Kirkenes «Wendepunkt der Postschiffe»

Als unser Schiff in Kirkenes anlegt, ist der Himmel grau, das erste Mal seit dem strömenden Regen in Bergen. Diese düstere Stimmung passt zu meinem Eindruck dieses verlorenen Fleckens Erde. Graue Felsen und wenig Gestrüpp. Ich bin gespannt, was wir an diesem Ort entdecken werden. Die russische Grenze ist nur 10 km entfernt, was für mich das Ganze noch ungemütlicher scheinen lässt.

Das Bild, das sich dem Betrachter beim Spaziergang durch die Stadt eröffnet, ist gänzlich anders als der erste Eindruck. Wir kommen an schönen Holzhäusern vorbei, die sehr gepflegt sind und auf einen gewissen Wohlstand hindeuten. Es leben rund 3500 Menschen in dieser Stadt. Mit jedem Schritt begegnet man mehr der Geschichte dieses Ortes: da ist die «Andersgrotte“», die während des Zweiten Weltkrieges gesprengt wurde und der Bevölkerung als Schutz gegen die russische Bombardierung diente. 1944 wurde die Stadt von der Roten Armee eingenommen. Voraus gegangen war auch hier die Massnahme «verbrannte Erde» der Deutschen Wehrmacht. Kirkenes war von allen Kriegsparteien wegen seines reichen Erzvorkommens begehrt und umkämpft. Acht Jahre nach dem Krieg wurde der Erzabbau wieder aufgenommen und Kirkenes erlebte Jahre des wachsenden Wohlstands, was sich, wie beschrieben, an der Architektur der Häuser zeigt.

Wir gehen über den Dorfplatz, wo reges Leben herrscht. Eine Schulklasse besucht das Museum, Touristen wie wir lesen die Geschichtstafeln, die rund um den Platz stehen. Unterwegs fallen mir zweisprachige Strassenschilder auf: Norwegisch und Russisch. Bis im Februar 2022 war die Grenze zu Russland offen und die Russen konnten ohne Visa nach Kirkenes kommen. Weiter geht es zu einem Fabrikgebäude aus roten Ziegelsteinen, vermutlich eine der ehemaligen Erzfabriken. Wir kommen in eine kurze Geschäftsstrasse, die von einer Riesenkrabbe aus Metall bewacht wird. Bald erreichen wir die Kirche, die geschlossen ist. Die Grabsteine auf dem Friedhof erzählen vom Krieg. Unzählige Männer sind im Jahr 1944 gestorben.

Eine Dame von unserem Schiff macht uns auf die russische Botschaft in einer Nebenstrasse aufmerksam. Ein einfaches Haus. Das Besondere hier ist der Mut der Bevölkerung von Kirkenes. Gegenüber der Haupttüre steht ein Holzpalett mit einem riesigen Bild von Alexej Navalny. Kerzen und Blumen schmücken das Bild. Wenn die russischen Angestellten nach Hause gehen, müssen sie Navalny in die Augen sehen.

Auf dem Rückweg zum Schiff besuchen wir noch das Denkmal für die russischen Soldaten, die der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg entgegentraten. Daneben steht ein gelb-blauer VW-Bus mit grossen Buchstaben beschrieben: STOP WAR und STOP PUTIN. Womit wir wieder in der Gegenwart angekommen sind.