Hammerfest »On Top of the World«

Hammerfest liegt tausend Kilometer nördlich des Polarkreises und war bis 1996 die nördlichste Stadt der Welt. Dann bekam Honningsvåg, das noch nördlicher liegt, das Stadtrecht. Doch auf Werbeprospekten wirbt Hammerfest immer noch mit »On Top of the World«, was niemand der Stadt abspricht.

Das moderne Aussehen der Stadt, die schon 1789 das Stadtrecht bekam, verdankt auch sie der Deutschen Wehrmacht und ihres Prinzips der »verbrannten Erde«. Das einzige Gebäude, das den Flammen der Deutschen widerstand und heute noch steht, ist die Grabkapelle.

Heute sind der Tourismus, die Fischerei, die Schifffahrt und die Erdgasförderung- und verarbeitung die Einnahmequellen der Stadt. Hammerfest hat die grösste Erdgasverflüssigungsanlage der Welt.

Doch nun genug der Infos zu der Stadt. Wir machen es wie immer und lassen uns von unserem Gefühl bei der Stadtentdeckung leiten. Halt, stimmt nicht ganz. Ich habe uns wie immer vorgängig im Reiseführer etwas schlau gemacht und weiss, in welche Richtung ich gehen möchte. Die Grabkappelle interessiert mich und die moderne Hammerfestkirche. Wir folgen der Hauptstrasse nahe des Hafens, kommen am »Wiederaufbaumuseum“ vorbei, das sich der Geschichte des zweiten Weltkrieges und des Wiederaufbaus widmet. In fast allen grösseren Orten in der Finnmark begegnet man solchen Museen. Erinnerung und Bewältigung der vielen grauenhaften Kriegsgeschehnissen.

Wir gehen um die Strassenbiegung und da erhebt sie sich weiss und erhaben in den strahlend blauen Himmel. Eine grosse Kirche aus Beton und in Dreiecksform. Sie beeindruckt durch ihre Schlichtheit und mit ihrem strahlenden Glasfenster im Chor. Ein Dreieck, dessen Schenkel acht Meter lang sind. Der Osloer Architekt Hans Magnus hat die Kirche erbaut, die 1961 geweiht wurde. Das Dreieck ist Leitmotiv der Kirche: Symbol der heiligen Dreifaltigkeit und der Bezug zu den traditionellen Gestellen zum Fischtrocknen, mit denen noch heute der Stockfisch hergestellt wird.

Die Aussicht von hier über den Fjord ist eindrücklich. Die rohe Natur mit ihren kargen Felsen und dem wenigen Grün vereint sich mit dem Blau des Wassers und des Himmels.

Dann besuchen wir die Grabkapelle. Eine Rampe für den Rollstuhl wäre da, doch wie so oft hier im Norden, ist die Kapelle verschlossen.

Der Friedhof beeindruckt mich, wie eigentlich alle Friedhöfe in Norwegen und in Schweden. Die Gräber liegen verstreut im Gelände, so als hätten die Verstorbenen und ihre Angehörigen die Wahl gehabt, wo sich ein Grab befinden soll. Auch hier gibt es sehr alte Gräber, sogar aus dem 18. Jahrhundert. In Skandinavien werden die Toten geehrt, ihre Gräber erhalten und immer wieder erneuert. Eine sehr berührende und verehrende Tradition.

Wir müssen uns von dieser Stadt wieder verabschieden. Der Rückweg führt uns noch über einen grossen Platz am Hafen, wo sich Touristen und vermutlich auch Einheimische tummeln. Es bleibt keine Zeit mehr, dies genauer herauszufinden, das Schiff legt bald ab.

Von Kirkenes nach Bergen

Das Schiff legt in Kirkenes ab, und schon befinden wir uns auf der Rückreise nach Bergen. Die Reise vom Norden in den Süden ist fast die gleiche Strecke wie von Süden nach Norden, doch ändern sich die Ankunftszeiten an den Anlegeorten. Da wo wir im Hinweg im späteren Morgen oder am Nachmittag angelegt haben, landen wir nun nachts oder am Morgen früh. Wir fahren mehr Strecken auf offenem Meer, was die Fahrt lebhafter und schwankender macht.

Die Reise von Kirkenes zurück nach Bergen ist eine Reise voller Überraschungen: da sind die unvorstellbar schönen Naturbilder und immer wieder Anlegeorte, die auf den ersten Blick eher unattraktiv wirken. Wenn wir uns eingehender mit ihnen befassen, entdecken wir Spannendes, Interessantes, Berührendes und zum Nachdenken anregendes. Es lohnt sich einmal mehr, sich genauer mit dem Unscheinbaren zu beschäftigen.

Die erste Überraschung erleben wir in der Nacht nach Kirkenes. Die Lautsprecherdurchsage um 21.30 Uhr lässt uns aufhorchen. «Die Sichtung von Nordlichtern ist möglich». Also nichts wie los auf Deck sieben. Ich bin gespannt, was ich da zu sehen bekomme. So viele haben mir davon vorgeschwärmt oder mir dieses Phänomen physikalisch erklärt. Das ist alles vergessen, als ich wie alle andern in den Himmel schaue. Da ist der nicht mehr ganz volle Mond und ein paar Wolken, dazwischen vereinzelte Sterne. Doch dann webt sich aus dem Nichts heraus ein leuchtend grünes Band von Irgendwas durch die Wolken und in den Nachthimmel. Ständig in Bewegung, in immer neue Formen und unterschiedlich intensiv leuchtend. Ein grün-gelbes Wunder.

In der nächsten Nacht dürfen wir noch einmal über das gleiche Wunder staunen. Die Bilder am Himmel sind noch intensiver, das Spiel von Mond, Nordlichter und Wolken ein Tanz in der Unendlichkeit.

Kirkenes «Wendepunkt der Postschiffe»

Als unser Schiff in Kirkenes anlegt, ist der Himmel grau, das erste Mal seit dem strömenden Regen in Bergen. Diese düstere Stimmung passt zu meinem Eindruck dieses verlorenen Fleckens Erde. Graue Felsen und wenig Gestrüpp. Ich bin gespannt, was wir an diesem Ort entdecken werden. Die russische Grenze ist nur 10 km entfernt, was für mich das Ganze noch ungemütlicher scheinen lässt.

Das Bild, das sich dem Betrachter beim Spaziergang durch die Stadt eröffnet, ist gänzlich anders als der erste Eindruck. Wir kommen an schönen Holzhäusern vorbei, die sehr gepflegt sind und auf einen gewissen Wohlstand hindeuten. Es leben rund 3500 Menschen in dieser Stadt. Mit jedem Schritt begegnet man mehr der Geschichte dieses Ortes: da ist die «Andersgrotte“», die während des Zweiten Weltkrieges gesprengt wurde und der Bevölkerung als Schutz gegen die russische Bombardierung diente. 1944 wurde die Stadt von der Roten Armee eingenommen. Voraus gegangen war auch hier die Massnahme «verbrannte Erde» der Deutschen Wehrmacht. Kirkenes war von allen Kriegsparteien wegen seines reichen Erzvorkommens begehrt und umkämpft. Acht Jahre nach dem Krieg wurde der Erzabbau wieder aufgenommen und Kirkenes erlebte Jahre des wachsenden Wohlstands, was sich, wie beschrieben, an der Architektur der Häuser zeigt.

Wir gehen über den Dorfplatz, wo reges Leben herrscht. Eine Schulklasse besucht das Museum, Touristen wie wir lesen die Geschichtstafeln, die rund um den Platz stehen. Unterwegs fallen mir zweisprachige Strassenschilder auf: Norwegisch und Russisch. Bis im Februar 2022 war die Grenze zu Russland offen und die Russen konnten ohne Visa nach Kirkenes kommen. Weiter geht es zu einem Fabrikgebäude aus roten Ziegelsteinen, vermutlich eine der ehemaligen Erzfabriken. Wir kommen in eine kurze Geschäftsstrasse, die von einer Riesenkrabbe aus Metall bewacht wird. Bald erreichen wir die Kirche, die geschlossen ist. Die Grabsteine auf dem Friedhof erzählen vom Krieg. Unzählige Männer sind im Jahr 1944 gestorben.

Eine Dame von unserem Schiff macht uns auf die russische Botschaft in einer Nebenstrasse aufmerksam. Ein einfaches Haus. Das Besondere hier ist der Mut der Bevölkerung von Kirkenes. Gegenüber der Haupttüre steht ein Holzpalett mit einem riesigen Bild von Alexej Navalny. Kerzen und Blumen schmücken das Bild. Wenn die russischen Angestellten nach Hause gehen, müssen sie Navalny in die Augen sehen.

Auf dem Rückweg zum Schiff besuchen wir noch das Denkmal für die russischen Soldaten, die der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg entgegentraten. Daneben steht ein gelb-blauer VW-Bus mit grossen Buchstaben beschrieben: STOP WAR und STOP PUTIN. Womit wir wieder in der Gegenwart angekommen sind.

Weihnachten in Honningsvåg

Honningsvåg war auch Opfer des Zweiten Weltkriegs. Ausser der Kirche, wurden alle Häuser von der Deutschen Wehrmacht abgebrannt. Deshalb sind die alten Häuser im Stil der Nachkriegsarchitektur gebaut.

Als erstes fällt mir der Hafen voller Schiffe auf. Honningsvåg ist die bedeutendste Fischereisiedlung der westlichen Finnmark. Dies sieht man einerseits an den vielen deutlich erkennbaren Fischerbooten, andererseits an den zahlreichen Werftbetrieben und Fischverarbeitungsfabriken.

Auf dem Weg ins Dorf kommen wir am Nordkapmuseum vorbei, das über die Geschichte und die regionale Küstenkultur informiert. Wir lassen es rechts liegen und spazieren weiter.

Ich frage mich sehr bald, wie Menschen hier in dieser kargen Landschaft leben können, im nördlichsten Dorf Norwegens, das mit Strassen erschlossen ist. Jetzt scheint die Sonne und die farbigen Schiffe und die bunten Häuserzeilen leuchten und hinterlassen einen frohen Eindruck. Doch wie dunkel und einsam muss es hier im Winter sein, ohne Sonne und bitter kalt?

Die Menschen, denen wir begegnen, sind freundlich und wirken aufgeschlossen. Ein Plakat lässt mich stutzig werden: hier werden im Sommer mehrere Musikfestivals, kulturelle Produktionen, Ausstellungen und ein Sommermusical durchgeführt. Nichts von gedrückter Stimmung! Dieses Dorf hat ein reiches Leben und im Sommer herrscht hier sicher ein buntes Treiben.

Meinen ersten Eindruck kann ich gleich über den Haufen schmeissen. Hier lässt es sich offensichtlich gut leben.

Auf dem Rückweg zum Schiff sehe ich von Weitem ein Haus mit weihnachtlichen Plakaten: «Artico Christmas House». Da treibt mich meine Neugierde hin. Auf 400 m2 warten hier Weihnachtsartikel so weit das Auge reicht. Hier findet man einfach alles: Weihnachtszwerge, Weihnachtsrentiere, Weihnachtskugeln, Weihnachtsservietten, Baumschmuck, Textilien usw. usw. Weihnachten Mitte September!

Da wird mir ein weiterer Aspekt der Hurtigruten-Schiffe bewusst: Touristen kommen dank der Schiffe hierhin, kaufen Weihnachtsartikel, besuchen das Museum, nehmen im Sommer an den Festivals teil und im Winter buchen sie Schlittenfahrten und wollen die Polarlichter sehen.

Tromsø „Paris des Nordens“

Tromsø war im Zweiten Weltkrieg für kurze Zeit die Hauptstadt des freien Norwegen (bis der König und die Regierungsmitglieder nach England flüchteten) und von Zerstörung weitgehend verschont geblieben.

Tromsø liegt auf einer Insel, ist von zum Teil 1200m hohen Bergen umgeben und verfügt über einen lebhaften und farbenfrohen Hafen.

Schon von weitem leuchtet die Eismeerkathedrale zum Gruss bei der Einfahrt des Schiffes in den Hafen. Sie ist nur über die 1036 m lange Tromsøbrua erreichbar, die über den Sund führt. Zahlreiche Busse voller Touristen fahren fast nonstop über diese Brücke und von Weitem sieht man die zahlreichen Besucher vor der Dreieckskirche stehen. Für uns wenig verlockend.

Wir wenden uns zuerst der Stadt zu. Modernste Glaskästen säumen den Sund. Wir folgen einer Strasse Richtung Zentrum, gehen an einer Kirche vorbei, die 1861 in neugotischem Stil erbaut wurde. Es ist der nördlichste protestantische Dom der Welt und ist eine der grössten Kirchen des Landes.

Die Fussgängerzone ist in Blickweite, als mich ein altes Holzhaus in einer Nebengasse in seinen Bann zieht. Es ist mit einem überdimensionierten Playmobil-Piraten, einem etwas kleineren Mickey Mouse-Bild geschmückt und weckt meine Neugierde. Es ist eine Art Antiquariat und Legoladen.Die Gestelle sind prall gefüllt, man muss sich den Weg zum Verkaufstisch suchen. Hier findet man vermutlich alles, was das Playmobil- oder Legoherz begehrt.

Die Fussgängerzone entpuppt sich als lebhafte Geschäftsstrasse mit alten, meist doppelstöckigen Holzhäusern. Die Geschäfte sind vor allem auf Touristen ausgelegt, daneben gibt es Restaurants, Bars und Cafés. Doch ein nördliches Paris? Es ist ein friedliches Treiben und der Sonnenschein trägt dazu bei, dass wir uns hier wohlfühlen. Neben den alten Häusern sieht man immer wieder riesige Glasgebäude, die sich an die alten Häuser schmiegen. So die Bibliothek und das Rathaus. Aber auch hier ein friedliches Nebeneinander, alles hat Platz: moderne Architektur, alte Geschäftshäuser, romantische Pavillons, ein Kino aus dem letzen Jahrhundert und der bunte Hafen voller Boote.

Bodø – Kulturhauptstadt Europas 2024

Bodø ist die zweitgrösste Stadt Nordnorwegens. Die Schönheit dieser Stadt liegt in ihrer Umgebung: Fjord, Berge, Insel. Die Stadt selber wurde nach dem zweiten Weltkrieg und der Zerstörung durch die deutsche Wehrmacht wieder aufgebaut. In der für diese Zeit aktuellen Architektur. Im Rechteckmuster verlaufende Strassen und viele triste Stein – und Betonhäuser. Daneben gibt es am Fjord modernste Bauten, auch das Rathaus in der Stadt gehört zu diesen. Bekannt wurde Bodø durch die verschiedenen Graffitikünstler, die die grauen Wände lebendig machten. Streetart ist in Norwegen sonst selten, hier findet man sie zu Hauf.

Trondheim

Trondheim wurde im Jahr 997 auf der Halbinsel Øra erbaut. Die Lage der Stadt war strategisch günstig, sie war umgeben von Wald und fruchtbaren Böden. Sie wurde damals zur Residenzstadt von König Olav Tryggvason. Sein Nachfolger trug wesentlich zur Bekehrung der heidnischen Wikinger zum «rechten Glauben» bei. Olav Haraldsson fiel bei einer Schlacht für das christliche Norwegen. Er wurde bei Trondheim in einer Kapelle beigesetzt. Aus dieser ging später der 1320 fertiggestellte Nidarosdom hervor.

Durch Trondheim zu schlendern lohnt sich. Eine breite Fussgängerzone mit vielen Geschäften in mehrstöckigen Holzhäusern führt direkt zum Dom. Dieser steht in einem weitläufigen Park. Gräber sind in lockerer Ordnung unter den Bäumen verteilt, so dass man dazwischen schlendern und den Park geniessen kann.

Der Dom ist ein Besuch wert. Von aussen sieht er etwas trotzig aus und erinnert an die romanischen Burgkirchen. Man sieht, dass er in der frühen Gotik erbaut wurde. Tritt man ein, ist man sofort in einen Raum der Leichtigkeit versetzt. Wie es für die Gotik typisch ist, zieht es den Blick in die Höhe, man scheint zu schweben. Der Dom ist von einer perfekten Einfachheit geprägt, frühgotische Figuren schmücken den Eingang zum Allerheiligsten, das aber frei zugänglich ist. Im Westen bringt einen die riesige Glasrosette zum Staunen und innehalten. Filigran und in harmonischen Blau- und Rottönen fängt sie den Blick des Besuchers ein.

Ja, richtig, die Gotik gehört zu meinen Lieblingsstilen in der Kirchenbaukunst und solch ein wunderschönes Beispiel von klarer Gotik bringt mich ins Schwärmen.

Die Zeit in Trondheim vergeht viel zu schnell und plötzlich müssen wir uns beeilen, damit wir pünktlich zurück auf unserem Postschiff sind. Im Vorbeigehen sehen wir die alten Holzhäuser, die noch heute auf Pfählen im Wasser stehen. In verschiedenen Farben grüssen sie von der anderen Flussseite zu uns herüber. Für einen längeren Blick und ein paar Fotos reicht es, dann geht’s ab aufs Schiff.

Ålesund «Stadt des Jugendstils»

Die vielen Jugendstilhäuser, denen man auf dem Stadtbummel begegnet, wurden alle im Zeitraum zwischen 1904 und 1907 erbaut. Vorausgegangen war eine Feuersbrunst, die im Januar 1904 den gesamten Stadtkern zerstörte. Mehr als 800 Häuser verbrannten und und rund 10 000 Menschen wurden obdachlos. Hilfe kam aus ganz Europa. Der Wiederaufbau dauerte drei Jahre und entsprechend des Baustils in diesen Jahren, wurden die Häuser in dem mit nationalen Elementen gemischten Jugendstil gebaut.

Ålsund ist noch heute der wichtigste Fischerei- und grösste Exporthafen Norwegens für Stockfisch. Für Stockfisch wird hauptsächlich Kabeljau (Dorsch) verwendet, der auf Holzgestellen an der Luft getrocknet wird. Eine Spezialität, die wirklich gut schmeckt, wie ich bei einem Abendessen feststellen durfte.

Auf unserem Stadtbummel staunten wir ob den vielen verschiedenen Jugendstilfassaden, die mal weiss, mal farbig, mit verschiedensten Pflanzen-und Blumenornamenten geschmückt sind. Ein spezielles Stadtbild so hoch im Norden.

Von Ålesund nach Urke und zurück

Am Morgen des zweiten Reisetages legen wir in Ålesund an, doch ist die Aufenthaltszeit zu kurz, um die Jugendstil-Stadt zu besuchen. Ein zweiter Halt ist am Abend geplant, zwei Stunden Zeit für die Stadtbesichtigung.

Bis dahin erwartet uns eine Reise in die unendlich schöne Landschaft des Hjørundfjords. Er ist einer der Seitenarme des Storfjordes, der im Frühling und Herbst angefahren wird. Insgesamt geht die Fahrt durch den 84 km langen Ast bis nach Urke. Die Landschaft ist so unglaublich schön, dass man sie nicht beschreiben kann. Deshalb lasse ich lieber Bilder sprechen.

Urke ist ein kleines Bauerndorf mit 30 Einwohnern. Anfangs des 20. Jahrhunderts begann ein Bauer hier Landwirtschaft zu betreiben. Heute ist Urke wegen seiner einmalig schönen Lage fast zuhinterst im Fjord und als Ausgangspunkt für Wanderungen bekannt.

Die Hurtigruten-Schiffe gehen in der Nähe vor Anker und die Passagiere, die Wanderer und die Post und Waren für die Einheimischen werden mit Tenderbooten an Land gebracht.

Urke

Bergen

Nachts bei unserer Ankunft ist nichts von dieser charmanten Stadt zu sehen. Doch sind wir hingerissen vom Taxifahrer, der völlig unbeschwert morgens um halb eins unseren riesigen Gepäckberg und Christoph samt Rollstuhl in seinem Minibus verstaut und uns sicher zu unserem Hotel bringt.

Bergen gilt als Königin der Fjorde und ist die Stadt mit der höchsten jährlichen Regenmenge in Norwegen. Sie macht am nächsten Tag ihrem Ruf alle Ehre. Unser Trio, Christoph, sein Rollstuhl, der aus Schweden stammt, und ich, lässt sich aber nicht davon abhalten, die Stadt zu entdecken. Unser Ziel ist der Hafen, dessen Ursprung auf das Jahr 1070 zurückgeht, als der norwegische König Olaf Kyrre beschloss, auf dem natürlichen Hafen eine erste Hafenanlage bauen zu lassen. Im 12. Jahrhundert wurde dieser Hafen zum wichtigsten Umschlagplatz für Waren aus der ganzen Welt. Die alten Holzhäuser im Quartier Brygge wurden nach Bränden um 1702 und 1955 völlig vernichtet. Es erfolgte ein Wiederaufbau und heute sind da mehrere Museen, die deutsche Kirche, Souvenirläden und Bars untergebracht. Auf dem Weg dahin passieren wir schmale und vor allem steile Gassen mit gelben, weissen oder grauen Holzhäusern, die mich an Schweden erinnern, aber doch in einem etwas anderen Stil gebaut sind. Auf Umwegen, die sich durchaus lohnen, erreichen wir unser Ziel. Tropfnass, aber vergnügt.

Nach einigem Umschauen dringt bluesiger Rock an mein Ohr. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Lokal als Bar mit Verpflegung, und als ich Fish and Chips auf der Karte entdecke, ist die Wahl getroffen. Wir essen draussen unter dem Vordach, vor dem Regen geschützt und von einer Infrarotlampe mit Wärme beschenkt. Dass wir bei diesem Wetter draussen essen wollen, erzeugt einiges Erstaunen beim Servierpersonal, doch begreifen die Norweger schnell, als sie Christophs Gefährte sehen.

Nach dem Essen schlendern wir über den Foodmarket, der vermutlich eigens für die mehreren tausend Kreuzfahrtgäste eingerichtet wurde. Da wir immer noch feucht und langsam müde sind, machen wir uns auf den Weg zum Hurtigruten-Terminal. Wir checken ein, lassen einen Informationsfilm zur Evakuierung des Schiffes über uns ergehen. Dann sind wir endlich auf dem Schiff und geniessen einen Prosecco, um die Ausfahrt aus Bergen zu feiern.

Ein Rückblick

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Nun sind wir also zurück und, wie es Christoph beschrieben hat, in der schweizerischen Realität angekommen. Mir ist dies erst im Bahnhof Biel so richtig bewusst geworden, als ich einen ziemlich grossen Klimaunterschied wahrnahm. In Schweden war das Wetter oft kühl und nass, doch strahlen die Menschen in Skandinavien viel Herzlichkeit und Wärme aus. Sie sind freundlich und sehr hilfsbereit. In Zürich und Biel wurden wir von den warmen Temperaturen überrascht, doch war sofort Hektik und mehrheitlich ein «Jeder schaut für sich» spürbar.

Ich erinnere mich sehr gerne an die schwedische Herzlichkeit zurück, sei dies in der Unterkunft in Brösarp, wo jeder, wirklich jeder Hilfe anbot oder dafür nur einmal gefragt werden musste. An die vielbeschäftigte Wirtin, die sich Zeit nahm, mir den Weg zu unserem Zimmer persönlich zu zeigen und der Ober, der ohne zu zögern, Christoph samt Rollstuhl auf die leicht erhöhte Terrasse hievte.

In grösseren Unterkünften oder Hotels war die Herzlichkeit professionell, doch auch hier musste man sich nicht scheuen, um Hilfe zu bitten. Das Servicepersonal nahm sich sogar Zeit für Gespräche. So erfuhren wir von unserem ägyptischen Kellner, dass er zwar in Kairo aufgewachsen ist, aber die Pyramiden in Gizeh und die Tempel in Assuan erst jetzt mit seiner Tochter entdeckte. Oder vom spanisch-britischen Kellner, dass er nach Stockholm ausgewandert ist, wegen seiner schwedischen Frau.

Die Herzlichkeit und Wärme von Marian und Arjan in Tived blieben unübertroffen. Sie sind Gastgeber aus Passion und Liebe zu den Menschen, was sich in ihren liebevoll ausgestatteten Häuschen und Marians schwedisch-holländischer Gourmetküche zeigt.

In Stockholm wurde es grossstädtischer, das Lächeln der Rezeptionistinnen wirkte aufgesetzt und etwas steif. Aber auch im riesigen Hotel wurden wir stets freundlich und entgegenkommend behandelt.

Mit Christoph und seinem Gefährt unterwegs zu sein ist manchmal amüsant, manchmal herausfordernd. Der Swiss Trac ist überall im Ausland eine Attraktion, was zu vielen Blicken, Kommentaren und Fragen oder gar zu Gesprächen führen kann. Ich mochte es, die Leute, die uns begegneten und ihren jeweiligen Gesichtsausdruck zu beobachten. Herausfordernd war, durch die Menschenmenge zu kommen. Ich konnte mich durchschlängeln und ausweichen, Christoph musste immer wieder abbremsen und warten. Er wird trotz der Grösse seines Gefährtes oft übersehen, vor allem von den Touristen. Da braucht es seine Geduld und meine auch. Geduld und einen geschulten Blick brauchten wir auch, wenn es darum ging, in einer Altstadt ein rollstuhlgängiges Restaurant zu finden. In den modernen Quartieren einer Stadt ist das Unterwegsein mit Rollstuhl recht unkompliziert. Davon wird Christoph noch berichten, er ist da ja der Experte.

Wie vielfältig Schweden landschaftlich ist, konnten wir dank unseres Wunderautos sehen und erleben. Die vielen Kilometer wurden zwar für uns beide eine Herausforderung. 300 Kilometer an einem Tag, mehrheitlich auf der Autobahn, waren für mich als Fahrerin ermüdend, für Christoph das lange Ausharren im Auto eine Plage. Und trotzdem haben sich all diese Mühen gelohnt. Wir haben so viel Schönes, Überraschendes und Spannendes erleben dürfen, sind von den unterschiedlichen Landschaften, der üppigen Natur und der Herzlichkeit der Menschen begeistert. Deshalb sagen wir auf Wiedersehen oder wie es die Schweden sagen: Hej då!

Stockholm entdecken

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Heute gehen wir einmal getrennte Wege: Christoph zieht es auf eine kleine Insel, auf der alte Militäranlagen und Werke von Tinguely und Nikki de Saint Phalle zu sehen sind.

Ich will eine Stadtführung per Hop on hop off-Bus machen, um etwas mehr von der Stadt zu erfahren. Die Fahrt dauert zwei volle Stunden und meine Geduld wird vom Fahrstil des Chauffeurs und von den vielen roten Ampeln strapaziert.

Hier einige meiner Erkenntnisse, die ich trotz meiner Ungeduld aus den interessanten, manchmal sogar amüsanten Informationen gewinnen konnte. Es ist eine Aufzählung, die keine bestimmte Reihenfolge einhält und überhaupt nicht historisch fundiert ist. Ein Mosaik aus verschiedensten Informationen zu Stockholm:

Am Ufer des Mälarensees wohnen die Reichen Stockholms. Hier sind die teuersten Wohnungen und Häuser der Stadt zu finden.

Am gegenüberliegenden Ufer steht das Gebäude der alten Münchner Bierbrauerei, wo vor langer Zeit Frauen die Flaschen und Fässer abfüllten. Die Brauerei sollte abgerissen werden, doch protestierten die Stockholmer und aus der Brauerei wurde ein Kulturzentrum.

Eindrücklich ist, dass eine Schleuse den Mälarensee vom Meer trennt: der Seespiegel liegt 8 cm über dem Spiegel des Meeres. Hier bei der «Schluss» (Schleuse) vereinen sich der See und das Meer. Der Untergrund der Häuser am Ufer bei der Schleuse hebt sich pro Jahr um 2mm, was bewirkt, dass sich die Häuser immer mehr zur Seite oder nach hinten neigen. Keines dieser Häuser sei gerade und alle hätten schiefe Wände und Böden.

Stockholm wurde erst zu Schwedens Hauptstadt, als sich der damalige König nach seinem ständigen Herumreisen fest in Stockholm niederliess.

Im 18. Jahrhundert ordnete der König an, dass die Häuser gelb oder orange angemalt würden, damit die dunkel wirkende Stadt heller werde. Die rote, dunklere Farbe, die Macht anzeigte, wurde nicht mehr verwendet.

Der Stockholmer Zirkus ist in einem gemauerten Rundbau untergebracht und noch heute finden dort Vorstellungen statt.

In Stockholm gibt es eine Eisbar, die das ganze Jahr auf -5 Grad Celsius hinunter gekühlt wird. Die Möblierung und die Gläser sind aus Eis und die Gäste werden mit warmen Ponchos und Handschuhen ausstaffiert, damit sie nicht frieren. Diese Bar sei vor allem im Sommer bei den Stockholmern beliebt.

Nach dieser informativen Fahrt will ich nochmals Gamla Stan, die Altstadt, besuchen. Ich bin neugierig, wie weit sich der Trubel der Touristen ausbreitet und ob es auch stille Gassen und Orte gibt. Tatsächlich ist schon eine Nebengasse der Hauptgasse kaum belebt und wunderschön, besonders da es hier weder Läden noch Restaurants gibt. Hier findet man eher Handwerker und Buchläden. Es gibt viele solcher Gassen zu entdecken, eine fällt besonders auf. Sie ist nur 90 cm breit, wird jedoch nachts auch mit Strassenlaternen erleuchtet.

Zwischendurch finde ich Plätze, die beliebte Fotosujets für Touristen sind, etwa die bunte Häuserreihe, die auf Postkarten und Souvenirs immer wieder abgebildet werden.

Ich treffe mich mit Christoph. Doch für ihn und sein Gefährt sind die unregelmässigen Pflastersteine kräfteraubend und mitunter schmerzhaft. So geniesst er einen Kaffee, während dessen ich auf die Suche nach Mitbringsel gehe. Das sollte hier eigentlich kein Problem sein, es wird eines, wenn man keinen Ramsch kaufen will.

Zum Abschluss unserer Stockholmer Zeit gibt es noch ein feines Abendessen, dann spazieren wir durch die moderne Geschäftsstrasse zurück zum Hotel.

ABBA The Museum

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Nach dem Frühstücksbuffet, das räumlich und vom Angebot her so riesig ist, dass ich mich fast verlaufe und kaum weiss, was ich mir auf meinen Teller legen soll, gehen wir wieder los. Unser Ziel: ABBA The Museum. Der Weg führt uns einem Hafen entlang, wo Fischkutter und Touristenboote nebeneinander anlegen. Die Promenade führt dem «Royal Drama Theater» und weiteren imposanten und stattlichen Palästen vorbei. Vornehme Reihenhäuser in jugendstilähnlicher Bauweise schliessen sich an, eine der teuersten Wohngegenden Stockholms. Unser Weg geht über eine weitere Brücke auf die Insel der Museen. Hier gibt es fast alles, was einen zu interessieren vermag: Kunst, Botanik, das versunkene Vasa-Schiff, das mühevoll aus dem Meer geborgen wurde, Volkskunde und noch viel mehr. Christoph hat unsere Eintrittskarten fürs ABBA-Museum online gebucht, damit wir nicht lange für Tickets anstehen müssen. Unsere Gesichter werden lang, als wir die unendliche Warteschlange vor dem Eingang der voraus gebuchten Tickets sehen. Eine halbe Stunde werden wir von ABBA-Musik auf die Ausstellung vorbereitet. Endlich ist es soweit, das hilfsbereite Personal hilft uns, den SwissTrac zu deponieren und dann geht’s los in die laute, glitzernde ABBA-Welt. Die Ausstellung ist toll gemacht, man erfährt alles über den Werdegang von Agnetha, Anni-Frid, Björn und Benny, ihre vorgängigen Solokarrieren, wie sie sich gefunden haben, die Erfolgswelle mit ihrem ehrgeizigen Manager und seiner Frau und vom Ende in Japan 1982. Die extravaganten Kostüme sind zu bewundern, deren Film zu ABBA-Avatar, die Entstehung von Mamma Mia! zu sehen. Man kann mitsingen, auf der Bühne auftreten, alles tun, was das Herz eines überzeugten ABBA-Fans höher schlagen lässt.

Nach eineinhalb Stunden verlassen wir mit dröhnenden Ohren, ein paar ABBA-Ohrwürmern und vielen glitzernden Eindrücken das Museum. Draussen empfängt uns ein stürmisches Stockholm mit einem kalten, heftigen Wind und Nieselregen, so dass wir uns möglichst schnell in die Wärme unseres Hotels flüchten.

Von Tived nach Stockholm

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Wir brechen von Tived in Richtung Stockholm auf, die letzte Fahrt in unserem intelligenten Vehikel (siehe «Moderne Fahrzeuge überfordern mich»). Zuerst zieht es uns für einen kurzen Abstecher in den Tivedens Nationalpark. Das Navi zeigt uns den Weg, die Strasse wird schmaler, der Wald rechts und links immer dichter. Nach 15 km erreichen wir den Eingang zum Park: ein riesiger Parkplatz, Infotafeln und die Aussicht auf einen See mit Inseln. Hier liesse es sich wunderbar wandern oder biken. Da wir nur wenig Zeit haben, wir müssen unser Auto um 17 Uhr in Stockholm abgeben und haben noch eine dreistündige Fahrt (ohne eingerechnete Pausen) vor uns, sehe ich mich kurz um und schiesse ein paar Fotos. Dann starte ich das Auto. Christoph findet es langweilig, den gleichen Weg zurück zu fahren (so gibt ihn das Navi an) und gibt mir seine Copilot-Anweisungen. Wir fahren wieder auf schmalen Strassen, die in noch schmalere einbiegen, zu Naturstrassen werden und irgendwo im Nirgendwo auf einem Bauernhof ein Ende finden. Das Navi zeigt uns einen Waldweg an, schmal und vermutlich ohne jegliche Chance das Auto zu wenden. Jetzt wird es auch dem Copiloten zu abenteuerlich und ich wende das Auto, solange noch Platz genug dafür vorhanden ist.

Bald sind wir auf der sicheren Strasse zurück und fahren erst über Land, immer nach Elchen Ausschau haltend, dann geht’s auf die Autobahn, wo zwischendurch die Elch-Warnschilder auftauchen. Bis kurz vor Stockholm halten sich die scheuen Tiere versteckt. Im Zoo in Stockholm hätten wir noch eine Chance …

In Stockholm lade ich zum letzten Mal unser Gepäck und den SwissTrac aus und zum letzten Mal schaffen wir den kraftaufwändigen Transfer von Christoph. Unser Hotel liegt praktischerweise nur 10 m von der Abgabestelle weg, so haben wir schnell eingecheckt und sind frei für die Entdeckung von Stockholm.

Wir gehen Richtung «Gamla Stan», der Altstadt Stockholms. Über eine der 57 Brücken der Stadt, die auf 14 felsigen Inseln erbaut wurde. «Venedig des Nordens» wird Stockholm auch genannt, dies zu Recht, denn wenn man hier unterwegs ist, trifft man immer wieder auf Wasser, das überquert werden muss, sei es ein Kanal, der Mälarensee oder das Meer.

Die Altstadt ist eine Touristenattraktion sondergleichen und entsprechend viele Menschen drängen durch die beiden Hauptgassen mit Souveniershops, Kleidergeschäften, Cafés und Restaurants. Wir lassen uns erstmal mittreiben, gehen dann die etwas ruhigere zweite Gasse zurück und lassen uns zum Abschluss des Tages in einem Restaurant verwöhnen.

Tived oder «Bullerbü»?

Wir sind wieder mit unserem Wunderauto unterwegs, die Fahrt führt weg von der Westküste Richtung Osten zu den grossen Seen Südschwedens. Unsere nächste Unterkunft liegt am Undensee, einem Nebensee des Vätternsees. Ein kleines familiäres Resort mit acht roten Häuschen, von denen wir eines bewohnen. Von den tollen Gastgebern hat Christoph schon geschrieben («Bin ich ein Schwede?»).

Den ersten Abend lassen wir nach dem Abendessen am See ausklingen, wo wir um 21.15 Uhr einen wunderschönen Sonnenuntergang erleben.

Am nächsten Tag wollen wir das Dorf Tived entdecken, das viereinhalb Kilometer von unserer Unterkunft entfernt ist. Da die Waldwege für Christoph unpassierbar sind, benützen wir die Hauptstrasse. Rechts und links bekommen wir einen ersten Eindruck vom «Urwald» des Tivedens Nationalparkes. Dichtester Wald wechselt mit steinigen Hügeln ab. Bald einmal biegt die Strasse nach Tived ab, und wir befinden uns in einer völlig anderen Welt. Vereinzelte schmucke rote Häuser, zum Teil Bauernhäuser mit Pferdekoppeln davor, dazwischen grüne Wiesen, die teilweise zu den Grundstücken zu gehören scheinen. Mitten drin eine kleine weisse Kirche. Ich komme mir vor, als sei ich in Astrid Lindgrens Bullerbü gelandet. Die roten Häuser mit den weissen Fensterrahmen, den weissen, filigran geschnitzten Dachleisten und Veranden lassen mich, wie damals als Kind, in die Bullerbü-Geschichte eintauchen und ich erwarte, dass jeden Augenblick eines der Bullerbü-Kinder aus einem der Häusern gerannt kommt. Aber nein, das sind nur Gedankenreisen. Doch ist das Dorf Tived mit seinen roten Häusern ein echtes Bijou. Hier wirkt alles friedlich und gemütlich.

Wir spazieren durchs Dorf, vorbei an einem geschlossenen Laden, es ist Sonntag, und einem kleinen Wirtshaus, das die Gäste im hauseigenen Garten empfängt. Sofort ist uns klar, wo wir heute unsere «Fika» abhalten werden. Zuerst wollen wir noch zu der Kirche gehen. Sie ist, wie die meisten Kirchen in Schweden, abgeschlossen. Rund um die Kirche ist ein grosser Friedhof angelegt. Die Gräber liegen in weiten Abständen zueinander und die meisten Grabsteine sind mit einem Holzpflock und einem synthetischen Band stabilisiert. Als ich die Daten der Verstorbenen lese, wird mir schnell klar, wieso diese Vorrichtungen bestehen: da gibt es Gräber von Menschen, die von 1865 bis 1956 oder von 1867 bis 1946 gelebt haben. Ihre Gräber scheint man hier weiterhin zu pflegen. Ob dies die Nachkommen tun? Ein Grab berührt mich auf besondere Weise. Hier sind zwei Frauen begraben: Anna Eriksson, 1888 bis 1941 und Maria Eriksson, 1879 bis 1963. Waren die beiden Schwestern oder sonst miteinander verwandt? War Anna krank, dass sie bereits mit 53 Jahren verstarb? Und welche Erfahrungen hat Maria in ihrem Leben gemacht, das sicher von beiden Weltkriegen beeinflusst wurde? Geschichten fallen mir ein, die jedoch den Rahmen dieses Beitrags sprengen würden.

Wieder in der Gegenwart nehmen wir den Weg zurück zu der kleinen Wirtschaft, die mehr einem Bistro gleicht. Junge Leute stehen hinter der Theke, wo oben drüber das ganze Angebot auf schwarze Tafeln geschrieben steht. In Schwedisch natürlich, das ich jedoch langsam bruchstückhaft verstehe, wenn ich es in schriftlicher Form vor mir habe. Hilfsbereit gibt mir eine junge Frau eine englisch geschriebene Karte. Es gibt Burger und Pizzas in vielen Varianten, Gebäck oder Eis. Heute wird unsere «Fika» etwas grosszügiger, wir teilen uns eine sehr knusprige Pizza und eine Schokoladenkugel. Wir geniessen den schönen Garten, der von vielen jungen Leuten bevölkert wird und bestaunen die Landschaft und die Nachbarhäuser.

Für den Rückweg teilen wir uns auf, Christoph fährt auf der Strasse mit höherem Tempo, da es zu regnen beginnt, und ich mache mich auf zum Waldweg-Abenteuer. Der Weg ist für Radfahrer und Reiter gedacht und so gekennzeichnet. Erst ist er breit, ein richtiger Waldweg. Ich tauche in Felder von grossen Farnen, hohen Bäumen und farbigen Blumen ein. Hier wachsen Lupinen wild und wechseln sich mit Klee und sonstigen farbenfrohen Blumen ab. Der Weg wird schmal und zu einem Pfad, der sich zwischen dichten Sträuchern, Felsbrocken und sumpfartigen Gewässern durchschlängelt. Einmal ist er in Strassennähe, dann wieder entfernt er sich davon und ich sehe nur noch moosbewachsene Steine und dichten Wald um mich herum. Ich bin fasziniert und etwas beunruhigt zugleich, mitten im Wald ohne Orientierungspunkt zu weilen, fällt mir nicht ganz leicht.

Aber ich bin auf dem richtigen Weg und biege nach weiteren Minuten auf einen breiten Waldweg ein, der zur Hauptstrasse und zu unserem Häuschen zurückführt.

Grebbestad und Tanum Strand

Grebbestad ist eine halbe Stunde Fussweg von unserem Hotel entfernt. Der Weg dorthin führt am Strand entlang, erst über einen Holzsteg vorbei an den kleinen roten Häuschen des Resorts. Dann wird der Weg sandig, links der Strand mit kleinen Buchten und Sandstränden, dahinter das Meer voller kleiner Inseln. Ob das schon die berühmten Schären sind? Bald taucht man in einen grünen Tunnel, der voller besonderer Bäume ist. Es sind ähnliche Baumsorten wie bei uns: Fichten mit knorrigen, verdrehten und ineinander gewachsenen Stämmen und Ästen, Eichen mit viel kleineren Blättern als wir es von der Schweiz kennen. Der Wald lichtet sich und flache Felsen mit Gras Thymian und Sträuchern durchwachsen laden zum Klettern mit Aussicht aufs Meer ein.

Bald kommen die ersten Häuser von Grebbestad in Sicht und der Hafen mit grossen Fischerbooten. Grebbestad ist das Zuhause der Austern, wie auf einem Plakat zu lesen ist. 90% der Austern für Schweden kommen von hier und hier findet auch jedes Jahr der Wettbewerb des Austernöffnens statt. Vom Hafen führt die Meerpromenade an unzähligen Restaurants und Shops für Touristen vorbei ins Dorf hinein.

Wer das eigentliche Dorf entdecken will, überquert die Durchgangsstrasse und geht eine der steilen Strassen hinauf. Hier befinden sich die vielen schmucken weissen oder hellgelben Holzhäuser, manche mit zierlich geschnitzten Veranden, andere mit Blumengärten vor dem Haus. Ein Kleinod schwedischer Architektur. Viele Fenster sind mit Spitzenvorhängen versehen und mit Ziergegenständen wie Schiffe, Lampen, Engelsfiguren geschmückt.

Der Nachmittag hält zwei Überraschungen für uns bereit:

Da ist die Bäckerei mit Tearoom und ihrem Riesensortiment an feinstem Gebäck. Von weitem lockt sie mit dem Duft von frisch gebackenem Brot. «Fika» ist angesagt und wir werden unsäglich verwöhnt. Die Bäckerei ist 150-jährig, hat den Flair von früher behalten und erinnert mit ihrer Ausstattung an die «Gästgifveri» von Brösarp.

Dann der Barbershop, der von einem Iraker betrieben wird. Er lässt sich nach kurzer Zeit dazu überreden, Christoph auf der Strasse vor dem Eingang zu bedienen, da zwei hohe Stufen in seinen Shop hinunter führen. Er geniesst das Arbeiten in der Sonne und Christoph freut sich, seinen Bart loszuwerden.

Der Rückweg führt wieder dem Strand entlang. Unser Hotel gehört zum Dorf Tanum. Hier wurden prähistorische Felsmalereien gefunden, die in der näheren und weiteren Umgebung besichtigt werden können.

Uns sind zwei gemütliche Tage am Meer ohne Autofahrten wichtiger und mit einem tollen Sonnenuntergang verabschiedet sich Tanum Strand von uns.

Göteborg oder das Parkplatzproblem

Am Mittwoch, 2. August verlassen wir Hestra und den Isaberg Mountain und brechen auf Richtung Westküste. Unterwegs wollen wir einen Abstecher nach Göteborg machen, um diese Stadt kennenzulernen und eine Pause auf der langen Strecke von 320 km einzulegen.

Wir suchen im Voraus nach einem Parkhaus, so haben wir einen Behindertenparkplatz garantiert, denken wir. Also Eingabe im Navigationsgerät und los geht die Fahrt. Die Strasse führt lange durch grüne «Tunnels» (Wald links und rechts der Strasse), ab und zu einem See und Weiden entlang. Dann nähern wir uns Göteborg und seinem Strassenwirrwarr. Zum Glück habe ich das Navi und Christoph an meiner Seite! Der Weg führt scheinbar kreuz und quer durch die Vororte Göteborgs und schliesslich landen wir in einer Sackgasse! Ziel verpasst. Wir orientieren uns neu, geben eine neue Adresse ein und fahren los, einen Teil des Weges zurück, kommen nach Göteborg hinein, die Strassen werden enger und enger, führen dicht am Tramgeleise entlang. Endlich landen wir auf einem Parkplatz in Hafennähe, doch wir sehen kein Parkhaus, dazu weit und breit keinen Behindertenparkplatz. Unterwegs waren am Strassenrand einzelne Parkfelder für Behinderte gekennzeichnet, aber für uns zu eng und zu kurz. Wir brauchen viel Platz, um Christoph sicher aus dem Auto auf den Rollstuhl zu transferieren und um den SwissTrac über die Bretter aus dem Auto zu rollen.

Okay, wir suchen weiter, fahren den Weg zurück und biegen bei jedem bezeichneten Parkplatz ein, immer wieder vergeblich. Etwas ratlos fahren wir durch Göteborg und halten weiter Ausschau.

Endlich sehe ich ein Schild mit Rollstuhl und dahinter zwei geeignete Parkplätze auf einem Vorplatz einer Kirche. Sie sind breit und lang genug für uns, ein einziges Problem zeigt sich: die abschüssige Neigung des Bodens. Doch mit viel Geduld und Kraft schaffen wir den Transfer und machen uns auf den Weg, Göteborg zu entdecken.

Wie so oft lassen wir uns vom Gefühl leiten, was diesmal aber nicht recht funktioniert. Göteborg ist am Hang gebaut, mit vielen Treppen, verwinkelten Strassen und ohne erkennbarer Anordnung. Wir sind noch mehr verwirrt. Mit Hilfe des Stadtplans finden wir schliesslich den einen Teil der Altstadt, die hier mit «Haga» bezeichnet wird. Wir gehen über gepflasterte Strassen, die links und rechts von mehrgeschossigen Häusern gesäumt ist. Ursprünglich waren diese Häuser einstöckig und aus Holz, vor ca. 300 Jahren wurde das Fundament mit Steinen verstärkt und die Häuser um bis zu zwei Stockwerke erhöht. Die Stile sind unterschiedlich: einerseits die ursprünglichen weissen Holzhäuser in deren Parterre sich Bäckereien, Kleidergeschäfte oder Souvenierläden befinden. Einige Handwerkerläden wie Hutmacher, Goldschmiede, Töpfereien bieten ihre Ware an. Andererseits hat es Stadthäuser im Jugendstil gebaut oder einfache jüngere Stadthäuser.

Bei einer Bäckerei halten wir schliesslich an. «Fika» ist angesagt. Dies der schwedische Ausdruck für Pause mit Kaffee und Kuchen – Pause und geniessen. Genau das machen wir jetzt, sitzen an einem Tisch am Strassenrand in der Sonne und geniessen unsere «Kanelbulle».

Da wir viel Zeit mit der Parkplatzsuche verloren und noch 130 weitere Kilometer zu fahren haben, lassen wir die zweite «Haga» links liegen und hoffen, den Weg aus der Stadt ohne Komplikationen zu finden. So ist es dann auch und am Abend kommen wir bei untergehenden Sonne an der Westküste an. Grebbestad heisst das Fischerdorf und unser Hotel befindet sich im archäologisch interessanten Tanum. Doch davon später mehr!

Der Mountainbike-Trail

Ort dieses Abenteuers:

Isaberg Mountain Resort, Hestra, mitten in den Bergen Südschwedens, Treffpunkt für Sportler (Mountainbike, Kanu, Standup-Paddeln, Schwimmen, Klettern …), Campen und Familien.

Hauptdarsteller: Christophs Rollstuhl, Christoph, der SwissTrac

Nebendarstellerin: Vera (Begleiterin, Schieberin und Fotografin)

Das Ereignis :

Nach einem misslungenen Versuch einen Trail bergwärts zu absolvieren, sind sich die Mitwirkenden einig, dass ein etwas einfacherer Trail gefunden werden muss. Der Rollstuhl fügt sich in sein Schicksal und rollt brav hinter dem SwissTrac her. Der einfachste Trail wird nun gewählt. Um aber den Schwierigkeitsgrad doch noch etwas zu erhöhen, rollen der Rollstuhl und der Swisstrac in der Gegenrichtung der vorgegebenen Route. Was das bedeutet? Keine Mountenbiker von hinten, die einen überraschen könnten, aber Gegenverkehr, was jedesmal abbremsen, ausweichen und abwarten bedeutet. Etwas was dem Gefährt gar nicht gefällt. Bei den ersten Abfahrten ist noch etwas Vorsicht auszumachen, die steilen Aufstiege werden mit Schiebehilfe von Vera gemeistert. Je länger der Trail dauert, desto waghalsiger wird der Rollstuhl: er liegt in die Kurven, fährt immer schneller die Abhänge hinunter und rollt enthusiastisch über die Bumps-Piste. Der Rollstuhl und Christoph verbünden sich gegen die Schwerkraft und absolvieren alle Hindernisse meisterlich. Der SwissTrac ist als treibende Kraft dabei und ist für alle Abenteuer zu haben.

Die Rolle der Nebendarstellerin? Sie ist mit dem Begriff Nebendarstellerin schon definiert. Sie begleitet, hastet hinterher, weist auf die eine oder andere Naturschönheit hin und hält diese mit dem iPhone fest.

Erst der Regen, der Hunger und eine kleine Bucht lassen das Trio rasten. Kurz vor dem letzten Höllenritt den Berg hinauf wird Kraft getankt und dann gehts zurück zum Resort und unter die Räderdusche.

Effekt dieses Unterfangens: ausgetobter Rollstuhl und SwissTrac, ein strahlendes Gesicht bei Christoph und eine zufriedene Nebendarstellerin.

Ausflug nach Ystad

Ystad liegt südlich von Brösarp am Meer und war früher bekannt für den Heringsfang. Davon merkt man heute nicht mehr viel, ausser auf den Speisekarten der vielen Restaurants, die nur so von Menus mit Meeresfrüchten oder Fischen wimmeln.

Was Ystad bis heute behalten hat und scheinbar auch pflegt, ist der alte Dorfkern. Hier gibt es einige der ältesten Häuser Südschwedens, viele Riegelbauten, Strassen mit farbigen einstöckigen Häusern und viele Handwerkerläden.

Das Schönste auf diesem Ausflug: das Meer. Die salzige, nach Fisch und Algen riechende Luft, der Wind, der das Haar zerzaust, das Meeresrauschen und die unendliche Weite.

Christophs Rollstuhl macht sich bemerkbar

In Kopenhagen haben wir von Mr. Eds Nachfolger erzählt. Er ist, wie Mr. Ed es war, zum treuen Begleiter geworden, ohne den Christoph nicht vom Fleck käme. Mr. Ed hat seinen Namen auf Christophs Reise 2014 in Alaska/USA (https://satzbauer.ch/?p=187) bekommen. Wie geschrieben, suchen wir noch immer einen Namen für seinen Nachfolger. Fündig sind wir auf der bisherigen Reise nicht geworden und die Ideen und Vorschläge von euch Lesenden haben den doch etwas anspruchsvollen Rollstuhl noch nicht überzeugen können.

In den letzten Tagen ist der Rollstuhl aufmüpfig geworden. Er will beachtet werden. Wie er das zeigt? Ganz einfach! Er schleicht sich immer wieder in Fotos rein, respektive rollt immer öfters in Bildausschnitte. Dabei ist er geschickt und schnell, oft bleibt er von mir unbemerkt.

Am 1. August hat er auch bewiesen, dass er seinem Vorgänger Mr. Ed nacheifert. Wie tollkühn er mit Christoph einen Mountainbike-Trail absolviert hat, werdet ihr noch erfahren.

Ich vermute, dass er sich beruhigen würde, wenn er endlich einen Namen hätte und so ein namentlich erwähntes Mitglied unseres Reisetrios werden würde.

Wer hilft uns dabei? Ich fürchte sonst weitere Unannehmlichkeiten ….

Ein Tag in Brösarp

Nach all den Aufregungen der letzten Tage gönnen wir uns einen gemütlichen Tag in Brösarp. Brösarp ist ein recht kleines Dorf, dessen Anziehungspunkt unsere Unterkunft, respektive das dazu gehörende Restaurant ist. Wir merken bald, dass wir in einem Gourmet-Tempel gelandet sind. Der Parkplatz ist sowohl zur Mittagszeit als auch am Abend gerammelt voll und so sieht es auch im Restaurant aus. Voll belegt und ausgebucht.

Wir spazieren der Nase nach durchs Dorf, erst zur weissen Kirche auf einer Anhöhe. Sie ist vom Friedhof umgeben und wir finden Gräber von Verstorbenen, die Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurden. Hier werden die Gräber offensichtlich nicht weggeräumt.

Dann geht es einem Bach entlang, an Häusern mit wunderschönen Gärten vorbei und schliesslich kommen wir zu einem Antiquariat. Die antiken Bauteile vor dem Haus sehen nicht sehr einladend aus.

Wir gehen durch ein moderneres Quartier und wieder hinunter zur Hauptstrasse. Auch hier befindet sich ein Antiquariat. Antiquariate gibt es in diesem Dorf mindestens vier und mir wird klar, wo unsere Wirtin all die antiken Dekorationsgegenstände herhaben könnte.

Etwas weiter finden wir ein Café, das jedoch leider seit sieben Minuten geschlossen hat. Ganz in der Nähe winkt eine britische Fahne im Wind. Im Eingang dieser Boutique begrüsst uns Ihre Majestät, die Queen. Ein fast lebensgrosses Abbild mit einem gedeckten Teetisch davor. Die Boutique entpuppt sich als waschechter englischer Laden mit wunderschönem Porzellan und Stoffwaren mit typisch englischen Mustern. Da wir in Schweden sind, wollen wir nicht englische Ware einkaufen und gehen weiter. Bald finden wir einen kleinen Laden, wo wir endlich die ersehnten Früchte bekommen. Nebenan ist ein Coop (es heisst tatsächlich auch in Schweden so). Es ist einem schweizerischen Coop nicht unähnlich. Hier kann man alles für den täglichen Gebrauch einkaufen.

Wir kommen an unserer Unterkunft vorbei und ich frage dort, ob wir für den Abend einen Tisch reservieren könnten. Ausgebucht, ist die Antwort und so wird aus einem süssen Zvieri ein feiner Lachstoast. Das Dessert holen wir auf der anderen Seite des Dorfes bei einem Glacé-Wagen nach und kehren dann zufrieden in unser wunderschönes Zimmer zurück. Es wartet ja noch der Blog auf uns …