Kreuzfahrten, auch unsere Reise mit der Hurtigrutenlinie gehört dazu – auch wenn die maximale Passagierzahl bei 700 Personen liegt. Auf einer Kreuzfahrt sind folglich viele Menschen auf engem Raum unterwegs. Man trifft sich immer wieder: Bei den einen freut man sich darüber, bei den anderen versucht man, ihnen so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. Und es gibt den typischen Kreuzfahrer, der ständig auf der Suche ist, allen anderen alles zu erklären.
Wie so ein Tag abläuft oder wie ein erstes Treffen aussieht, erkläre ich euch. Ohne grosse Gedanken macht sich unsere kleine Reisegruppe – Vera, Petra und ich – auf den Weg ins Restaurant Torget, um unser Frühstück einzunehmen. Wie geplant ist dort ein Tisch für uns reserviert, den ich als Rollstuhlfahrer gut erreichen kann.
Wir sind noch nicht einmal richtig am Tisch eingerichtet, da tönt es vom Nebentisch: «Guten Morgen allerseits!» Eine Frauenstimme ruft es, und auch der Mann stimmt in eine ähnliche Morgenbegrüssung ein.
Ich blinzle nicht einmal, denn diesen Typus von Kreuzfahrern kenne ich nur zu gut von meinen vergangenen Reisen. Keine fünf Minuten vergehen, und schon versuchen diese Damen und Herren einem zu erklären, was man auch selbst sehen kann.
Meine Situation als mobilitätseingeschränkte Person im Elektrorollstuhl lässt auch die Option offen, auf stur zu schalten – oder ähnlich. Heute entscheide ich mich für die «autistische Version»: Das heisst, ich schaue weder die Leute an, noch gebe ich irgendein Wort von mir.
Nachdem wir mit den Zutaten für unser Frühstück wieder an unserem Tisch sitzen, beginnt die Dame nebenan mit Vera zu plaudern. «Wie hat euch die Reise gefallen?», ist die einzige Frage, die sie stellt – dann geht es los: Sie seien in Bergen eingestiegen («wir auch»). Sie hätten den Flug mit KLM über Amsterdam genommen und seien am Tag der Abreise direkt auf dem Schiff in Bergen angekommen («wir nicht»). Die Rückreise würden sie ebenfalls gleich nach der Ankunft in Bergen antreten («wir zum Glück nicht»).
Vera hatte sich zu Beginn noch auf das Gespräch eingelassen, hat aber schnell begriffen, dass man nur mit einem Rückzug sein Frühstück in Ruhe essen kann.
Aber ist man erst einmal in ihren Fängen, dann sind sie wie Kletten – man wird sie nicht mehr los.
Die «Klette» quatscht weiter, obwohl Vera ihr gar nicht mehr zuhört und keine Antworten mehr gibt.
«Wir haben ja bestes Wetter für unsere Reise, und das Essen ist so gut. Habt ihr dies und das auch schon gesehen? Und wir haben ja noch so viel vor uns. Obwohl, die Reise ist ja bald zu Ende. Bla, bla, bla.»
Ich bin mir gar nicht sicher, ob sie wirklich alles so gesagt hat – aber es klingt immer gleich.
Einen Tag später sind wir auf einem Landausflug. Und es muss so kommen, wie es kommen muss: Man trifft diese Leute wieder. Sie quasselt irgendetwas von einem Berg mit einem Stein oder so. Vera schaut sie nur kurz an, gibt ein «Ja» zur Antwort und läuft weiter.
Wir fragen uns, wann sie uns das nächste Mal wieder über den Weg läuft, um uns zu erzählen, wie das Wetter jetzt doch gewechselt habe, dass nun Wolken aufgezogen seien und die Sonne gar nicht mehr durchkäme. (Zum Glück sind wir nicht blind und auch nicht auf solche Auskünfte angewiesen.)
In solchen Momenten wäre ich gerne taub. Aber vielleicht würden auch überdimensionierte Kopfhörer helfen, um den eigenen Widerwillen gegen solche Plattitüden zu manifestieren.
Am Abend sehen wir das Paar auf dem Schiff wieder. Zum Glück haben sie jemand anderen gefunden. Das Bild ist aber immer noch das gleiche: Sie quatscht die andere Person im Gehen voll, und ihr «Begleithündchen» hechelt ihr hinterher.