Montreal – eine Stadt mit zwei Gesichtern

Bei unserer Ankunft ist es schon dunkel. Wir gehen die 1,2 km zum Hotel zu Fuss, nun ja, eigentlich gehe nur ich zu Fuss. Christoph und Mr. Ed fahren also mit mir durch die beleuchtete Stadt. Unser Weg führt erst an einer verkehrsreichen Strasse entlang. Links und rechts die für eine kanadische Grossstadt typischen schier unendlich hohen Häuser.

Dann biegen wir in unsere Hotel-Strasse ein, in die Rue St. Catherine: breite Trottoirs, die bekannten Fussgängerampeln (ohne Kuckuck!), gut befahrene Strassen und viele Leute unterwegs. Wir kommen an Theatern und Museen vorbei, an beleuchteten Konzerthäusern, riesigen Leuchtplakaten. Diese Stadt lebt und gibt uns sofort das Gefühl, angekommen zu sein.

Am nächsten Mittag (wir haben uns wieder einmal eine genügend lange Nachtruhe gegönnt) machen wir uns auf zum Bahnhof, um unsere Fahrkarten nach Ottowa und von dort zurück nach Toronto zu buchen. Die Sonne scheint und bringt alles sprichwörtlich an den Tag: der Zauber der Nacht ist verflogen. Die Schilder und Häuser sind die gleichen, doch wirken sie am Tag verlebt, alt und irgendwie stumpf. Montreal scheint in die Jahre gekommen zu sein. Auch die Leute unterwegs sind anders als in der Nacht. Keine herausgeputzten Menschen (Konzert- und Theaterbesucher?) mehr, sondern einfach gekleidete, manchmal ärmlich anmutende Hausfrauen und Familien, viele Jugendliche sind unterwegs.

Mit den Fahrkarten im Rucksack machen wir uns auf den Weg zum Vieux Port und zu Vieux Montréal. Eine kilometerlange Promenade führt uns dem alten Hafen entlang. Rostige Warenlagerhäuser und -silos erzählen von der einst grossen Handelsmetropole Montreal. Heute findet man an den neueren Docks Rundfahrtschiffe für Touristen, die aber schon Saisonschluss haben, ein Riesenrad, einen Kletter- und Abenteuerpark mit zwei Piratenschiffen. Wir steigen eine Strasse hoch, die uns zum alten Montreal führt, zur Altstadt, die noch sehr gut erhalten ist und gut gepflegt wird.

Wieder dunkelt es langsam ein, die Häuser sind zum Teil beleuchtet oder schimmern im Strassenlampenlicht. Eine pittoresk und heimelige Ambiance strahlt uns entgegen und wir erfreuen uns an dem gefundenen Bijou. Unser Abendessen geniessen wir in einem ebensolchen Haus, begleitet von jungen Jazzmusikern.

Da wir nur einen kleinen Teil von Vieux Montréal gesehen haben, besuchen wir es am nächsten Tag nochmals. Und wieder sind wir ernüchtert: die Häuser aus grauem Kalkstein und den flachen Fassaden wirken kühl wie das Wetter. Selbst die durchbrechende Sonne vermag unseren Eindruck nicht zu ändern. Was immer noch pittoresk ist, sind die kleinen Geschäfte und Restaurants oder Bistros in den Häusern. Die meisten heissen einen mit einem rustikalen, gemütlichen Innern willkommen. Unser einziges Problem ist, dass fast ausnahmslos alle nur über Stufen erreichbar sind…

Schliesslich machen wir uns auf zu Montreals Unterwelt. Unter der Stadt gibt es ein Wegsytem, das, mit den Metrostationen verbunden, die Stadt über 30km netzartig durchzieht. Hier gibt es mehr als 1700 Geschäfte, Bistros und Restaurants. Als Fremde in der Stadt braucht man seine Zeit, um die Eingänge, die Ausgänge und die Orientierung zu finden. Eine eigenartige Erfahrung untertags durch lange leere Gänge zu gehen und plötzlich in einem riesigen Shoppingcenter (über mehrere Stockwerke) zu stehen.

Erst jetzt verstehe ich, wieso in den Strassen so wenige Geschäfte und Einkaufsmöglichkeiten zu finden sind. Die Menschen hier bewegen sich vom Wetter geschützt in der Einkaufsunterwelt durch die Stadt. In einer Stadt unter der Stadt.

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