Calgary

Was unternimmt man in Calgary? Unser Programm wird durch gewisse Umstände etwas eingeschränkt. Das Freilichtmuseum zum Thema der Geschichte der Einwanderer in Kanada hat schon Saisonschluss, unsere frische Wäsche ist aufgebraucht, und ich muss vor dem geplanten Flug nach Toronto mein gebrochenes Handgelenk in einer Klinik checken lassen.

Also trennen sich unsere Wege für ein paar Stunden. Christoph will die Laundry im Hotel ausfindig machen, und ich mache mich auf den Weg ins Spital. Der nette Kenny Hunt von der Front Desk hat mir das nächstgelegene auf einem Stadtplan eingezeichnet. Ein Taxi bringt mich zur Emergency des Sheldon M. Chumir Health Centre. Ich habe mein iPad, ein paar Snacks und Wasser dabei, so sollte ich die befürchtet langen Wartezeiten gut überstehen. Die Schiebetüre zum Eingangsbereich öffnet sich automatisch. Mir ist als sei ich in der Fernsehserie Emergency Room gelandet: Hinter einer Glasscheibe gleich bei der Warteschlange zur Anmeldung stehen zwei bullige Securítys, die für die Sicherheit der Patienten sorgen (so steht es auf einem Plakat). Nach dem Kurzcheck bei einer Nurse geht’s zu den Anmeldeformalitäten. Der asiatische Mitarbeiter bekundet einige Mühe mit meinem Namen und der Schweizer Adresse, fast mehr als ich mit dem linkshändigen Unterschreiben.

Danach heisst es warten. Warten zwischen Menschen von hier, zum Teil sehr armselige Gestalten, die oft zuerst in den Washroom geführt werden; zwischen alten, gebrechlichen Menschen, die in Rollstühlen sitzen, die man bei uns längst entsorgt hätte. Dann gibt es die jungen, taffen Kerle, die ihre Schmerzen scheinbar locker nehmen, Eltern mit Kindern, Ladys mit iPads wie ich. Zum Schreiben komme ich hier kaum, es gibt zu viel zu beobachten. Zur Orientierung hängt eine grosse Zeittafel an der Wand. Sie zeigt an, wie lange es dauert, bis man einen Arzt zu Gesicht bekommt. Bei meinem Eintritt waren es 1:35, also eineinhalb Stunden. Diese Angabe stimmt recht gut und nach dreieinhalb (3,5!) Stunden stehe ich wieder draussen und warte auf das Taxi. Ach ja, mein Knochen wächst immer noch in der richtigen Stellung zusammen, und ich darf nun mit einer Schlinge rumlaufen. Arm hoch und Finger bewegen, hat Dr. Thomas angeordnet. Damit die Schwellung meiner Hand zurück geht.

Zur Erholung machen wir später bei -1Grad und leichtem Schneefall warm eingepackt einen Stadtspaziergang. Wir fallen etwas von der Menge ab, die Menschen hier laufen zum Teil noch im T-Shirt herum. Die beleuchtete Stadt mit ihren Glastürmen und den einfacheren Häusern hat in der Dämmerung einen gewissen Reiz. Wir gehen bis zum Park am Fluss, der im Sommer sicher sehr belebt ist. Dann suchen wir wieder die Wärme unseres Hotels.

Der nächste Morgen bringt die Sonne und etwas angenehmere Temperaturen zurück. Vor unserem Flug nach Toronto gehen wir nochmals auf Besichtigungstour. Die Stephens-Street zeigt die Geschichte der Handelsstadt Calgary in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts auf. Mit dem Bau der Eisenbahn begann der Handel zu florieren. Noch heute scheint hier das Herz dieser Stadt zu schlagen. Die sich über mehrere Blocks und über vier Stockwerke erstreckende Einkaufsstrasse, die glänzenden, hohen Neubauten hinter den historischen Häuserreihen und die Firmen- und Banken-Inschriften zeugen davon.

Diese Stadt führt uns wieder sehr deutlich die gesellschaftlichen Unterschiede vor Augen. In den gläsernen Neubaufassaden spiegeln sich in Lumpen gehüllte, hinkende Menschen, die ihr ganzes Hab und Gut in einem Einkaufswagen vor sich herschieben.

Ob Toronto uns Ähnliches erzählen wird?

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One thought on “Calgary

  1. Ihr nehmt mich so wunderbar mit in mir fremde Orte und beschreibt das Erlebte mit Mr. Ed & Co. so fesselnd, dass ich mit Gänsehaut unter der Bettdecke lesen muss, um meinen kalten Schauer über dem Rücken zu wärmen. Von Herzen noch viel Schönes und Interessantes wünsche ich euch.
    Liebe Grüsse, This.

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