft es, und auch der Mann stimmt in eine ähnliche Morgenbegrüssung ein.

Ich blinzle nicht einmal, denn diesen Typus von Kreuzfahrern kenne ich nur zu gut von meinen vergangenen Reisen. Keine fünf Minuten vergehen, und schon versuchen diese Damen und Herren einem zu erklären, was man auch selbst sehen kann.

Meine Situation als mobilitätseingeschränkte Person im Elektrorollstuhl lässt auch die Option offen, auf stur zu schalten – oder ähnlich. Heute entscheide ich mich für die «autistische Version»: Das heisst, ich schaue weder die Leute an, noch gebe ich irgendein Wort von mir.

Nachdem wir mit den Zutaten für unser Frühstück wieder an unserem Tisch sitzen, beginnt die Dame nebenan mit Vera zu plaudern. «Wie hat euch die Reise gefallen?», ist die einzige Frage, die sie stellt – dann geht es los: Sie seien in Bergen eingestiegen («wir auch»). Sie hätten den Flug mit KLM über Amsterdam genommen und seien am Tag der Abreise direkt auf dem Schiff in Bergen angekommen («wir nicht»). Die Rückreise würden sie ebenfalls gleich nach der Ankunft in Bergen antreten («wir zum Glück nicht»).

Vera hatte sich zu Beginn noch auf das Gespräch eingelassen, hat aber schnell begriffen, dass man nur mit einem Rückzug sein Frühstück in Ruhe essen kann.

Aber ist man erst einmal in ihren Fängen, dann sind sie wie Kletten – man wird sie nicht mehr los.

Die «Klette» quatscht weiter, obwohl Vera ihr gar nicht mehr zuhört und keine Antworten mehr gibt.

«Wir haben ja bestes Wetter für unsere Reise, und das Essen ist so gut. Habt ihr dies und das auch schon gesehen? Und wir haben ja noch so viel vor uns. Obwohl, die Reise ist ja bald zu Ende. Bla, bla, bla.»

Ich bin mir gar nicht sicher, ob sie wirklich alles so gesagt hat – aber es klingt immer gleich.

Einen Tag später sind wir auf einem Landausflug. Und es muss so kommen, wie es kommen muss: Man trifft diese Leute wieder. Sie quasselt irgendetwas von einem Berg mit einem Stein oder so. Vera schaut sie nur kurz an, gibt ein «Ja» zur Antwort und läuft weiter.

Wir fragen uns, wann sie uns das nächste Mal wieder über den Weg läuft, um uns zu erzählen, wie das Wetter jetzt doch gewechselt habe, dass nun Wolken aufgezogen seien und die Sonne gar nicht mehr durchkäme. (Zum Glück sind wir nicht blind und auch nicht auf solche Auskünfte angewiesen.)

In solchen Momenten wäre ich gerne taub. Aber vielleicht würden auch überdimensionierte Kopfhörer helfen, um den eigenen Widerwillen gegen solche Plattitüden zu manifestieren.

Am Abend sehen wir das Paar auf dem Schiff wieder. Zum Glück haben sie jemand anderen gefunden. Das Bild ist aber immer noch das gleiche: Sie quatscht die andere Person im Gehen voll, und ihr «Begleithündchen» hechelt ihr hinterher.

Alles da? Ja, alles da!

Pass, Kreditkarte, Smartphone – das war mein minimal notwendiges Reisegepäck, als ich noch keine Hilfsmittel benötigte. 2007 wurde ein Gehstock notwendig, 2014 folgte der Rollstuhl. Spätestens da veränderte sich meine Art des Reisens wesentlich und die Flexibilität war weg. Auf der Hurtigruten-Reise dieses Jahr begleiten mich 260 Kilogramm Material: ein Rollstuhl (200 kg), ein Patientenlift (27 kg), ein Duschrollstuhl (6 kg) und mein normales Gepäck. Neben einer logistischen Leistung ist auch das Anpacken meiner Assistentin vonnöten.

Der Gesichtsausdruck der Person, die das Gepäck bei mir abholen musste, sprach Bände: Wie kann man nur mit so viel Material eine Reise unternehmen? Spätestens jetzt bewährte sich mein Entscheid, Business zu fliegen. «Sie fliegen Business?», fragte er – die Augen verdrehend.

Schliesslich nickte er nur und meinte «Okay». Daraufhin begann er, jedes Gepäckstück zu versiegeln, zu fotografieren und in seinen Transporter zu laden.

In meiner Wohnung hatte es nun wieder Platz und das Gepäck war auf dem Weg nach Zürich Flughafen. Ich war gespannt, ob alles aufgegeben werden kann. Vor allem der Patientenlift und der Duschstuhl hatten andere Dimensionen und müssten normalerweise als Übergepäck deklariert werden.

Im Laufe des Abends erhielt ich die erste Bestätigung für das aufgegebene Gepäck. Mir war jedoch klar, dass der Patientenlift und der Duschrollstuhl noch nicht eingecheckt waren. In der Nacht kam dann aber auch diese Bestätigung – ein äusserst grosser Schritt und eine grosse Erleichterung.

Beim Transfer in Frankfurt von einem Flieger zum anderen mussten wir – weil es Vorfeldparkpositionen waren – mit einem Lifter ins Flugzeug geladen werden. Da die Kabine noch nicht bereit war, warteten wir einen Moment im Lifter. Dort entdeckte Petra die beiden Kartonschachteln, womit wir sicher waren, dass diese ebenfalls in Bergen ankommen würden.

Kurz nach 23 Uhr landeten wir in Bergen, und etwa eine halbe Stunde später konnten wir unsere Gepäckstücke in Empfang nehmen. Drei Koffer und die zwei Schachteln waren dabei. Meine Erleichterung war riesig.

Gegen zwei Uhr morgens lag ich dann im Bett. Wir drei – gesund und frohgemut – waren angekommen, ebenso wie unser Gepäck. Nach einer guten Reise stand nur noch eine kleine Frage im Raum: Waren die Türen auf dem Hurtigruten-Schiff genügend breit, damit mein Rollstuhl hindurchpasste?

More to come. Stay tuned!

Gepäck vor der Kabine 321 auf der MS Polarlys

Ich bin Charly

Nein, ich hab keinen neuen Namen bekommen. Was es mit Charly auf sich hat, wird im Laufe dieses Beitrages ersichtlich.

Wer als mobilitätseingeschränkte Person mit dem Flugzeug reisen will, braucht vor allem eines: Nerven. Aber auch die richtigen Abkürzungen, um das zu bekommen, was man benötigt. WCHR, WCHS oder WCHC hat nichts mit der Toilette zu tun, auch wenn das WC darauf hinweisen könnte. WCH steht für Wheelchair (Rollstuhl). Das R bedeutet, dass eine mobilitätseingeschränkte Person für längere Strecken auf eine Fahrhilfe angewiesen ist. Das S steht für eine Person, die keine Treppen mehr gehen kann. Und das C schliesslich wird für Passagiere genutzt, die nicht selbständig laufen oder Treppen steigen können. Das Fliegeralphabet kennt eigene Bezeichnungen für die Buchstaben und so steht Charly für das C.

Charly kann nicht gehen. Aber auf unserem Zwischenstopp in Frankfurt weiss niemand, dass ein Charly im Flugzeug ist. So sitze ich gut eine halbe Stunde nach Ankunft in Frankfurt noch immer auf meinem Sitz 6D, neben mir auf Sitz 6C eine knapp 70-jährige Frau, die mich zum Anschlussflug bringen sollte. Irgendwann tauchten dann zwei Personen auf, die mich irgendwie aus dem Sitz rissen (absolut ungeübt und inkompetent) und auf dem Galleystuhl aus dem Flugzeug brachten, mich dort auf ein uraltes Rollstuhlmodell platzierten, was zu für mich mit enormen Schmerzen, einem fast über den Kopf gezogenen Pullover und einer kühlen Brise auf meiner nackten Haut führte. Zum Glück hatte das Flugzeug für unseren Anschlussflug Verspätung, so endete unsere Reise nicht schon in Frankfurt.

Wer nun denkt, schlimmer könne es nicht werden, der soll einmal gegen Mitternacht in Bergen als Charly ankommen. Da warten zwei Frauen, jung, aber gebrechlicher wie die alte Frau in Frankfurt, und reissen mich aus dem Sitz, so dass ich völlig quer zwischen Sitzreihe 3 und 2 halb am Boden liege und warte, bis noch jemand kommt, der mich mit rund 84 kg Lebendgewicht aus dem Flieger bringt. Charly fliegt und bezahlt Business, jedes Tier im Frachtraum wird besser behandelt.

Im Hotel wird dann aus Charly wieder Christoph und die Ferien können beginnen.

More to come. Stay tuned …

Ziehst du um?

Jede Person, die mir in den letzten Tagen einen Besuch abstattete, stellte die Frage im Titel. In der Tat kann man auf diese Idee kommen, sieht man den Berg, der – und hier kommt ein kleines Wortspiel – nach Bergen muss. Nein, nicht in die Berge. Es geht nach Bergen in Norwegen, von wo meine letzte noch offene Traumreise starten wird: mit dem Postschiff der Hurtigruten von Bergen nach Kirkenes und zurück nach Bergen.

Am 1. September werden Vera, meine Assistentin Petra und ich in Zürich in den Flieger richtig Norwegen steigen. Und dies nach einer mehrmonatigen Planung, damit es für mich und meine Begleitung möglichst angenehm ist. So reisen mit mir nicht nur mein Elektrorollstuhl, sondern auch ein Patientenlift und ein Duschrollstuhl mit. Und das erklärt nun auch den Riesenberg an Gepäck. Und nein, wir fahren nicht mit all dem Gepäck im Zug zum Flughafen. Praktischerweise gibt es einen Abholservice, der das Gepäck gleich auch eincheckt.

Die grosse Frage wird sein: klappt alles? Da müssen die fünf Gepäckstücke in Zürich auf den richtigen Flieger geladen, in Frankfurt auch wieder in den richtigen Flieger nach Bergen umgeladen werden. Klappt das? Und wird auch mein Elektrorollstuhl, der Schwede, den Umlad heil überstehen? Richtig ruhig werde ich erst am späten Montagabend sein, wenn ich im Bett liege, alle Personen gesund im Norden angekommen sind und alles Material vollständig und ohne Schaden mir zur Verfügung steht. Dann, ja erst dann, beginnt meine Reise vor der Küste Norwegens.

More to come. Stay tuned!

Fazit Mr. Ed on tour 2023

Das waren sie nun, die 16 Tage Dänemark und Schweden. 1357 km Autofahrt, sechs Unterkunftsorte und ungezählte Erlebnisse und Eindrücke. Erstes Fazit: es hat sich gelohnt!

Vor meiner etwas ausführlicheren Rückschau will ich hier noch erwähnen, dass es meine erste Reise im Rollstuhl war, die ich von einem Reisebüro organisieren liess. Die letzten Trips habe ich selber geplant und gebucht. An Reiseerfahrung fehlt es mir weder als Fussgänger noch als Rollstuhlfahrer.

Aus Sicht eines tetraplegischen MS-Patienten hat die Reise denkbar schlecht begonnen. Bereits am ersten Ort nicht die erwartete Hotelinfrastruktur anzutreffen, und das notabene um Mitternacht, ist nicht einfach nur ärgerlich. Hätte ich nicht extra drei Wochen vorher nochmals nachgefragt, dann hätte ich eine teilweise Schuld bei mir suchen müssen.

Die unsägliche Reaktion der Reisebüroberaterin auf meine geharnischte nächtliche E-Mail aus Kopenhagen führe ich auf mangelndes Wissen zurück. Ein Rollstuhlfahrer kann nicht einfach mal schnell aufstehen, den Rollstuhl unter den Arm nehmen und das Problem fehlender rollstuhlgängiger Toiletten lösen. Der Rollstuhl ersetzt unsere Beine und müssen durch die Türe passen. Punkt!

Die Ersatzunterkunft in Kopenhagen war sehr gut, die weiteren Unterkünfte ebenfalls. Vor Brösarp wurden wir vorgewarnt, dass das Hotel knapp tauglich sei. Die Befürchtung, dass es schwierig werden würde, bewahrheitete sich nicht. Das Ambiente, die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft der Gastgeber muss man erlebt haben. Für alles gab es Lösungen.

Bungalows in Hestra und im Tiveden Nationalpark perfekt, die grossen Hotelanlagen in Grebbestad und Stockholm gut. Das Hotel in Stockholm lag zudem supernahe zur Autovermietung, zum Bahnhof und zur Stadt. Dass die rollstuhlgängigen Hotelzimmer nicht immer den besten Ausblick haben, ist das Los von Rollstuhlfahrern. aber man will ja auch nicht den ganzen Tag im Zimmer bleiben. Darum ist dieser Punkt nicht so wichtig.

Dänemark und Schweden haben den Ruf, rollstuhlfreundlich zu sein. Dies kann ich mit einem kleinen Abstrich absolut bestätigen. Der kleine negative Punkt sind die Ausflugsboote in Kopenhagen und Stockholm. Die sind schlichtweg nicht erreichbar für Rollstuhlfahrer. Alternative Angebote habe ich nicht gefunden. Aber auch so gab es für mich in beiden Städten viel zu entdecken.

Klar, viele Restaurants sind nicht erreichbar für Rollstuhlfahrer. Aber das kennt man auch aus der Schweiz. Und wegen eines Rollstuhlfahrers pro Woche ein Restaurant im Keller rollstuhlgängig zu machen, macht nicht Sinn. Hier ist halt auch das Akzeptieren der Situation notwendig.

Die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit Rollstuhlfahrern gegenüber ist in Dänemark und Schweden vorbildlich. Nach meinen vielen Reisen weiss ich sehr wohl zu unterscheiden, ob es eine mitleidige Freundlichkeit ist oder eine ehrlich gemeinte. Und für diese beiden Länder gilt ganz klar: ehrliche Freundlichkeit!

Diese Reise war sowohl aus körperlicher als auch geistiger Sicht herausfordernd. Im Gegensatz zu meiner letzten Reise 2019 in die USA und nach Kanada ist meine körperliche Situation massiv schlechter. Vor vier Jahren bezeichnete ich mich als paraplegischer MS-Patient, der vieles noch selbstständig erledigen konnte. Bei dieser Reise nun war ich stark abhängig von meiner Begleitung. Es ist toll und ich bin dankbar, wie gut ich umsorgt wurde.

Mr. Ed on tour, die vierte Reise mit Blog, macht nun wieder etwas Pause. Wohin die nächste Reise gehen wird, steht im Moment noch in den Sternen. Norwegen, Irland, Hurtigrouten, Costa Rica – es gäbe noch so viele Reiseziele.

Und zum Schluss noch die Namensgebung für meinen Rollstuhl. Danke für die vielen Ideen. Spannend, welche Vorschläge uns erreichten. Die Wahl ist nicht einfach. Weil Vera und ich wohl auch auf unserer nächsten Reise blogaktiv sein werden, muss der Name auch etwas für die Geschichten hergeben. Und da fallen dann leider viele Vorschläge raus.

Vera hat in einem ihrer Beiträge berichtet, dass wir am Eingang eines britischen Königshaus-Fanshop von Queen Elizabeth II zum Tee geladen wurden. Was liegt nun also näher, als dem Thronfolger von Mr. Ed das „II“ anzuhängen. Zumal der neue Rollstuhl ähnliche Attitüden zeigt wie sein Vorgänger. Darum: Mach’s gut Mr. Ed und willkommen Mr. Ed II !

More to come soon. Stay tuned!

Kulinarische Bruchlandung in Zürich

LX 1251 startet in Stockholm Arlanda mit einer halbstündigen Verspätung in Richtung Schweiz. Nach der Gepäckaufgabe inklusive Suchens des Übergepäckschalters haben wir nach der Sicherheitskontrolle noch Zeit, einen letzten Kanälbulle (Zimtschnecke) zu geniessen. Ja, wir zelebrieren den Moment fast, obwohl es keine richtige schwedische Fika ist. Tee oder Kaffee fehlen.

Während des rund zweistündigen Fluges weiss ich auf einmal, was ich noch am Flughafen Zürich essen will: Spaghetti Bolognese.

Wie üblich dauert es seine Zeit, bis ich das Flugzeug verlassen kann. Erst, wenn alle Passagiere ausgestiegen sind, kommt der Dienst und transportiert mich auf einem wunderbar engen Flugzeugrollstuhl zu meinem. Und der Mitarbeiter hat doch tatsächlich den 65 kg schweren Swiss Trac vom Gepäckraum die enge Treppe hinaufgetragen und vor die Bordtüre gestellt. Dafür darf er nun noch den übergewichtigen Passagier transferieren. Toll, wenigstens kann er sich das Fitnessstudio sparen.

Nachdem wir auch wieder im Besitz der restlichen Gepäckstücke sind, den Zoll ohne Kontrolle passiert haben, machen wir uns auf die Suche nach Spaghetti Bolognese. Wohl finde ich im elektronischen Guide ein italienisches Restaurant, aber den Weg dorthin nicht. Mein Hungergefühl senkt meine Wohlfühltemperatur in die Minuszone. Am Schluss müssen wir uns bei einem Fastfoodanbieter mit Chicken Nuggets, Pommes Frites und einem einfachen Salat eindecken lassen.

Der Kreis schliesst sich. Als wir uns vor 16 Tagenvor dem Flug verpflegten, assen wir in einem namhaften Restaurant eine Foccacia, die schrecklicher nicht schmecken konnte.

Die Schweiz hat uns wieder und wir haben wieder unsere kulinarischen Sorgen. Ich wünsche mich nach Schweden zurück. Ich wüsste genau, wo ich nun essen würde. Vielleicht sollte ich den Flugplan studieren …

More to come. Stay tuned!

Schweden ohne Elche zu sehen?

Dutzende Warnschilder haben sie uns angekündigt, Elche.und bei jedem dieser Schilder haben wir noch intensiver in den Wald geschaut. Dort hinten, könnte doch einer sein. Oder in dieser Baumgruppe. Oder zwischen und in den Gebüschen.

Zu übersehen werden die Viecher ja nicht sein, bei einer Schulterhöhe von 1,80 m. Das Gewicht über 600 kg. Ihr Geweih könne bis 2 m lang werden, 40 kg wiegen und bis zu 32 Enden haben. Nur hören wird man sie wohl kaum, ausser der Elchhirsch ist brünstig. Wir haben die Laute gegoogelt und waren überrascht, wie schwach sie rufen. Seither ist es für uns ein Runninggag, wenn wir im Auto einen Elchlaut von uns gegeben haben.

Und wieder fahren wir an einem Warnschild für welche vorbei. Blitzschnell schaue ich in den Wald und sehe unzählige Elche. Juhui, endlich! Aber es bewegt sich nichts. Im Internet werde ich dann fündig, welchem Irrtum ich aufgesessen bin. Da steht nämlich: Wenn der Elch sich nach 15min noch immer nicht bewegt hat, ist es nur ein großer brauner Stein oder ein Baumstumpf.

Für die Elche in Südschweden wird es zukünftig nicht einfacher. Die Erderwärmung macht auch vor ihnen nicht halt und ihr natürliches Verhalten hat sich verändert. So wird es für die Elchkühe schwieriger, genügend Futter für sich und die Kälberaufzucht zu finden. Zudem sind sie eher nachtaktiv.

Bis nach Stockholm gebe ich die Hoffnung nicht auf, einen Elch in der Natur zu entdecken. Aber ich werde enttäuscht, keiner ist zu sehen.

Nur gut, habe ich mir im Resort in Hestra einen Stoffelch erstanden. Dieser wird mich künftig in meiner Wohnung daran erinnern, dass ich noch einmal nach Schweden reisen und auf Elchsichtung gehen sollte. Schweden, das ist für mich definitiv so, ist immer wieder eine Reise wert.

More to come. Stay tuned!

Moderne Fahrzeuge überfordern mich!

Vor 39 Jahren habe ich meinen PW-Führerschein gemacht. Den für Lastwagen und schwere Anhänger vor 38 Jahren. Und ich hatte die Bewilligung, gefährliche Güter zu transportieren.

Mein erstes Auto, ein Opel Jahrgang 1978, hatte vier Gänge, ein Kupplungs-, ein Brems- und ein Gaspedal. Eine Handbremse, ein Blinkerhebel und einen für den Scheibenwischer. Die Anzeigen im Cockpit waren die Geschwindigkeit, die Motorentemperatur und der Tank. Das war’s. Auch die Lastwagen waren eher spartanisch ausgerüstet.

Wie bereits geschrieben, fährt Vera mich in einem topmodernen, über 100 000 Franken teuren weissen Audi A6 Quattro durch die schwedische Landschaft.

Bereits in Malmö, im sechsten Stock eines Parkhauses beginnt das Abenteuer. Vera hat einen Schlüsselbund mit zwei Tasterkästchen in der Hand. Das eine, so wurde uns erklärt, wäre für die Heizung, die maximal eine Viertelstunde vor Abfahrt gestartet werden kann. Brauchen wir nicht, 25 Grad Celsius reichen als Wärme. Mit dem anderen Taster lassen sich Türen und Heckklappe öffnen. Nur, es blinkt und leuchtet wie verrückt rund um das Auto, aber nichts öffnet sich. Obwohl ich seit sechs Jahren nicht mehr Auto fahren kann, habe ich doch wohl genügend Erfahrung, ein Auto öffnen zu können.

Irgendwann finden wir es heraus, haben Waren und Menschen im Auto und wollen starten. Nur, so einfach geht das nicht. Drei Bildschirme voll mit Informationen leuchten uns entgegen. Ein Flugzeugcockpit ist Pipifax dagegen. Benutzer und Zieladresse eingeben, Motor starten und es piept und leuchtet auf einmal wie verrückt. Warnung Hindernis. Vera ist noch kein Zentimeter gefahren. Kommt das gut?

Irgendwie schaffen Vera und ich es aus der Stadt, sie als Driving Pilot (abgeleitet von Flying Pilot aus der Fliegerei), ich als ihren First Officer (Co-Pilot) mit Blick auf Anzeigen und Navi.

Wir sind auf der Autobahn in Richtung Nordwesten, Vera beginnt sich zu entspannen. Ich mache den DJ (ich habe inzwischen herausgefunden, wie ich mein iPhone mit dem Audi verbinden kann) und spiele von Züri West das Lied Göteborg. Wir geniessen die Fahrt in der Abendsonne. Kurs 90, Speed 110.

Auf einmal ruckelt das Auto. Ein Luftloch (Turbulenz) am Boden? Nicht wirklich. Minuten später schon wieder. Jedesmal, wenn Vera die Umgebung anschaut. Okay, könnte eine Art Fahrspurkontrolle sein (ich habe einmal von meinem Sohn davon gehört). In einer guten Zeit erreichen wir unseren Zielort, haben alle Radaranlagen ohne Fototermin passiert. Nach Zetter- und Mordiogepiepe und -geblinke steht unser Fahrzeug sicher vor der Unterkunft.

Auf der Fahrt bis nach Stockholm machen wir dann noch Bekanntschaft mit vielen weiteren Funktionen. Beim nächsten Tanken 6 Liter AdBlue nachfüllen, Rast empfohlen, Auto bremst im Autopilot bei zu nahem Auffahren selbstständig ab, Scheibenwischer geht an, weil der Vordermann die Scheibe reinigt und und und. Und ich bin mir sicher, wir haben nur einen Bruchteil davon erfahren.

Wir haben Stockholm gut erreicht. Oft haben wir uns gefragt, wie man immer ein solches Fahrzeug fahren kann. Das Geschrei von Autolobbyisten ist uns im Ohr, wie sie immer mehr bevormundet werden. Und dann fahren sie Autos, die ihnen alles vorsagen. Was, wenn eines Tages das teure Auto nicht weiter fährt, weil keine Rast gemacht wurde oder der Tank nicht mehr weit reicht?

Gut, habe ich mein Zuggerät, den Swiss Trac. Ein Schalter für zwei Fahrgeschwindigkeiten, ein Geschwindigkeitshebel, eine Handbremse und eine Batteriestandsanzeige. Das genügt mir fürs Geniessen der Umgebung. Schliesslich leben Geniesser länger, wie Die Prinzen in ihrem Lied Fahrrad festgehalten haben …

More to come. Stay tuned!

Bin ich ein Schwede?

Es ist Arjan, der mir eine Erklärung für meinen Appetit gibt. Schweden, so sagt man anscheinend, hätten für ihre kulinarischen Gelüste zwei Mägen. Meine Folgerung: Ich bin ein Schwede.

Die Fika, also die Kaffeepause mit Leckereien, haben wir in vorhergehenden Beiträgen bereits kennengelernt. Wer mich kennt und schon Beiträge über das Essen gelesen hat, weiss, dass ich Feinem kaum widerstehen kann. Die Fika ist in den wenigen Tagen in Schweden schon ein fixer Tagespunkt geworden.

Schwedens Küche ist aber auch bekannt für Köttbullar (Fleischbällchen) oder Smörgåsbord (ein Buffet mit einer Auswahl an kalten und warmen Gerichten). Köttbullar kennt man in der Schweiz spätestens seit IKEA und stand darum bis jetzt nicht auf meiner Speisekarte. Das Buffet aber sehr wohl. Und das Dessertbuffet tat es mir zwei Tage nacheinander an, was sich leider oberhalb der Hüfte bemerkbar macht. Bei allem Streben nach kulinarischer Disziplin kapituliere ich spätestens vor den feinen süssen Leckereien.

Gut haben wir heute die «Zivilisation» verlassen und sind im schwedischen Urwald – im Tiveden Nationalpark – gelandet. Marian und Arjan haben hier in den Jahren 2013–2019 eine Ferienbungalowsiedlung aufgebaut. Unser Bungalow ist genial geeignet für Rollstuhlfahrer. Noch genialer sind aber die Kochkünste von Marian. Das Abendessen: zur Vorspeise geräucherter Lachs auf roter Beete (Randen), zur Hauptspeise Elchgulasch mit Preiselbeersauce, Kartoffelschnitze und Kabis/Rüebli-Salat mit Apfelstückchen und zum Dessert selbstgebackener Schokoladekuchen mit Mokkaglasur. Und das in perfekter Menge. Gut genährt, aber nicht zu viel gegessen.

Ja, das Reisen ist für mich immer auch eine kulinarische Expedition. Es sind alle die Gerüche, die verwendeten Zutaten und die Art des Kochens, die mich an viele schöne Orte auf der Welt zurückerinnern lassen. Ob komplexe Küche in New York, eine Hinterhofküche auf den Kapverden oder nun die einfache Spitzenküche in Tived, alles hatte seinen Charme und erfreute den Gaumen.

Ich werde sie nach Hause schleppen, die Zusatzpfunde auf den Rippen. Vor allem aber die Erinnerungen an die feine schwedische Küche.

More to come. Stay tuned!

Vera und der Gartenzaun

Unsere Leserinnen und Leser fragen oft, woher wir alle diese Themen nehmen, die wir in unseren Beiträgen erzählen. Nachdem dies meine vierte Reise im Blog ist, kann ich sagen, Augen und Ohren offenhalten. In den Texten gilt es dann, mit dem Gesehenen und Gehörten Bilder zu schaffen.

Was stellt ihr euch vor, wenn ihr den Titel dieses Beitrags lest? Drei Stichworte: Vera, Gartenzaun und Audi A6. Könnte es eine unglückliche Geschichte geben? Der nicht vorhandene Macho in mir würde es auf 2 plus 1 reduzieren, was wiederum der philosophischen Regel entsprechen würde, dass alles mathematisch auflösbar ist. Frau und teures Auto plus ein Gartenzaun.

Die Szenerie: Ich sitze an einem Sonntag um 13.40 Uhr im Auto vor einem Byggmax – einem Baumarkt – und warte auf Vera. Ihre Aufgabe ist, zwei Bretter für den Verlad des Swiss Trac zu kaufen. Von unserer Kanadareise wissen wir, dass es damit gut funktioniert.

Kanada 2019

Nach 15 Minuten kommt sie mit zwei Brettern zu mir, um sie zu zeigen. Perfekt in der Länge und in der Stärke. Sie geht wieder zurück in den Baumarkt, damit sie den Kauf bezahlen kann.

Zehn Minuten später taucht sie wieder auf, hat nun aber anstelle der zwei Bretter ein Stück Gartenzaun in der Hand. Ein Meter breit, 60 Zentimeter hoch.

Hä?! Was will sie mit einem Stück Gartenzaun?

Sie erklärt: Die Verkäuferin wollte ihr die zwei Bretter nicht verkaufen. Diese stammten aus einem Paket zu zehn Brettern. Einzelne Bretter gab es nicht, da dieser Baumarkt nur für den Grossbedarf sei.

Vera machte sich folglich auf die Suche nach einer Alternative. Die Zeit wurde knapp, da der Markt um 14 Uhr schloss, und so packte sie das erst Beste, was sie sich als funktionierend vorstellen konnte.

Okay, dann fahren wir nun ein Stück Gartenzaun durch Schweden spazieren. Auf der Weiterfahrt frage ich Vera, was sie der Polizei erzählen wolle, kontrollierten uns diese einmal.

Schweden 2023

Die Freude über den Gartenzaun ist nicht von langer Dauer. Beim Verlad des Swiss Tracs bei der Weiterfahrt nach Hestra regnet es in Strömen. Nasse Räder und nasses Holz und dazu noch ein zu kurzer Gartenzaun vertragen sich nicht wirklich.

Auf unserem Weg liegt ein Hornbach, wo Vera zwei passende Bretter besorgen kann. Noch fahren wir mit zwei Brettern und einem Stück Gartenzaun durch die Gegend. Ich denke, wir werden den Zaun im Resort Isaberg Hestra, wo wir jetzt hausen, umweltgerecht entsorgen.

Frau, Auto und Gartenzaun wäre eine Geschichte gewesen, aber völlig unpassend zu unserer Situation – Vera ist eine sehr gute und sichere Fahrerin, auch mit unserer temporären Luxuskarrosse.

More to come. Stay tuned!

Wer hilft einen in Malmö? Schweizer!

(Bild aus dem Archiv – Toronto 2018)

Nachdem die Anfangsschwierigkeiten überwunden waren, ging es ans Erkunden von Kopenhagen. Die Stadt ist für Rollstuhlfahrer gut zugänglich, mal abgesehen von vielen Restaurants, deren Inneres für mich nicht erreichbar ist. Die kühlen Temperaturen laden nicht wirklich zum Essen draussen ein. Hungrig bleiben wir trotzdem nicht. Im Gegenteil: ein Côte de boeuf fordert uns.

Einmal mehr erlebe ich die Dänen als freundliche und hilfsbereite Menschen. Schnell sind sie zur Stelle, wenn ich den Eindruck von Hilflosigkeit vermittle. Die, die einige Rücksichtslosigkeit an den Tag legen, sind zumeist Touristen. Sind sie zudem kurzbeinigen Schrittes, dann macht es keinen Unterschied, ob man in Kopenhagen oder Luzern ist.

Die Zugfahrt von Kopenhagen nach Malmö machen wir meiner Sorglosigkeit wegen ohne Voranmeldung. Für die rund 40 Minuten dauernde Fahrt über die Ostersund-Brücke nehmen wir die S-Bahn, die uns schon von der Fahrt vom Flughafen in die Stadt bekannt war. Ich staune nicht schlecht, als ich realisiere, dass ich nicht aus dem Zug hätte steigen können, wäre es das gleiche Perron gewesen. Nun ist der Höhenunterschied rund 20 Zentimeter. Die Zugbegleiterin ist aber schnell mit einer faltbaren Rampe bei mir und sorgt resolut dafür, dass ich den für Rollstuhlfahrer reservierten Platz erreiche.

Wie so oft auf den vergangenen Reisen, sorgt der Swiss Trac (Rollstuhlzuggerät) auch diesmal für erstaunte Blicke. Unzählige Male werde ich angesprochen, wenn ich mit Veras Koffer auf dem Swiss Trac und meinem am Rollstuhl befestigten Koffer über die Gehsteige brettere. Da ich der dänischen Sprache nicht mächtig bin, kann ich den Inhalt der Äusserungen nur vermuten.

In Malmö angekommen, gehen wir zur Autovermietung und übernehmen unser Fahrzeug, ein Audi A6. Nach meiner unmissverständlichen Kampfansage nach dem Hoteldesaster in Kopenhagen hat sich das Reisebüro nochmals erkundigt, ob auch das gewünschte Auto zur Verfügung stehe. Das tat es dann auch.

Nach einem gemütlichen Stadtbummel und einem dekadent üppigen Nachtessen steht uns die grösste Herausforderung noch bevor: der Swiss Trac, 65 kg schwer, musste noch ins Auto. Und das ohne Rampe, da es in der Innenstadt von Malmö keine Holzlatten zu kaufen gab. Was tun? Im sechsten Stock eines verwaisten Parkhauses auf ein Wunder hoffen?

Wir hören den Lärm eines Automotors, der immer näher kommt. Ist das das Wunder? Aus dem Auto steigt ein junger Mann. Vera steuert ihn direkt an und fragt «if he could help us». Dieser antwortet ebenfalls auf Englisch und verspricht uns Hilfe. Das weitere Gespräch wird dann in einer anderen Sprache geführt: schweizerdeutsch.

Hilfsbereite Menschen werden uns weiter helfen, sind wir überzeugt. Unsere Reise ist ein Abenteuer. Es wird gut kommen.

More to come. Stay tuned!

Ich bin verärgert!!!

(Fortsetzung von «Heute wird nicht viel passieren»)

Das war der erste Satz in meiner E-Mail an unser Reisebüro in der Schweiz, die ich morgens um 2 Uhr in mein iPhone tippte. Ich brauchte klare Worte und stellte meine Forderung unmissverständlich. Ich wäre vermutlich nicht so hart in meiner Wortwahl gewesen, hätte ich nicht drei Wochen vor der Reise extra und ausdrücklich nochmals beim Reisebüro betreffend rollstuhlgerechten Unterkünften nachgefragt und bestätigt bekommen, dass die Vor-Ort-Agentur dies versicherte.

Am Morgen meldete sich das Schweizer Reisebüro und entschuldigte sich erstmal und stellte eine Lösung in Aussicht. Beim Frühstück haben Vera und ich dann von einem Hotelmanager erfahren, dass das ganze Hotel weder über Zimmer für Rollstuhlfahrer verfügte noch eine rollstuhlgängige Toilette hätte. Der nächste Anruf aus der Schweiz brachte mein Blut in Wallung, die Ferienstimmung auf den Nullpunkt und mein Kampfwillen in Höchstform. Ich soll mir ein Restaurant mit einer Rollstuhltoilette suchen, das Reisebüro würde gegen Quittung das Frühstück erstatten und sie hätten ein Hotel mit einem teilweise rollstuhlgerechten Zimmer. Die eigentlichen Rollstuhlzimmer seien leider alle besetzt, da gerade eine Gruppe Rollstuhlfahrer eingecheckt hätte.

Hä?!

Einmal mehr war ich froh um meine Schlagfertigkeit und meinen Durchsetzungswillen. Mich mit dieser Lösung abspeisen zu lassen, kam für mich nicht in Frage. Ich hatte schon von Anfang ab bei den Verhandlungen fürs Angebot davon gesprochen, der Preis spiele eine untergeordnete Rolle. Für mich als tetraplegischer Rollstuhlfahrer muss es machbar sein.

Wir hatten das Frühstück inzwischen durch und harrten der Dinge, die kommen sollten. Um 11.32 Uhr war es soweit, am Telefon wurde mir eine neue Unterkunft angegeben. Eineinhalb Stunden später waren wir dort und durften zufrieden zur Kenntnis nehmen, dass unsere Bedürfnisse nun erfüllt sind. Die Ferien konnten mit Verspätung beginnen.

More to come. Stay tuned!

Heute wird nicht viel passieren …

Wir hatten den Check-in durch, bei der Security eine Bekannte getroffen und uns in einem Restaurant mehr schlecht als recht für den Flug gestärkt. Rechtzeitig am per SMS gemeldeten Gate eingetroffen, suchen wir nach der Anzeige für unseren Flug LX1272 nach Kopenhagen. Geplante Abflugszeit um 17.25 Uhr. Aber am Boardingdesk A82 ist ein Swiss-Flug nach Berlin angezeigt. Von unserem Flug ist nichts zu sehen. Die Übersichtstafel mit den nächsten Abflügen informiert, dass wir im 17.25 Uhr informiert werden würden.

Heutzutage ist es einfach, im Internet zu sehen, wo ein Flugzeug gerade fliegt. Wobei «fliegen» in unserem Fall den aktuellen Stand nicht korrekt wiedergibt: Unser Flugzeug, die airBaltic-Maschine yl-abn steht noch in Paris, wo sie als Flug LX639 auf ihren Flug nach Zürich vorbereitet wird. Um 15.05 Uhr hätte sie in Paris abheben sollen. Um 17.24 Uhr startete sie schlussendlich in Frankreich. 75 Minuten Flugzeit, Landung wohl erst gegen 18.45 Uhr.

Ich denke mir: Schade, ich hätte gerne wieder den Sonnenuntergang beim Anflug auf Kopenhagen gesehen. Ich blicke zu Vera und sage ihr, dass ich so wenigstens schon ein Thema für den ersten Blog-Beitrag hätte. Sie sieht mich mit verwunderten Augen an und meint, dass das wohl nicht genügend Stoff geben würde. Vielleicht hat sie ja recht, geht mir durch den Kopf, und trotzdem bin ich überzeugt, dass unsere Anreise mehr als genug Material geben wird. Wie recht ich damit hatte, zeigte sich sehr bald.

Die Maschine aus Paris war superschnell in Zürich und bereits um 19 Uhr begann das Boarding für unseren Flug. Wie immer werden Vera und ich als erste ins Flugzeug gelassen. Für mich braucht es immer zwei Personen, die mich auf den Sitz, diesmal 23C in einem Airbus A220-300, platzieren. Eine Viertelstunde später haben alle Passagiere ihren Platz gefunden und ihr Handgepäck verstaut. Und dann beginnt das grosse Warten. Der Captain meldet sich und informiert, dass noch nicht alles Gepäck verladen sei … Die tatsächliche Abflugzeit war dann um 20.08 Uhr, in Kopenhagen gelandet sind wir um 21.30 Uhr. Und damit wir ja nicht zu schnell im Hotel sind, durften wir den Flieger auf einem Aussenstandplatz verlassen.

Für Vera und mich hiess das lange warten bis wir beide die letzten an Bord waren und zwei Personen mich wieder aus dem Sitz hievten, mich auf einem Flugzeug-Rollstuhl aus dem Flugzeug transportierten und mich in einem Hublastwagen auf meinen Rollstuhl setzten. Dann eine Fahrt mit 20 km/h über den halben Flughafen zu einem weiteren Fahrzeug, dass die andere Hälfte des Flughafens abfuhr. Dann endlich Gepäcksuche und die Hoffnung, alles Gepäck sei mit uns geflogen. Die Hoffnung deshalb, weil ich eine SMS bin Swiss erhielt, dass nicht alles Gepäck von mir an Bord war.

Zum Glück war die Nachricht aber eine Falschmeldung. Zwei Koffer, ein Rollstuhl und mein Zuggerät waren in Dänemark angekommen. Freude herrschte und ebenso Vorfreude auf das Bett. Noch kurz eine kleine Verpflegung am Flughafen – ein schrecklich «grusiges» und fettiges Würstchen in einem «tangigen» Brötchen mit Zwiebeln und Senf, der einem das Wasser in die Augen schiessen liess. Dann die Suche nach der Metro M2 in die unmittelbare Nähe des Hotels. Aber die Metro fuhr nicht. Ein freundlicher Herr sagte uns an der Metro-Schranke, wie sollen anstelle des Ersatzbusses den Zug nehmen. Das ginge einfacher. Also ab auf die Suche nach dem Bahnsteig.

Nach einem viertelstündigen Warten, einer viertelstündigen Fahrt und einem viertelstündigen Weg ins Hotel besichtigten wir kurz nach Mitternacht unser Hotelzimmer und mussten zur Kenntnis nehmen, dass das Zimmer überhaupt nicht rollstuhlgängig war. Ich konnte nicht einmal meine Hände waschen, geschweige denn die Toilette benutzen. Es war genau das, was man sich um diese Uhrzeit und einer Anreisedauer von mehr als zwölf Stunden wünscht. Ein guter Start in die Ferien. Willkommen Erholung!

Wie es weitergeht?

Stay tuned!

On a rainy day in Vancouver

Unser letzter Tag in Vancouver. Der Vormittag kündet sich wolkenverhangen an. Für den Nachmittag sind starke Regenfälle vorhergesagt. Wir wollen Granville Island, ein Kultur- und Einkaufsviertel besuchen. Wenig Kultur, viel Einkauf.

Im Oktober letzten Jahres war nicht mehr viel los. Wir konnten damals nur unsere Nasen an den geschlossenen Türen platt drücken und versuchen, Einblicke zu erhaschen. Diesmal ist es offen, so dass wir Eindrücke gewinnen können. Die Einkaufshallen sind ordentlich gefüllt, aber man merkt gut, dass die Saison zu Ende geht. Nicht nur die Rabattschilder deuten darauf hin.

Das Wetter wird grusliger und wir sind froh, in die Markthallen eintauchen zu können. Während dem Trinken eines Kaffees lässt sich das Treiben beobachten. Hier eine Verkäuferin, die mangels Kundschaft gelangweilt im Internet surft, dort ein Stand mit frischen Salaten und Säften. Es sind Chinesinnen, die fleissig am Arbeiten sind. Kundschaft haben sie keine, aber sind dauernd beschäftigt. Schnell wird klar, warum sie so fleissig sind: Ein Etage höher ist ein als Mitarbeiterraum deklarierter Ort, von wo sie überwacht werden. Die „Überwacher“ wechseln sich fleissig ab. Während die chinesische Dame pünktlich wie eine Schweizer Uhr alle fünf Sekunden einen Kontrollblick über den Stand schweifen lässt, nehmen es die Herren nicht so genau. Einer zieht gleich sein Mittagsschläfchen ein.

Interessant ist auch das Beobachten der Marktbesucher. Die einen scheinen mit Freude dabei zu sein, andere wurden wohl mit mehr oder weniger Druck hierher gelotst. Gekauft wird nicht viel. Und wenn dann oft Lebensmittel, die sie schon kennen. Deutsche Touristen sind sofort erkennbar: ihre Blicke richten sie direkt auf Bier und Wurst.

Anyway, der Marktbesuch hat sich gelohnt. Erlebt haben wir viel und während des Marktbesuchs blieben wir trocken. Das änderte sich dann auf dem Weg zurück ins Hotel …

More to come – stay tuned!

Revelstoke? – Revelstoke!

Revelstoke, ein Dorf mit 7500 Einwohnern, knapp zweieinhalb Stunden von Banff in westlicher Richtung und entfernt. Revelstoke, ein Zwischenhalt, weil wir das Fuder „Autofahren“ nicht überladen wollten. Vera hat beim Recherchieren herausgefunden, dass Revelstoke ein Eisenbahnmuseum und eine knapp 30 Kilometer entfernt liegende Ghost Town hat. Auch preist die Homepage von Revelstoke ihre Downtown und ihre Freizeitmöglichkeiten an. So beschliessen wir, zwei Nächte in Revelstoke zu verbringen. Und ja, dann sind wir nach einer interessanten und abwechslungsreichen Fahrt über Lake Louise in Revelstoke gelandet. Einem Dorf, das man links liegen lassen würde, hätte man nicht ein Hotel gebucht …

Okay, Downtown Revelstoke kann man vergessen, wie wir am nächsten Tag sehen. Aber das Eisenbahnmuseum hat es in sich. Was dort gezeigt wird, ist Eisenbahngeschichte. Als British Columbia, die westlichste Provinz Kanadas, 1871 in die Konföderation aufgenommen werden sollte, versprach man, sie an die Eisenbahnlinie nach Osten anzubinden. Die grosse Herausforderung waren jedoch die Rocky Mountains.

Einen grossen Platz wird den chinesischen Arbeitern gewidmet. Sie wurden in San Francisco „eingekauft“ und nach Kanada geholt, um durch sie die schweren Arbeiten und die gefährlichen Sprengungen mit Dynamit erledigen zu lassen. Ihr Verdienst war halb so hoch, wie der der europäischen Immigranten. In Zelten mussten sie übernachten, wurden wegen Mangelernährung krank. Es ist nicht überliefert, wie viele Menschenleben der Bahnbau über die Rocky Mountains gekostet hat.

Wie bequem die Damen und Herren von Welt (und mit Geld) in der ersten Hälfte des 19 Jahrhunderts reisten, lässt einen staunen. Der Personenverkehr ist auf der transkontinentalen Route aber nebensächlich. Mit vielen Geschichten angereichert gibt die Ausstellung ein wertvollen Einblick in die Eisenbahnwelt Kanadas.

Auch aber nicht einzig ist die Eisenbahn präsent in der Three Valley Gap Ghost Town. Hotel, Werkstätten, verschiedene Läden, Bank, Gefängnis, Wahrsagerwagen und ein Haus der leichten Mädchen: auch das ist Revelstoke. Viele der Objekte waren bis vor wenige Jahrzehnte noch in Betrieb. Während die Apotheke und die Schneiderei einem ein Lächeln entlockt, der Coiffeurladen alte Erinnerungen weckt ist man spätestens beim Blick in die Zahnarztpraxis froh, leben wir im 2019 und nicht 50 Jahre früher.

Revelstoke war mehr als ein notwendiger Zwischenstopp. Auf dem Weg von den Rocky Mountains zum Pazifik ist der Besuch ein Muss.

More to come – stay tuned!

Rocky Mountaineer rocks!

Reisen im Rocky Mountaineer und mit dem Team ist ein grossartiges Erlebnis. Nochmals mit ihnen unterwegs zu sein, die absolut richtige Entscheidung. Die Zugsreise ist aus landschaftlicher, abwechslungsreicher und kulinarischer Sicht mehr als nur empfehlenswert. Die Fahrt mit dem Rocky Mountaineer ist nicht günstig, aber jeden CA$ (Canadian Dollar) wert. Was aber die guys leisten, dass auch ein stark eingeschränkter Rollstuhlfahrer zu einem einmaligen Erlebnis kommt, verdient meinen Respekt und meine grosse Dankbarkeit.

Die Reise mit dem Rocky Mountaineer habe ich ab Bahnstation Vancouver bis Bahnhof Jasper gebucht. Also ohne Übernachtung in Vancouver und Jasper (gegen Aufpreis möglich) und ohne Transfers von respektive zur Unterkunft. Trotzdem organisierten sie den Transfer in Vancouver in einem rollstuhlgängigen Van und in Jasper im Sightseeingbus mit Rollstuhllift.

Der Verlad in den Zug erfolgt mittels Hebebühne und mit dem Rollstuhl kann direkt neben den Sitz gefahren werden. Die Plätze sind zuhinterst im Waggon, nahe einer rollstuhlgängigen Toilette. Das Personal ist sehr aufmerksam und hilft, wo auch immer Hilfe benötigt wird. Sie tun alles für eine sorgenfreie Reise.

In Whistler stand das Taxi bereit. Während bei der Ankunft ein normales Taxi eingesetzt wurde, wartete am nächsten Morgen ein rollstuhlgängiges Fahrzeug vor dem Hotel. Die Unterkunft war ein Upgrade in die besser Klasse (Golden Leaf) ohne Zusatzkosten und durchgehend rollstuhlzugänglich (inklusive Dusche – genannt roll-in shower).

Das Hotel in Quesnel stellte sich als grosse, aber meisterbare Herausforderung heraus. Das Zimmer war gut zugänglich, das Bett auch. Dieses war aber mit einer geschätzten Breite von 140 cm für zwei Personen extrem schmal. Das Badezimmer war ebenfalls mit den Rollstuhl gut erreichbar. Für das Duschen in einer tiefen Badewanne stand ein guter Duschstuhl mit Transferfläche zur Verfügung, was die Nacht im engen Bett schnell vergessen liess. Das Personal war sehr bemüht um unser Wohlergehen und versicherte auf unsere Nachfrage, dass es in ganz Quesnel kein Hotelzimmer mit einer rollstuhlgängigen Dusche gäbe.

Pleiten, Pech und andere Mistgeschichten

Während die letzte Reise im Oktober 2018 teilweise dramatische Züge annahm, verläuft der diesjährige Trip ohne grosse Aufregungen und unplanmässige Änderungen. Also einfach so, wie man sich ein Nordamerika-Trip vorstellt. Um nun aber nicht nur die Reise zu beschreiben, sondern auch mehr oder weniger Lustiges erzählen zu können, bekommen kleine Alltagsvorfälle eine grössere Bedeutung.

Eine solche spielte sich am dritten Tag in San Francisco ab, als ich auf dem Duschstuhl sass und mich duschen wollte. Ich drehte an den Armaturen, wie ich es schon die zwei vorhergehenden Tage und schon so viele Male in den halben USA getan hatte. Aber diesmal wollte kein Tropfen die Brause verlassen. Ich drehte und hebelte, blieb aber vorsichtig. Amerikanische Installationen sind bei weitem nicht so stabil, wie wir es bei uns kennen. Als sich der Wasserlauf nach wie vor nicht starten liess, blieb mir nichts anderes übrig als der Deskmanagerin mein Problem zu erklären. Sie wiederum versuchte mir zu erklären, wie die Armaturen zu bedienen seien. Ich aber war schon genervt, dass ich viel körperliche Energie verschwenden musste. Und wir waren ja in Trumps Land mit „alternativen Fakten“. Es kam dann wenig später ein gut gelaunter Haustechniker, kaute seinen Kaugummi, drehte und zog an den zwei Reglern und das Wasser lief. Und das Wasser im Ablauf schwemmte meine „alternativen Fakten“ fort …

Der zweite Alltagsvorfall passierte in Jasper in einer Luxuslodge, wo Golfer, mehr oder weniger Reiche, solche die gerne mit ihren Taten prahlen, junge reiche asiatische Unternehmer und auch ein paar Verirrte, wie wir übernachten. Für eine Nacht in einem zweckmässigen aber einfachen Zimmer muss man einen knappen vierstelligen Betrag aufwerfen. Der Preis verschlägt einem fast die Sprache. Sprachlos ist man aber wegen der einmaligen Aussicht aus dem Fenster. Und so verdrängt man den Gedanken, dass man sich solche Nächtigungsstätten eigentlich nicht leisten sollte.

Also hier spielt die Musik des zweiten Stücks in respektieve unter der Dusche. Nach der schönen aber anstrengenden Zugsfahrt gönnten wir uns ein Ausschlafen und so waren wir schon in der zweiten Hälfte des Vormittags. Ich also unter der Dusche, Wasserhahn und Temperaturregler voll am Anschlag, freudig gespannt auf angenehm warmes Wasser. Aber das Wasser, das aus der Brause kam, hatte nur Körpertemperatur. Nach einem entspannten Duschen sah es nicht aus. Aber man ist ja hart im Nehmen und mit sich selbst. Augen zu und durch. Schliesslich wartete draussen angenehmstes Sommerwetter.

Der nächste Tag. Gleicher Ort, gleiche Situation. Aber das Wasser noch eine Spur kühler. Unangenehm. Es kann doch nicht sein, dass es in diesem Resort nur lauwarmes Wasser gibt. Gab es auch nicht! Wenn man die Armaturen richtig bedient, dann klappt es auch …

Die dritte Episode war in Whistler, Zwischenstation auf der Rocky Mountaineer Tour, wieder in einem sehr guten Hotel (gleiche Hotelkette wie in Jasper – Fairmont). Diesmal begann das Problem nicht erst im Bad, sondern schon vor der Zimmertür. Sie klemmte. Von aussen ins Zimmer ging mit einigem Kraftaufwand. Zweimal von innen öffnen ging auch. Aber am Morgen vor der Weiterreise war es das dann. Sie liess uns um 6.15 Uhr nicht mehr raus. Also Concierge anrufen, mitteilen, dass wir die Zimmertür nicht öffnen könnten, warten und dann durch die geschlossene Tür erklären, was eben nicht ging. Das Problem war für uns dann schnell gelöst …

Die Mistgeschichte war in San Francisco und ist schnell erzählt: Am Pier 37 flog eine grosse Möve. Shit happens! Mal bist du die Taube, mal das Denkmal …

More to come – stay tuned!

„Three days of summer in one week, wow!“

Der im Titel wiedergegebene Ausspruch eines Gärtners zu seinem Kollegen sagt eigentlich alles zu unserem Wetterglück. Immer wieder erfahren wir, dass sowohl der Winter (warm und nass) als auch der Sommer (viele Schlechtwetterphasen) im Westen Kanadas nicht angenehm waren. Wir haben bisher jeden Tag die Sonne gesehen und trocken sind wir auch geblieben. Der einzige Starkregen war im Zug schnell vorbei und absolut passend zum Namen der Zugtour „From Rainforest to Gold Rush“.

Und wenn sich die Sonne über den Wolken versteckt, dann ist es Zeit für Tee, Kaffee oder Shopping …

Mr. Ed oder die Tücken des Unterwegsseins mit Rollstuhl und Swiss-Trac (I)

Fluggesellschaften rechnen mit durchschnittlich 110 kg Gewicht pro Passagier. Also 80 kg Lebendgewicht und 30 kg Gepäck inklusive Handgepäck. Mit meinem Gewicht und dem Gepäck bin ich unter diesem theoretischen Limit. Aber da sind noch Mr. Ed mit 35 kg und der Swiss-Trac mit 65 kg. Mein Gesamtgewicht liegt folglich bei 210 kg.

Das Gewicht ist die eine Seite, die Dimensionen die andere. Auf der abenteuerlichen Kanada-Reise im Herbst letzten Jahres haben wir gelernt, dass die Vans vom Platz her gerade reichen für den Transport von Mr. Ed (der etwas länger ist als ein durchschnittlicher Rollstuhl) mit mir drin sitzend und dem quergestellten Swiss-Trac. In vielen Städten Kanadas sind die Vans innerhalb von 20 Minuten vor Ort.

Auch am Flughafen von San Francisco war das so, darum machte ich mir nicht weiter Gedanken zum Transport vom Hotel zum Flughafen. Am Vorabend unserer Weiterreise bat ich den Concierge, mir einen Rollstuhl-Van zu organisieren. Seine ersten Telefonanrufe bei den grossen Taxigesellschaften führten aber nicht zum Ergebnis eines gesicherten Transports. Er bat uns, am nächsten Tag um acht Uhr mit der Tagesconcierge zu schauen. Das führte nun nicht gerade zu einer freudigen Stimmung. Die Fahrzeit ist von unserem Hotel zum Flughafen SFO 45 Minuten. Der Check-in dauert mit den batteriebetriebenen Hilfsmitteln eh immer viel länger und die Personenkontrollen sind auch aufwendiger, da ich für diese nicht mehr aufstehen kann. Unser Flug ist für 13 Uhr geplant, so dass wir uns um 10 Uhr auf den Weg machen sollten.

Um halb neun Uhr bekamen wir Nachricht, dass ein privates Behindertentaxi verfügbar sei, aber erst um 10.30 Uhr. Mangels Alternativen entscheiden wir uns für diese und hofften, wir erreichten den Flughafen genug früh, damit wir uns nicht zu sehr beeilen müssten. Trotz langer Zollkontrolle (Sprengstoffspuren) erreichten wir unser Flugzeug noch rechtzeitig und zwei Stunden später landeten wir in Vancouver. Den Transfer vom Flughafen zum Hotel liess sich gut mit dem öffentlichen Verkehr erreichen. Kannten wir bereits vom Oktober 2018.

Wie es uns von Vancouver nach Jasper ergangen ist, folgt in einem späteren Bericht.

More to come – stay tuned!

Sprengstoffspuren im Handgepäck!

Ich sitze fest. Die Akkus von Mr. Ed sind bereits flugtauglich verstaut und ich komme wegen des Teppichs im Flughafen San Francisco nicht mehr vorwärts. Aber ich darf auch nicht. Der Inhalt meines Handgepäcks – Medikamente, sanitarische Hilfsmittel, zwei Ladegeräte, Kabel, iPad, iPhone, noch mehr Kabel, Desinfektionsmittel, Handcrème und noch etliches mehr – liegt in vier Schalen verteilt vor drei Borderofficers und einem Explocive Specialist Officer. Der Sprengstoffspezialist hat etwas von Kojak, einfach mit normaler Brille anstelle Sonnenbrille und er lutscht nicht an einem Lollypop. Er kommt lächelnd zu mir und eröffnet mir den Grund der genauen Kontrolle: im Handgepäck seien Spuren von Sprengstoff gefunden worden. Genauer gesagt in einer Büchse mit Pulver, das ich für meine Darmregulation brauche. Klar, manchmal ist das Resultat der Darmregulation explosiv. Aber Sprengstoff? Dieser Stoff sprengt meine Vorstellungskraft, nicht aber meine Fantasie!

Heisst es nun gleich: Arme hinter den Rücken? Werden gleich die Handschellen klicken? Werde ich aus dem Rollstuhl gerissen, zu Boden geworfen? Spüre ich bald die Springerstiefel auf meinem Gesicht? Werde ich über meine Rechte aufgeklärt? Sitze ich bald im Gefängnis auf Alcatraz, wie es mein palästinensischer Rollstuhltaxifahrer mir am Morgen gesagt hat, nachdem ich ihm einiges über unseren Aufenthalt in San Francisco erzählt hatte?

Solche Gedanken kommen wohl, wenn man zu viele US-amerikanische Krimis geschaut hat. Denn weder hatten die Zollbeamten Springerstiefel an, noch waren sie streng dreinblickende Gestalten. Mir werden sie als freundliche, nette und zuvorkommende Menschen in Erinnerung bleiben.

Der Sprengstoffverdacht erhärtete sich nicht. Ich konnte gehen (schön wär‘s!). Ich hätte aber noch einen Wunsch fürs nächste Mal: Bitte Sachen wieder einräumen…

Nun wurde es hektisch. Aus dem Lautsprecher tönte es: Last call for Mr. Christopher Mutzner to gate 96!

Werden wir noch rechtzeitig das Flugzeug nach Vancouver erreichen?

More to come – stay tuned!

Mr. Ed und die Cable Cars

Die Cable Cars sind eine der wenigen Attraktionen, die für Rollstuhlfahrer nicht zugänglich sind. Wohl würden mich die Gripmen (Cable Car Fahrer) ein- und wieder ausladen, aber ich fühle mich nicht mehr fit genug für eine Fahrt. Das ist weiter kein Problem, weil ich bereits 1998 in den Genuss einer Mitfahrt kam. Auch anlässlich meiner letzten Visite in der Golden Gate-Stadt vor fünf Jahren liess ich eine Fahrt aus, fuhr aber Teile der Linie Mason-Powell auf Mr. Ed. Wenn ich mir heute die Strecke mit ihrer Steilheit und den vielen Unebenheiten betrachte, dann staune ich, wie kräftig ich damals noch war. Ich erinnere mich, dass ich den Weg nur dank kräftiger Hilfe meines jüngeren Sohnes schaffte, aber trotzdem. Nun muss ich nicht einmal im entferntesten an so eine Idee denken. Sowohl Kraft als auch die dafür notwendige Beweglichkeit fehlen mir. Aber das macht nichts, denn mit meinem Swiss-Trac bin ich bestens ausgestattet. Dieser zieht Mr. Ed und mich – zwar nicht locker, dafür aber sicher und zuverlässig – die äusserst steile Hyde Street hinauf und bremst bergab auf der Powell Street so stark, dass Mr. Ed und vor allem mir ein Höllenritt erspart bleibt. Ein Swiss-Trac in San Francisco zu haben, ist ein Geschenk. Meine Bewunderung ist allen Rollstuhlfahrern sicher, die in dieser Stadt unterwegs sind. Und Rollstuhlfahrer gibt es hier viele.

Gegen den Cable Car, wo Vera mitfuhr, hatte ich keine Chance. Er war viel schneller am Endpunkt. Irgendwie muss er an den Ampeln mit einer Grünwelle bevorzugt worden sein…

Noch eine Bemerkung zum Wetter: die Sonne scheint und es wäre angenehm warm, bliese nicht ein starker Wind vom Pazifik her in die Bucht von San Francisco. Mark Twains Bemerkung zum Wetter kann ich nachvollziehen: Den kühlsten Winter erlebte ich in San Francisco im Sommer.

More to come – stay tuned!

Das „Stäbli-Zmorge“

Bis heute dachte ich, San Francisco zu kennen und der englischen Sprache mächtig zu sein. Auch sind mir Begriffe wie Tea House und Coffee Shop – ja, auch die in Amsterdam, wenn ich solche bis heute nie betreten habe – nicht fremd. Aber wer nicht die komplette Aufschrift unter dem Namen an der Hausfassade liest, die ausgehängten Speisekarten inklusive Bildern nicht anschaut und selbst beim Anblick asiatischen Interieurs nicht stutzig wird, der muss akzeptieren, dass er nicht bekommt, was er sich vorstellt.

Mir war heute nämlich nach einem richtigen amerikanischen Frühstück mit Rührei, Speck, Toastbrot und den typischen Süssigkeiten. Dazu Früchte, Orangensaft und einem dünnen Kaffee, den man aus alten Militärzeiten bestens kennt. Also, an klaren Vorstellungen mangelte es dem Schreibenden keineswegs. Aber der Bequemlichkeit des Rollstuhlfahrers, der gerne seine Freundin zur Klärung der Verhältnisse vorschickt, ist zu verdanken, dass anstelle von Messer, Gabel und Löffel zwei Essstäbli auf dem Tisch bereit lagen. Das Tea House entpuppte sich nämlich als chinesisches Restaurant, was auch zu erfahren gewesen wäre, hätte man sich darum gekümmert. Für einmal war nun nicht Reise-, sondern kulinarische Flexibilität gefragt. Und mit der richtigen Einstellung war das vermeintliche amerikanische Frühstück ein leckerer Lunch mit Poulet-Pilzbällchen mit unterschiedlich scharfen Saucen, ein Schüsselchen Gurken-Tomaten-Avocadosalat und vegetarische Frühlingsrollen. Es war fein, eine neue kulinarische Erfahrung und sorgte bei uns für heitere und zufriedene Momente.

Mr. Ed ist gut in San Francisco angekommen. Zielsicher steuert er die Attraktion an, umfährt dabei Schlaglöcher und sonstige Unebenheiten und behauptet sich resolut gegen die Menschenmassen aus der ganzen Welt. Fisherman’s Wharf war der perfekte Start. Und man kann sagen, wir sind angekommen.

More to come – stay tuned!

Mr. Ed geht wieder „on tour“

Am 12. Mai 2014 rollte Mr. Ed das erste Mal durch die Strassen von San Francisco auf den Spuren von Lt. Mike Stone (Karl Malden) und Insp. Steve Heller (Michael Douglas). Keinem Risiko ging er aus dem Weg und nutzte jede Hilfe.

Am 23. August 2019 wird Mr. Ed wieder in einer der schönsten Städte der Welt sein.

Die Reise:

Zürich – San Francisco – Vancouver – Whistler – Quesnel – Jasper – Banff – Revelstoke- Kamloops – Harrison Hot Spring – Vancouver – Zürich

Geschichten und Bilder ab 23. August 2019 hier im Blog von Mr. Ed.

Stay tuned!

Zusammenspiel

Christoph: Drei Wochen Kanada. Drei Wochen mit vielen Erlebnissen. Solche die man gerne hat und solche, die man gerne auslassen würde. Aber die positiven wie negativen gehören zum Leben. Die Frage am Schluss ist, wie man damit umgeht. Irgendwie geht es immer weiter. In unserer Reisezusammensetzung muss man eh gewappnet sein. Dass aber gleich so viele Ereignisse unsere Flexibilität fordern, damit haben wir nicht gerechnet.

Vera: Wie ich in meiner Mail mit der Einladung zum Mitreisen via Blog erwähnte, bin ich ja mit zwei Herren unterwegs. Jeder der Beiden bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit, die mich mal unterhalten, mal aber auch recht fordern. Das Blatt hat sich mit meinem Unfall ziemlich gewendet. Nun war ich nicht mehr die vollständig Einsetzbare, sondern zeitweise auch auf Hilfe angewiesen. Doch aufgeben war für mich keine Option und die beiden Herren bewiesen grosse Fähigkeiten, mit der neuen Situation umzugehen. Die neuen Umstände spornten unser Team an, und wir sind inzwischen Meister im Zusammenspiel bei Alltagsverrichtungen, Transfers in Taxis oder Züge, Stadterkundigungen und vielem mehr. Was das Schöne daran ist, es ist zwar alles aufwändiger (bis Christoph und ich am Morgen bereit sind, vergehen zwei Stunden) und anstrengender, aber wir erleben so viele komische Situationen, dass wir zwischendurch noch mehr Zeit verlieren mit über uns und die Situationskomik zu lachen.

Ich denke, die Umstände haben uns eine aussergewöhnliche und erlebnisreiche Reise beschert, die wir respektive ich nie so geplant hätte(n). Wir hätten Kilometer abgespult, hätten Tausende Autos gekreuzt. Aber hätten wir auch all die Kleinigkeiten entdeckt? Wäre unser Blick nicht ausschliesslich nach vorne gerichtet gewesen?

Da wir nicht wissen wie es andersrum gewesen hätte sein können, konzentriere ich mich auf das, was ist und war. Wir erlebten vieles erst dank meines Unfalls. Ein Pfleger in der Emergency in Victoria erzählte mir von seiner Grosstante in Schaffhausen. Dank Mr. Eds Notfall lernten wir tolle Menschen in Jasper kennen, die uns mit ihrer Herzlichkeit unvergessen bleiben werden. Eigentlich wandelte sich mein Unfall zum Glücksfall (abgesehen von den Schmerzen und der Umständlichkeit), und wir von Pechvögeln zu Glückspilzen.

Samstagmorgen, 27. Oktober 2018, 8:25 Uhr. Gemäss Flugplan wären wir seit einer halben Stunde in Zürich. Technische Probleme am Flugzeug haben den Abflug um eineinhalb Stunden verzögert. Die Verspätung hat aber auch etwas Positives: den Sonnenaufgang hoch über den Wolken. Ein Sonnenaufgang, der uns zeigt, die Erde dreht sich weiter, auch wenn man selber das Gefühl hat, sie stehe still.

Flugzeuge gehören nicht zu meinen bevorzugten Fortbewegungsmitteln. Doch konnte ich diesem Flug von Toronto zurück in die Schweiz etwas abgewinnen: den Mond und das Sternbild Orion in über 11’000 Metern über einem unendlich weiten Wolkenmeer scheinen zu sehen, ist ein besonderes Erlebnis. Und die aufgehende Sonne am Wolkenhorizont lässt mich einmal mehr über das Wunder Erde staunen. Ein neuer Teil dieser Erde durften wir, Christoph, Mr. Ed und ich, gemeinsam entdecken und uns an Vielem erfreuen und über Manches staunen. Dafür sind wir sehr dankbar und werden diese drei Wochen kanadisches Abenteuer nie vergessen.

Der tapfere Mr. Ed

Über zwei Wochen ist es her, dass Mr. Ed ein Häufchen Elend war. Seine Vorderbeine eingeknickt, die Hinterbeine im Elend. Niemand wusste, ob Mr. Ed wieder auf die Beine kommt und die Reise nach geändertem Plan weitergehen kann. Das Resultat ist bekannt: Mr. Ed wurde in Jasper von Jason und seinem Team verarztet. Dieser Notversorgung (vier Kabelbinder) hält immer noch. Die tragenden und wichtigen Teile waren nicht von einer Blessur betroffen. War erst geplant, in Calgary mit Mr. Ed eine Notfallstation (Rollstuhlhändler) aufzusuchen, musste diese Idee schnell verworfen werden. Das für die Reparatur notwendige Plastikteil gibt es nur in Europa, schliesslich sei Mr. Ed deutscher Herkunft, wie die Markenvertretung in Kanada mir mitteilte. Mr. Ed hielt sich auf den Beinen, solange er nicht zusammengefaltet wurde. Also schauten wir verbal und physisch gut zu ihm.

Mit jedem unternommenen Kilometer wuchs das Vertrauen in die Notversorgung. Sollte er also auch den Flug von Calgary nach Toronto gut überstehen, liesse sich die Reise sorglos weiterführen. Den Flug überstand er im ungefalteten Zustand gut. Inzwischen verlieren wir keine Gedanken mehr daran.

Mehr Sorgen machte ich mir über den Zustand der Reifen. Die Risse wurden und werden immer mehr. Klar, Reifen wären sicher einfacher zu finden als Rollstuhlteile. Fahrradgeschäfte gibt es und dort wären sicher geeignete Gummis zu finden. Eine kleine Recherche im Internet führte zu entsprechenden Auskünften. Zu lesen war da dann auch noch, die Reifen seien unplattbar. Lachte ich nun aus Erleichterung oder wegen des Ausdrucks unplattbar? Mr. Ed ist unplattbar und, so scheint es, unverwüstlich.

Überhaupt ist Mr. Ed ein Lastesel und Arbeitstier. Für unsere Rundfahrt Toronto – Kingston – Montreal – Ottawa – Toronto musste er neben dem Fahrer auch noch zwei schwere Rucksäcke transportieren. Unterstützung bekam er vom Swiss-Trac, der mit einem Koffer beladen war. Reduziert auf das Notwendige war das Gepäck so umfangreich und gewichtsmässig optimiert, dass die zwei Einarmigen gut reisen konnten, ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Und es hat bestens geklappt.

Für Mr. Ed heisst es am Freitag noch einmal ab in den Flugzeugbauch. Und knapp acht Stunden später werden sie ihn uns in Zürich (hoffentlich ohne weitere Blessuren) wieder aushändigen. Die Geschichten mit und um Mr. Ed werden weitergehen. Es wird solche geben, die sich zu erzählen lohnen. Und es wird Geschichten geben, die wir für uns behalten. Und was für Mister Ed, das sprechende Pferd gilt, hat auch für Mr. Ed, den Rollstuhl Gültigkeit. Der Text des Titelsongs von Mister Ed sagt alles, was es zu sagen gibt:

A horse is a horse, of course, of course,
And no one can talk to a horse of course
That is, of course, unless the horse is the famous Mr. Ed.
Go right to the source and ask the horse
He’ll give you the answer that you’ll endorse.
He’s always on a steady course.
Talk to Mr. Ed.

(Ein Pferd ist natürlich ein Pferd,
Und niemand kann natürlich mit einem Pferd sprechen
Das ist natürlich, es sei denn, das Pferd ist der berühmte Mr. Ed.
Gehe direkt zur Quelle und frage das Pferd
Er wird dir die Antwort geben, die du unterstützen wirst.
Er ist immer auf einem konstanten Kurs.
Sprich mit Mr. Ed)

More to come- stay tuned!

Un conducteur rolli à Montréal

Bei meinen Überlegungen zum Titel kam mir sehr schnell das Lied An Englishman In New York von Sting in den Sinn. Das Lied beginnt mit der Aussage I’m an Alien (Ich bin ein Fremder). Fremd fühlte ich mich nicht als Ausländer, sondern als Rollstuhlfahrer. Den Zug von Kingston konnte ich schnell verlassen. Das Perron war auf die Höhe des Waggoneingangs gebaut (ca. 1,5 m über der Schiene) und in Montreals Untergrundbahnhof stand der Schweizer Konvoi bald in der Bahnhofshalle, bereit den Weg zum Hotel in Angriff zu nehmen. Die Angaben, welchen Ausgang man wo erreicht, sind gut sichtbar. Boulevard Robert Bourassa, Rue Belmont oder Rue de la Gauchetière heissen die Ausgänge und, so habe ich sie recherchiert, wären für uns gut, schnell das Hotel erreichen zu können.

Nur mit dem Schnell ist es so eine Sache. Ausgang Boulevard Robert Bourassa endet für einen Rollstuhlfahrer in einer Sackgasse: Rolltreppe respektive Treppe. Klar, es gibt Rollifahrer, die Rolltreppen nehmen und so Etagen überwinden. Wäre für mich das köperlich machbar (ist es nicht), käme es trotzdem nicht in Frage. Ich hätte Angst beim Aufwärtsfahren vor dem Rückwärtsfallen. Also machen wir uns auf, unser Glück beim Ausgang zur Rue Belmont zu versuchen. Das Resultat ist das gleiche. Das wiederholt sich auch für die Rue de la Gauchtière. Der Bahnhof spült uns nicht wieder an die Oberfläche. Sehnsucht nach dem Präriebahnhof Kingston kommt auf. Gedanken fliegen durch den Kopf und die Suche nach geeigneten Bänken als Schlafgelegenheit. Werden wir Montreal überhaupt einmal anschauen können, bevor unser Reise weiter nach Ottawa geht?

Montreals Bahnhof an einem Freitagabend um 21 Uhr ist fast ausgestorben. Vereinzelt sitzen noch Leute in den wenigen (etwa 15%) offenen Schnellimbissrestaurants. Die Schalter der Viarail sind längst geschlossen, die letzten Züge aus Ottawa und Toronto werden Montreal gegen 22 Uhr erreichen. Dann schliessen sie den Bahnhof und öffnen ihn erst wieder am Samstagmorgen. Schöne Aussichten! Irgendwann erblicken wir einen dunkelhäutigen Beamten, der bei einer Bahngesellschaft angestellt zu sein scheint, die für den Nahverkehr zuständig ist. Der rundliche Mann ist unsere Hoffnung. Vera versucht auf französisch ihm zu erklären, dass wir auf der Suche nach einem Lift seien und ob er uns weiterhelfen könne. Zuerst verstand er oder wollte er unser Französisch nicht verstehen. Als er bemerkte, dass wir beharrlich blieben, reagierte er auf unsere Frage. Seine Antwort war aber eine Enttäuschung: Nein, er wisse nicht ob und wo ein Lift wäre, er nähme IMMER die Treppe. Hatte ich seinen rundlichen Körper zu lange gemustert?

Weitersuchen war angesagt. Wir hatten das Gefühl, alle möglichen Ausgänge schon abgeklappert zu haben. Hinter keinem Restaurant, neben keinem Geschäft und in keiner dunklen Ecke liess sich eine Art von Aufzug finden, die auch nur annähernd rollstuhltauglich gewesen wäre. Was tun? Die Rolltreppe trotzdem nehmen?

Unsere (oder besser geschrieben meine) Rettung nahte von hinten. Ich vermute, der Sicherheitsmann hat uns Suchende länger beobachtet und sich uns dann doch noch erbarmt. Jedenfalls erklärte er uns ausführlich, es gäbe ausserhalb der Bürozeiten nur einen Lift, den man nehmen könne. Und ER wisse, wo der sei. Tatsächlich führte der Lift eine Etage höher und eine Hotelhalle durchquerend erreichten wir die Rue Belmont und eine halbe Stunde später waren wir in unserer Unterkunft.

In Montreal gibt es seit den 1960er Jahren die Undergroundcity. 30 Kilometer Gänge, Passagen und Wege, die die halbe Stadt unterqueren. Soll ich nun erzählen, wie lange wir einen Eingang suchten und was wir alles erlebten? Ich lasse es, weil der Beitrag viel zu ausführlich wird. Ebenso lasse ich meine Ausführungen zur Gastronomie in Montreal sausen. Das Suchen von rollstuhlgängigen Restaurants ist in Montreal wesentlich einfacher als das Finden. Ausgenommen, man gibt sich mit Fastfood zufrieden…

More to come – stay tuned!