Bin ich ein Schwede?

Es ist Arjan, der mir eine Erklärung für meinen Appetit gibt. Schweden, so sagt man anscheinend, hätten für ihre kulinarischen Gelüste zwei Mägen. Meine Folgerung: Ich bin ein Schwede.

Die Fika, also die Kaffeepause mit Leckereien, haben wir in vorhergehenden Beiträgen bereits kennengelernt. Wer mich kennt und schon Beiträge über das Essen gelesen hat, weiss, dass ich Feinem kaum widerstehen kann. Die Fika ist in den wenigen Tagen in Schweden schon ein fixer Tagespunkt geworden.

Schwedens Küche ist aber auch bekannt für Köttbullar (Fleischbällchen) oder Smörgåsbord (ein Buffet mit einer Auswahl an kalten und warmen Gerichten). Köttbullar kennt man in der Schweiz spätestens seit IKEA und stand darum bis jetzt nicht auf meiner Speisekarte. Das Buffet aber sehr wohl. Und das Dessertbuffet tat es mir zwei Tage nacheinander an, was sich leider oberhalb der Hüfte bemerkbar macht. Bei allem Streben nach kulinarischer Disziplin kapituliere ich spätestens vor den feinen süssen Leckereien.

Gut haben wir heute die «Zivilisation» verlassen und sind im schwedischen Urwald – im Tiveden Nationalpark – gelandet. Marian und Arjan haben hier in den Jahren 2013–2019 eine Ferienbungalowsiedlung aufgebaut. Unser Bungalow ist genial geeignet für Rollstuhlfahrer. Noch genialer sind aber die Kochkünste von Marian. Das Abendessen: zur Vorspeise geräucherter Lachs auf roter Beete (Randen), zur Hauptspeise Elchgulasch mit Preiselbeersauce, Kartoffelschnitze und Kabis/Rüebli-Salat mit Apfelstückchen und zum Dessert selbstgebackener Schokoladekuchen mit Mokkaglasur. Und das in perfekter Menge. Gut genährt, aber nicht zu viel gegessen.

Ja, das Reisen ist für mich immer auch eine kulinarische Expedition. Es sind alle die Gerüche, die verwendeten Zutaten und die Art des Kochens, die mich an viele schöne Orte auf der Welt zurückerinnern lassen. Ob komplexe Küche in New York, eine Hinterhofküche auf den Kapverden oder nun die einfache Spitzenküche in Tived, alles hatte seinen Charme und erfreute den Gaumen.

Ich werde sie nach Hause schleppen, die Zusatzpfunde auf den Rippen. Vor allem aber die Erinnerungen an die feine schwedische Küche.

More to come. Stay tuned!

Grebbestad und Tanum Strand

Grebbestad ist eine halbe Stunde Fussweg von unserem Hotel entfernt. Der Weg dorthin führt am Strand entlang, erst über einen Holzsteg vorbei an den kleinen roten Häuschen des Resorts. Dann wird der Weg sandig, links der Strand mit kleinen Buchten und Sandstränden, dahinter das Meer voller kleiner Inseln. Ob das schon die berühmten Schären sind? Bald taucht man in einen grünen Tunnel, der voller besonderer Bäume ist. Es sind ähnliche Baumsorten wie bei uns: Fichten mit knorrigen, verdrehten und ineinander gewachsenen Stämmen und Ästen, Eichen mit viel kleineren Blättern als wir es von der Schweiz kennen. Der Wald lichtet sich und flache Felsen mit Gras Thymian und Sträuchern durchwachsen laden zum Klettern mit Aussicht aufs Meer ein.

Bald kommen die ersten Häuser von Grebbestad in Sicht und der Hafen mit grossen Fischerbooten. Grebbestad ist das Zuhause der Austern, wie auf einem Plakat zu lesen ist. 90% der Austern für Schweden kommen von hier und hier findet auch jedes Jahr der Wettbewerb des Austernöffnens statt. Vom Hafen führt die Meerpromenade an unzähligen Restaurants und Shops für Touristen vorbei ins Dorf hinein.

Wer das eigentliche Dorf entdecken will, überquert die Durchgangsstrasse und geht eine der steilen Strassen hinauf. Hier befinden sich die vielen schmucken weissen oder hellgelben Holzhäuser, manche mit zierlich geschnitzten Veranden, andere mit Blumengärten vor dem Haus. Ein Kleinod schwedischer Architektur. Viele Fenster sind mit Spitzenvorhängen versehen und mit Ziergegenständen wie Schiffe, Lampen, Engelsfiguren geschmückt.

Der Nachmittag hält zwei Überraschungen für uns bereit:

Da ist die Bäckerei mit Tearoom und ihrem Riesensortiment an feinstem Gebäck. Von weitem lockt sie mit dem Duft von frisch gebackenem Brot. «Fika» ist angesagt und wir werden unsäglich verwöhnt. Die Bäckerei ist 150-jährig, hat den Flair von früher behalten und erinnert mit ihrer Ausstattung an die «Gästgifveri» von Brösarp.

Dann der Barbershop, der von einem Iraker betrieben wird. Er lässt sich nach kurzer Zeit dazu überreden, Christoph auf der Strasse vor dem Eingang zu bedienen, da zwei hohe Stufen in seinen Shop hinunter führen. Er geniesst das Arbeiten in der Sonne und Christoph freut sich, seinen Bart loszuwerden.

Der Rückweg führt wieder dem Strand entlang. Unser Hotel gehört zum Dorf Tanum. Hier wurden prähistorische Felsmalereien gefunden, die in der näheren und weiteren Umgebung besichtigt werden können.

Uns sind zwei gemütliche Tage am Meer ohne Autofahrten wichtiger und mit einem tollen Sonnenuntergang verabschiedet sich Tanum Strand von uns.

Göteborg oder das Parkplatzproblem

Am Mittwoch, 2. August verlassen wir Hestra und den Isaberg Mountain und brechen auf Richtung Westküste. Unterwegs wollen wir einen Abstecher nach Göteborg machen, um diese Stadt kennenzulernen und eine Pause auf der langen Strecke von 320 km einzulegen.

Wir suchen im Voraus nach einem Parkhaus, so haben wir einen Behindertenparkplatz garantiert, denken wir. Also Eingabe im Navigationsgerät und los geht die Fahrt. Die Strasse führt lange durch grüne «Tunnels» (Wald links und rechts der Strasse), ab und zu einem See und Weiden entlang. Dann nähern wir uns Göteborg und seinem Strassenwirrwarr. Zum Glück habe ich das Navi und Christoph an meiner Seite! Der Weg führt scheinbar kreuz und quer durch die Vororte Göteborgs und schliesslich landen wir in einer Sackgasse! Ziel verpasst. Wir orientieren uns neu, geben eine neue Adresse ein und fahren los, einen Teil des Weges zurück, kommen nach Göteborg hinein, die Strassen werden enger und enger, führen dicht am Tramgeleise entlang. Endlich landen wir auf einem Parkplatz in Hafennähe, doch wir sehen kein Parkhaus, dazu weit und breit keinen Behindertenparkplatz. Unterwegs waren am Strassenrand einzelne Parkfelder für Behinderte gekennzeichnet, aber für uns zu eng und zu kurz. Wir brauchen viel Platz, um Christoph sicher aus dem Auto auf den Rollstuhl zu transferieren und um den SwissTrac über die Bretter aus dem Auto zu rollen.

Okay, wir suchen weiter, fahren den Weg zurück und biegen bei jedem bezeichneten Parkplatz ein, immer wieder vergeblich. Etwas ratlos fahren wir durch Göteborg und halten weiter Ausschau.

Endlich sehe ich ein Schild mit Rollstuhl und dahinter zwei geeignete Parkplätze auf einem Vorplatz einer Kirche. Sie sind breit und lang genug für uns, ein einziges Problem zeigt sich: die abschüssige Neigung des Bodens. Doch mit viel Geduld und Kraft schaffen wir den Transfer und machen uns auf den Weg, Göteborg zu entdecken.

Wie so oft lassen wir uns vom Gefühl leiten, was diesmal aber nicht recht funktioniert. Göteborg ist am Hang gebaut, mit vielen Treppen, verwinkelten Strassen und ohne erkennbarer Anordnung. Wir sind noch mehr verwirrt. Mit Hilfe des Stadtplans finden wir schliesslich den einen Teil der Altstadt, die hier mit «Haga» bezeichnet wird. Wir gehen über gepflasterte Strassen, die links und rechts von mehrgeschossigen Häusern gesäumt ist. Ursprünglich waren diese Häuser einstöckig und aus Holz, vor ca. 300 Jahren wurde das Fundament mit Steinen verstärkt und die Häuser um bis zu zwei Stockwerke erhöht. Die Stile sind unterschiedlich: einerseits die ursprünglichen weissen Holzhäuser in deren Parterre sich Bäckereien, Kleidergeschäfte oder Souvenierläden befinden. Einige Handwerkerläden wie Hutmacher, Goldschmiede, Töpfereien bieten ihre Ware an. Andererseits hat es Stadthäuser im Jugendstil gebaut oder einfache jüngere Stadthäuser.

Bei einer Bäckerei halten wir schliesslich an. «Fika» ist angesagt. Dies der schwedische Ausdruck für Pause mit Kaffee und Kuchen – Pause und geniessen. Genau das machen wir jetzt, sitzen an einem Tisch am Strassenrand in der Sonne und geniessen unsere «Kanelbulle».

Da wir viel Zeit mit der Parkplatzsuche verloren und noch 130 weitere Kilometer zu fahren haben, lassen wir die zweite «Haga» links liegen und hoffen, den Weg aus der Stadt ohne Komplikationen zu finden. So ist es dann auch und am Abend kommen wir bei untergehenden Sonne an der Westküste an. Grebbestad heisst das Fischerdorf und unser Hotel befindet sich im archäologisch interessanten Tanum. Doch davon später mehr!

Der Mountainbike-Trail

Ort dieses Abenteuers:

Isaberg Mountain Resort, Hestra, mitten in den Bergen Südschwedens, Treffpunkt für Sportler (Mountainbike, Kanu, Standup-Paddeln, Schwimmen, Klettern …), Campen und Familien.

Hauptdarsteller: Christophs Rollstuhl, Christoph, der SwissTrac

Nebendarstellerin: Vera (Begleiterin, Schieberin und Fotografin)

Das Ereignis :

Nach einem misslungenen Versuch einen Trail bergwärts zu absolvieren, sind sich die Mitwirkenden einig, dass ein etwas einfacherer Trail gefunden werden muss. Der Rollstuhl fügt sich in sein Schicksal und rollt brav hinter dem SwissTrac her. Der einfachste Trail wird nun gewählt. Um aber den Schwierigkeitsgrad doch noch etwas zu erhöhen, rollen der Rollstuhl und der Swisstrac in der Gegenrichtung der vorgegebenen Route. Was das bedeutet? Keine Mountenbiker von hinten, die einen überraschen könnten, aber Gegenverkehr, was jedesmal abbremsen, ausweichen und abwarten bedeutet. Etwas was dem Gefährt gar nicht gefällt. Bei den ersten Abfahrten ist noch etwas Vorsicht auszumachen, die steilen Aufstiege werden mit Schiebehilfe von Vera gemeistert. Je länger der Trail dauert, desto waghalsiger wird der Rollstuhl: er liegt in die Kurven, fährt immer schneller die Abhänge hinunter und rollt enthusiastisch über die Bumps-Piste. Der Rollstuhl und Christoph verbünden sich gegen die Schwerkraft und absolvieren alle Hindernisse meisterlich. Der SwissTrac ist als treibende Kraft dabei und ist für alle Abenteuer zu haben.

Die Rolle der Nebendarstellerin? Sie ist mit dem Begriff Nebendarstellerin schon definiert. Sie begleitet, hastet hinterher, weist auf die eine oder andere Naturschönheit hin und hält diese mit dem iPhone fest.

Erst der Regen, der Hunger und eine kleine Bucht lassen das Trio rasten. Kurz vor dem letzten Höllenritt den Berg hinauf wird Kraft getankt und dann gehts zurück zum Resort und unter die Räderdusche.

Effekt dieses Unterfangens: ausgetobter Rollstuhl und SwissTrac, ein strahlendes Gesicht bei Christoph und eine zufriedene Nebendarstellerin.

Ausflug nach Ystad

Ystad liegt südlich von Brösarp am Meer und war früher bekannt für den Heringsfang. Davon merkt man heute nicht mehr viel, ausser auf den Speisekarten der vielen Restaurants, die nur so von Menus mit Meeresfrüchten oder Fischen wimmeln.

Was Ystad bis heute behalten hat und scheinbar auch pflegt, ist der alte Dorfkern. Hier gibt es einige der ältesten Häuser Südschwedens, viele Riegelbauten, Strassen mit farbigen einstöckigen Häusern und viele Handwerkerläden.

Das Schönste auf diesem Ausflug: das Meer. Die salzige, nach Fisch und Algen riechende Luft, der Wind, der das Haar zerzaust, das Meeresrauschen und die unendliche Weite.

Christophs Rollstuhl macht sich bemerkbar

In Kopenhagen haben wir von Mr. Eds Nachfolger erzählt. Er ist, wie Mr. Ed es war, zum treuen Begleiter geworden, ohne den Christoph nicht vom Fleck käme. Mr. Ed hat seinen Namen auf Christophs Reise 2014 in Alaska/USA (https://satzbauer.ch/?p=187) bekommen. Wie geschrieben, suchen wir noch immer einen Namen für seinen Nachfolger. Fündig sind wir auf der bisherigen Reise nicht geworden und die Ideen und Vorschläge von euch Lesenden haben den doch etwas anspruchsvollen Rollstuhl noch nicht überzeugen können.

In den letzten Tagen ist der Rollstuhl aufmüpfig geworden. Er will beachtet werden. Wie er das zeigt? Ganz einfach! Er schleicht sich immer wieder in Fotos rein, respektive rollt immer öfters in Bildausschnitte. Dabei ist er geschickt und schnell, oft bleibt er von mir unbemerkt.

Am 1. August hat er auch bewiesen, dass er seinem Vorgänger Mr. Ed nacheifert. Wie tollkühn er mit Christoph einen Mountainbike-Trail absolviert hat, werdet ihr noch erfahren.

Ich vermute, dass er sich beruhigen würde, wenn er endlich einen Namen hätte und so ein namentlich erwähntes Mitglied unseres Reisetrios werden würde.

Wer hilft uns dabei? Ich fürchte sonst weitere Unannehmlichkeiten ….

Vera und der Gartenzaun

Unsere Leserinnen und Leser fragen oft, woher wir alle diese Themen nehmen, die wir in unseren Beiträgen erzählen. Nachdem dies meine vierte Reise im Blog ist, kann ich sagen, Augen und Ohren offenhalten. In den Texten gilt es dann, mit dem Gesehenen und Gehörten Bilder zu schaffen.

Was stellt ihr euch vor, wenn ihr den Titel dieses Beitrags lest? Drei Stichworte: Vera, Gartenzaun und Audi A6. Könnte es eine unglückliche Geschichte geben? Der nicht vorhandene Macho in mir würde es auf 2 plus 1 reduzieren, was wiederum der philosophischen Regel entsprechen würde, dass alles mathematisch auflösbar ist. Frau und teures Auto plus ein Gartenzaun.

Die Szenerie: Ich sitze an einem Sonntag um 13.40 Uhr im Auto vor einem Byggmax – einem Baumarkt – und warte auf Vera. Ihre Aufgabe ist, zwei Bretter für den Verlad des Swiss Trac zu kaufen. Von unserer Kanadareise wissen wir, dass es damit gut funktioniert.

Kanada 2019

Nach 15 Minuten kommt sie mit zwei Brettern zu mir, um sie zu zeigen. Perfekt in der Länge und in der Stärke. Sie geht wieder zurück in den Baumarkt, damit sie den Kauf bezahlen kann.

Zehn Minuten später taucht sie wieder auf, hat nun aber anstelle der zwei Bretter ein Stück Gartenzaun in der Hand. Ein Meter breit, 60 Zentimeter hoch.

Hä?! Was will sie mit einem Stück Gartenzaun?

Sie erklärt: Die Verkäuferin wollte ihr die zwei Bretter nicht verkaufen. Diese stammten aus einem Paket zu zehn Brettern. Einzelne Bretter gab es nicht, da dieser Baumarkt nur für den Grossbedarf sei.

Vera machte sich folglich auf die Suche nach einer Alternative. Die Zeit wurde knapp, da der Markt um 14 Uhr schloss, und so packte sie das erst Beste, was sie sich als funktionierend vorstellen konnte.

Okay, dann fahren wir nun ein Stück Gartenzaun durch Schweden spazieren. Auf der Weiterfahrt frage ich Vera, was sie der Polizei erzählen wolle, kontrollierten uns diese einmal.

Schweden 2023

Die Freude über den Gartenzaun ist nicht von langer Dauer. Beim Verlad des Swiss Tracs bei der Weiterfahrt nach Hestra regnet es in Strömen. Nasse Räder und nasses Holz und dazu noch ein zu kurzer Gartenzaun vertragen sich nicht wirklich.

Auf unserem Weg liegt ein Hornbach, wo Vera zwei passende Bretter besorgen kann. Noch fahren wir mit zwei Brettern und einem Stück Gartenzaun durch die Gegend. Ich denke, wir werden den Zaun im Resort Isaberg Hestra, wo wir jetzt hausen, umweltgerecht entsorgen.

Frau, Auto und Gartenzaun wäre eine Geschichte gewesen, aber völlig unpassend zu unserer Situation – Vera ist eine sehr gute und sichere Fahrerin, auch mit unserer temporären Luxuskarrosse.

More to come. Stay tuned!

Ein Tag in Brösarp

Nach all den Aufregungen der letzten Tage gönnen wir uns einen gemütlichen Tag in Brösarp. Brösarp ist ein recht kleines Dorf, dessen Anziehungspunkt unsere Unterkunft, respektive das dazu gehörende Restaurant ist. Wir merken bald, dass wir in einem Gourmet-Tempel gelandet sind. Der Parkplatz ist sowohl zur Mittagszeit als auch am Abend gerammelt voll und so sieht es auch im Restaurant aus. Voll belegt und ausgebucht.

Wir spazieren der Nase nach durchs Dorf, erst zur weissen Kirche auf einer Anhöhe. Sie ist vom Friedhof umgeben und wir finden Gräber von Verstorbenen, die Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurden. Hier werden die Gräber offensichtlich nicht weggeräumt.

Dann geht es einem Bach entlang, an Häusern mit wunderschönen Gärten vorbei und schliesslich kommen wir zu einem Antiquariat. Die antiken Bauteile vor dem Haus sehen nicht sehr einladend aus.

Wir gehen durch ein moderneres Quartier und wieder hinunter zur Hauptstrasse. Auch hier befindet sich ein Antiquariat. Antiquariate gibt es in diesem Dorf mindestens vier und mir wird klar, wo unsere Wirtin all die antiken Dekorationsgegenstände herhaben könnte.

Etwas weiter finden wir ein Café, das jedoch leider seit sieben Minuten geschlossen hat. Ganz in der Nähe winkt eine britische Fahne im Wind. Im Eingang dieser Boutique begrüsst uns Ihre Majestät, die Queen. Ein fast lebensgrosses Abbild mit einem gedeckten Teetisch davor. Die Boutique entpuppt sich als waschechter englischer Laden mit wunderschönem Porzellan und Stoffwaren mit typisch englischen Mustern. Da wir in Schweden sind, wollen wir nicht englische Ware einkaufen und gehen weiter. Bald finden wir einen kleinen Laden, wo wir endlich die ersehnten Früchte bekommen. Nebenan ist ein Coop (es heisst tatsächlich auch in Schweden so). Es ist einem schweizerischen Coop nicht unähnlich. Hier kann man alles für den täglichen Gebrauch einkaufen.

Wir kommen an unserer Unterkunft vorbei und ich frage dort, ob wir für den Abend einen Tisch reservieren könnten. Ausgebucht, ist die Antwort und so wird aus einem süssen Zvieri ein feiner Lachstoast. Das Dessert holen wir auf der anderen Seite des Dorfes bei einem Glacé-Wagen nach und kehren dann zufrieden in unser wunderschönes Zimmer zurück. Es wartet ja noch der Blog auf uns …

«Brösarps Gästgifveri»

Wir verlassen Malmö. Meine Sorge vor dem Fahren eines mir unbekannten Mietautos in einer fremden Stadt ist völlig unbegründet. Wir fahren einen supermodernen Audi A6, ein Auto, das so weit von unseren Vorstellungen eines Alltagsautos entfernt ist wie Malmö von Amerika!

Der Vorteil: wir geben dem Navigationsgerät die Adresse in Brösarp, unserem nächsten Ziel, ein und nichts kann mehr schief gehen. Da auch in Schweden innerorts 50 km/h gelten und der Verkehr hier sehr ruhig, schon fast bedächtig ist, steure ich das Luxusgefährt sicher aus der Stadt. Zugegeben: es macht auch Spass, ein solches Auto leihweise zu fahren!

Die Route führt über Land, vorbei an schier unendlich grossen Getreidefeldern, Maisfeldern, Wiesen bis zum Horizont mit Kühen oder Schafen darauf und immer wieder dichten grünen Wäldern. Die Landschaft ist so weit, wie wir sie von Kanada kennen, doch viel abwechslungsreicher und viel flacher. Der höchste Berg hier in der Gegend erhebt sich 97 m über Meer!

Nach einer guten Stunde Fahrt biegen wir ab und erreichen das Dorf Brösarp. Unser Hotel «Brösarps Gästgifveri» ist schnell gefunden. Ich steige die Treppe zum Eingang hoch und trete ein. Geradeaus geht es in die Küche, rechts in das Restaurant, das in gedämpftes Licht getaucht ist und auf den ersten Blick etwas altmodisch wirkt. Links geht es zu einem Raum mit Bar, reichlichem Vorrat an alkoholischen Getränken und einigen Tischen. Die Rezeption ist in die Ecke zwischen Küche und Restaurant gequetscht, eine kleine Theke und einem PC -Bildschirm. Niemand ist hier. Ich sehe Küchen- und Servicepersonal in der Küche und einige im Restaurant herumwuseln. Doch scheint mich niemand zu bemerken. Nach einigen Minuten trete ich ins Restaurant und frage nach dem Check-in. Nach weiteren Minuten tritt die Wirtin, eine attraktive Mittvierzigerin an die Theke. Ein freundliches «Hej hej» und ich fühle mich willkommen. Sie erklärt mir in flüssigem Englisch wie die Schlüssel funktionieren und wo unser Zimmer sei, in einem weissen Haus mit grüner Tür. Das Zimmer sei grösser als die anderen und das WC habe Haltegriffe. Da bin ich ja mal gespannt! Die Skepsis nach dem Kopenhagener Erlebnis sitzt noch tief.

Also zurück auf den Parkplatz zu Christoph, der im Auto wartet. Ich mache mich auf die Suche nach unserem Zimmer: weisses Haus mit grüner Tür. Weisse Häuser gibt es einige, doch sind ihre Türen entweder rot oder blau. Ich sehe mich in der näheren Umgebung des Restaurants um, doch finde ich nichts. Zuletzt gehe ich nochmals zur Rezeption zurück, suche jemanden, der mir helfen kann. Schliesslich kommt die Wirtin mit mir mit – zum Nachbarshaus, weiss mit grüner Tür! Wo hatte ich bloss meine Augen? Ich schaue nicht lange, gehe zurück zu Christoph und parke das Auto auf den vorhandenen Behindertenparkplatz. Rollstuhl und Koffer ausladen geht gut, aber da ist noch der SwissTrac, den wir dringend brauchen, damit Christoph sich beim Aufstehen festhalten kann. 65 kg überfordern mich definitiv. Inzwischen vertraue ich auf unser Glück, auf meinen Charme und auf die Hilfsbereitschaft der Schweden. Und tatsächlich: ein ziemlich fülliger junger Mann mit seiner Frau spaziert an uns vorbei. Schnell spreche ich ihn an:«Sorry! Are you a strong man? Could you help me, please?» Er ist sofort neben mir, will die Koffer packen. Ich zeige ihm den SwissTrac und mache die Gewichstsangabe.«No problem», meint er, dreht den SwissTrac, packt zu und schwups steht das blaue Schwergewicht neben dem Auto. Stolz schaut mich der «strong man» an. Wir bedanken uns herzlich und machen uns auf zur Zimmerinspektion.

Christoph fährt die Rampe hoch und wir kommen in einen Vorraum. Ein altes Holzsofa mit Kissen steht am Eingang, die Wände sind mit einer Tapete mit grünem Blättermuster und grossen weissen Blüten versehen, der Flur ist etwas schummrig beleuchtet. Die Spannung steigt. Was erwartet uns wohl hinter der Zimmertür Nr. 27? Ich öffne die Tür und bleibe abrupt unter der Türe stehen. Das gibt’s doch nicht!

Ich fühle mich in eine andere Welt versetzt, in eine Welt, wie ich sie aus alten Bilderbücher meiner Grossmutter kenne. Die Wände sind bis auf halbe Höhe mit grünem Holztäfer eingefasst und darüber auch tapeziert, diesmal mit grünen Blätterranken. An der Wand hängen zwei Ölbilder, eines davon etwas schief. Darunter das Doppelbett, mit einer dunkelgrünen Samtdecke und grünen und gelben mit goldenen Stickereien verzierten Kissen. Rechts und links vom Bett stehen zwei filigrane Messingtischchen, oberhalb der Betten sind Messinglampen im Vintage-Stil angebracht. Eine goldene Uhr aus Grossvaters Zeiten hängt an der Wand, ein goldgerahmter Spiegel und ein goldener Garderobehalter mit Häschenbüste schliessen die Wanddekoration ab. Dann steht da noch ein antiker Schreibtisch aus Holz mit passendem Stuhl an der Wand, die verifizierte Einladung für solche Schreiberlinge, wie wir es sind. Die Beleuchtung gibt dem Zimmer mit ihrem warmen Licht eine märchenhafte Atmosphäre. Und so fühle ich mich auch: wie im Märchen.

Christoph weckt mich aus meiner Verzückung und fragt nach der Badezimmerausstattung. Ich öffne die Türe und stehe in einer grünen Badeoase: dunkelgrüne Kacheln an den Wänden, weisser Marmorboden. Die Armaturen sind aus dem letzten Jahrhundert und in goldenem Messing. Das einzig Moderne ist die gläserne Duschwand und das Klo. Platz genug für einen Rollstuhlfahrer ist da und das WC ist mit mobilen Haltegriffen versehen.

Wir sind in einem rollstuhltauglichen Paradies angekommen.

Wer hilft einen in Malmö? Schweizer!

(Bild aus dem Archiv – Toronto 2018)

Nachdem die Anfangsschwierigkeiten überwunden waren, ging es ans Erkunden von Kopenhagen. Die Stadt ist für Rollstuhlfahrer gut zugänglich, mal abgesehen von vielen Restaurants, deren Inneres für mich nicht erreichbar ist. Die kühlen Temperaturen laden nicht wirklich zum Essen draussen ein. Hungrig bleiben wir trotzdem nicht. Im Gegenteil: ein Côte de boeuf fordert uns.

Einmal mehr erlebe ich die Dänen als freundliche und hilfsbereite Menschen. Schnell sind sie zur Stelle, wenn ich den Eindruck von Hilflosigkeit vermittle. Die, die einige Rücksichtslosigkeit an den Tag legen, sind zumeist Touristen. Sind sie zudem kurzbeinigen Schrittes, dann macht es keinen Unterschied, ob man in Kopenhagen oder Luzern ist.

Die Zugfahrt von Kopenhagen nach Malmö machen wir meiner Sorglosigkeit wegen ohne Voranmeldung. Für die rund 40 Minuten dauernde Fahrt über die Ostersund-Brücke nehmen wir die S-Bahn, die uns schon von der Fahrt vom Flughafen in die Stadt bekannt war. Ich staune nicht schlecht, als ich realisiere, dass ich nicht aus dem Zug hätte steigen können, wäre es das gleiche Perron gewesen. Nun ist der Höhenunterschied rund 20 Zentimeter. Die Zugbegleiterin ist aber schnell mit einer faltbaren Rampe bei mir und sorgt resolut dafür, dass ich den für Rollstuhlfahrer reservierten Platz erreiche.

Wie so oft auf den vergangenen Reisen, sorgt der Swiss Trac (Rollstuhlzuggerät) auch diesmal für erstaunte Blicke. Unzählige Male werde ich angesprochen, wenn ich mit Veras Koffer auf dem Swiss Trac und meinem am Rollstuhl befestigten Koffer über die Gehsteige brettere. Da ich der dänischen Sprache nicht mächtig bin, kann ich den Inhalt der Äusserungen nur vermuten.

In Malmö angekommen, gehen wir zur Autovermietung und übernehmen unser Fahrzeug, ein Audi A6. Nach meiner unmissverständlichen Kampfansage nach dem Hoteldesaster in Kopenhagen hat sich das Reisebüro nochmals erkundigt, ob auch das gewünschte Auto zur Verfügung stehe. Das tat es dann auch.

Nach einem gemütlichen Stadtbummel und einem dekadent üppigen Nachtessen steht uns die grösste Herausforderung noch bevor: der Swiss Trac, 65 kg schwer, musste noch ins Auto. Und das ohne Rampe, da es in der Innenstadt von Malmö keine Holzlatten zu kaufen gab. Was tun? Im sechsten Stock eines verwaisten Parkhauses auf ein Wunder hoffen?

Wir hören den Lärm eines Automotors, der immer näher kommt. Ist das das Wunder? Aus dem Auto steigt ein junger Mann. Vera steuert ihn direkt an und fragt «if he could help us». Dieser antwortet ebenfalls auf Englisch und verspricht uns Hilfe. Das weitere Gespräch wird dann in einer anderen Sprache geführt: schweizerdeutsch.

Hilfsbereite Menschen werden uns weiter helfen, sind wir überzeugt. Unsere Reise ist ein Abenteuer. Es wird gut kommen.

More to come. Stay tuned!

Kopenhagen vom Schiff aus

Um eine Stadt in möglichst kurzer Zeit zu entdecken und mit Informationen zu ihrer Geschichte und Kultur eingedeckt zu werden, gibt es zwei Möglichkeiten: Hop-on, hop-off im Bus oder in Städten mit Flüssen oder Kanälen eine Stadtrundfahrt per Schiff. Da Kopenhagen, ähnlich wie Amsterdam, mit Kanälen durchzogen ist, habe ich schnell entschieden. Eine Schifffahrt muss es sein. Leider sind die Schiffe für Rollstuhlfahrer wie Christoph nicht zugänglich. Sie liegen flach im Wasser, damit sie unter den niedrigen Brücken durchkommen, sind fest bestuhlt, so dass für einen Rollstuhl kein Zugang und kein Platz ist. Christoph hat eine solche Schiffsrundfahrt zum Glück schon vor zehn Jahren gemacht, als er noch ohne Rollstuhl unterwegs war. So ist mein schlechtes Gewissen beruhigt. Vor allem da Christoph den Plan verfolgt, den Crêpes-Stand von vor zehn Jahren zu suchen und sich eine seiner heiss geliebten Crêpes zu gönnen. Bananen-Nutella müsste es sein, genau so wie vor zehn Jahren. Ob er wohl fündig wird? Ich habe da so meine Zweifel!

Ich drängle mich durch die Menschenmassen im Nyhaven, stehe für mein Ticket an und steige schliesslich in das flache Schiff, von wo aus man das Wasser leicht berühren könnte. Pünktlich um 14.15 Uhr legt der Kapitän ab. Der Reiseführer warnt uns vor den niedrigen Brücken, die seien hart und würden unseren Köpfen nicht gut bekommen. Auch sollen wir nicht mit den Fingern die Decken der Brücken berühren. Diese seien sehr schmutzig und klebrig und die Brückenmauern seien immer stärker als unsere Finger … Schon fahren wir unter der ersten Brücke durch, instinktiv zieht man den Kopf ein, obschon ca. 20 cm Platz zwischen Brückenbogen und Kopf bleibt. Aber nach dieser Vorwarnung sind alle Passagiere vorsichtig.

Wir verlassen den Nyhaven und fahren in die Meeresbucht hinaus, vorbei an der modernen Oper. Sie hat ein flaches Dach, das ans KKL in Luzern erinnert. Von diesem Dach springen im Sommer waghalsige Jugendliche ins Meer. «Just for fun», wie der Führer erzählt. Wir fahren weiter raus, die früheren Kasernen der Königlichen Armee ziehen vorbei, weiter hinten sieht man einen hohen Kamin neben einem modernen, abgeschrägten Bau. Das sei die Abfallverbrennungsanlage, die gleichzeitig ein Freizeitzentrum fürs Fassadenklettern und fürs Skifahren während des ganzen Jahres sei. Erstaunlich, wie die Dänen es schaffen, das Nützliche mit dem Vergnügen zu verbinden.

Wir nähern uns dem anderen Ufer der Bucht und eine Menschenansammlung wird sichtbar. Was da wohl zu sehen ist? Wohin pilgern alle, die nach Kopenhagen kommen? Richtig, zu der kleinen Meerjungfrau. Klein wirkt sie wirklich, wie sie auf einem Felsen im Wasser unweit des Ufers sitzt. Gerade weit genug, damit sich nicht alle trauen zu ihr auf den Felsen zu klettern, sie aber doch fotografieren können. Eigentlich wollte ich diese Statue auch besuchen. Doch jetzt, da ich die Menschenmenge sehe, begnüge ich mich mit der berühmten Rückenansicht. Irgendwie tut mir diese Kunstwerk fast leid. Die kleine Meerjungfrau wurde 1921 erschaffen, Modell standen die Geschichte von Hans Christian Anderson und eine Balletttänzerin. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Jungfrau zweimal geköpft und ein Stück aus ihrem Arm entfernt. In der Stadt findet man Ansichtskarten mit ihr als Sujet vor kitschigen Sonnenuntergängen oder zwischen überdimensionierten Schwänen. Ich für mich verstehe nur zu gut, weshalb die kleine Meerjungfrau so betrübt und wehmütig ans Ufer mit den fotografierenden und betatschenden Touristen schaut.

Weiter geht die Fahrt an den königlichen Palästen vorbei, durch ein holländisches Quartier, das von den Holländern zur Zeit des Seehandels mit Indien erbaut wurde. Fährt man durch diesen Kanal, wähnt man sich einmal mehr in Amsterdam. Zum Schluss fährt unser Schiff vor dem riesigen Glasbau der Staatsbibliothek durch, sie sei europaweit die grösste Bibliothek. Dann ist da noch das alte Haus, in dem die Familien der königlichen Soldaten im Mittelalter gratis hochgradigen Alkohol beziehen konnten. Damit sollten die Familien, auch die Kinder, vor den Colibakterien und vor Cholera geschützt werden. Ob wohl deshalb der Alkohol in Dänemark heutzutage so teuer ist? Um dem übermässigen Desinfektionsbedürfnis entgegenzuwirken? Darüber hat uns der Führer nichts erzählt.

Die Fahrt endet wieder im berühmten Nyhaven. Den Nachmittag verbringen wir im «Holländischen Quartier», das durch grosszügige Promenaden, ruhige Strassen und architektonische Vielfalt besticht. Über eine der vielen Velobrücken gehen wir zurück zum Hotel, voll neuer Eindrücke und mit dem Wissen, dass Kopenhagen viel und noch viel mehr zu bieten hat.

More to come. Stay tuned!

Ich bin verärgert!!!

(Fortsetzung von «Heute wird nicht viel passieren»)

Das war der erste Satz in meiner E-Mail an unser Reisebüro in der Schweiz, die ich morgens um 2 Uhr in mein iPhone tippte. Ich brauchte klare Worte und stellte meine Forderung unmissverständlich. Ich wäre vermutlich nicht so hart in meiner Wortwahl gewesen, hätte ich nicht drei Wochen vor der Reise extra und ausdrücklich nochmals beim Reisebüro betreffend rollstuhlgerechten Unterkünften nachgefragt und bestätigt bekommen, dass die Vor-Ort-Agentur dies versicherte.

Am Morgen meldete sich das Schweizer Reisebüro und entschuldigte sich erstmal und stellte eine Lösung in Aussicht. Beim Frühstück haben Vera und ich dann von einem Hotelmanager erfahren, dass das ganze Hotel weder über Zimmer für Rollstuhlfahrer verfügte noch eine rollstuhlgängige Toilette hätte. Der nächste Anruf aus der Schweiz brachte mein Blut in Wallung, die Ferienstimmung auf den Nullpunkt und mein Kampfwillen in Höchstform. Ich soll mir ein Restaurant mit einer Rollstuhltoilette suchen, das Reisebüro würde gegen Quittung das Frühstück erstatten und sie hätten ein Hotel mit einem teilweise rollstuhlgerechten Zimmer. Die eigentlichen Rollstuhlzimmer seien leider alle besetzt, da gerade eine Gruppe Rollstuhlfahrer eingecheckt hätte.

Hä?!

Einmal mehr war ich froh um meine Schlagfertigkeit und meinen Durchsetzungswillen. Mich mit dieser Lösung abspeisen zu lassen, kam für mich nicht in Frage. Ich hatte schon von Anfang ab bei den Verhandlungen fürs Angebot davon gesprochen, der Preis spiele eine untergeordnete Rolle. Für mich als tetraplegischer Rollstuhlfahrer muss es machbar sein.

Wir hatten das Frühstück inzwischen durch und harrten der Dinge, die kommen sollten. Um 11.32 Uhr war es soweit, am Telefon wurde mir eine neue Unterkunft angegeben. Eineinhalb Stunden später waren wir dort und durften zufrieden zur Kenntnis nehmen, dass unsere Bedürfnisse nun erfüllt sind. Die Ferien konnten mit Verspätung beginnen.

More to come. Stay tuned!

Dänemark und Kopenhagen

Dänemark begrüsst uns mit einer orange glühenden Sonne, die im Wolkenmeer versinkt. Unter unserem Flugzeug wechseln Meeresarme und -buchten mit Inseln ab. Erinnerungen an «Ferien auf Saltkrokan» werden wach, ein Kinderbuch aus vergangenen Zeiten. Eine grosse Insel beeindruckt mich besonders. Sie scheint sich kaum aus dem Meer zu erheben und ich stelle mir vor, was mit der Insel geschähe, wenn der Meeresspiegel um einige Zentimeter steigen würde.

Der Anflug auf Kopenhagen lässt das Meer immer näher kommen, Schaumkronen sind zu erkennen und es scheint, als würden wir im Meer landen. Doch nein, wir landen wohlbehalten in Kopenhagen. Was dann folgt, hat Christoph bereits beschrieben.

Am nächsten Mittag, Mittwoch, sind wir startbereit, um die Stadt zu entdecken. Wir sind uns einig über die Art unserer Entdeckungsreise. Christoph hat noch einige Erinnerungen von vor zehn Jahren, für mich ist Kopenhagen unbekannt. Kurze Orientierung auf dem Stadtplan. Wir nehmen uns zwei Ziele vor: den Nyhaven mit den bunten Häusern und die Einkaufsmeile im Stadtzentrum. Sonst lassen wir uns von unserer Neugierde treiben. Unser Weg führt uns einem Kanal entlang über eine breite Promenade. Wir sind wieder zu dritt unterwegs, doch ist der dritte im Bunde nicht mehr Mr. Er., der treue Begleiter von Christoph. Mr. Ed ist Ende 2019 in Pension gegangen und wird nun von einem jüngeren und moderneren Kollegen vertreten. In unseren Herzen und Gedanken ist aber Mr. Ed immer noch mit uns unterwegs. Seine Abenteuerlust bleibt unvergessen, umso mehr, da sein Nachfolger meist brav und in geordneten Bahnen hinter dem SwissTrac herfährt. Einen Namen hat der neue Begleiter von Christoph noch keinen. Vielleicht finden wir einen unterwegs oder vielleicht hat jemand von euch Lesenden eine Idee, wie wir Christophs Rollstuhl nennen könnten. Wir sind offen für eure Vorschläge und dem Gewinner winkt ein Foto- und Textbuch von unserer Kopenhagen-Südschwedenreise.

Doch nun zurück nach Kopenhagen mit Mr. Eds Nachfolger. Wir staunen über die Vielfältigkeit der Architektur: neben Häusern aus dem 17. Jahrhundert stehen modernste Glasgebäude, dann wieder Jugendstilhäuser oder alte Lagerhäuser, die geschickt zu Wohnhäuser umgebaut wurden.

Die Überraschung an diesem Nachmittag ist ein plötzlicher Wolkenbruch, der ohne Ankündigung auf uns niederprasselt. Wir suchen Schutz unter kaum vorhandenen Vordächern, ziehen im stürmischen Wetter den Regenschutz an. Zum Glück hört der Regen so schnell auf, wie er gekommen ist und wir können uns in der wärmenden Sonne trocknen lassen.

Wir steuern durch die enge Strasse im Nyhaven, Vorwärtskommen ist fast unmöglich. Menschenmassen wälzen sich durch die enge Strasse, die von Kneipen und Gourmet-Tempeln gesäumt wird. Die Häuser sind pittoresk, doch schaut man sie sich besser von weitem auf einer Brücke an. Wir sind froh, als wir dem Getümmel entkommen. Die Strassen werden breiter und eine farbige Seitenstrasse lockt mich und uns in Richtung Innenstadt. Bald erreichen wir die Fussgängerzone, mein Gefühl hat mich richtig geleitet. Wir treffen auf neue Menschenmassen, doch ist es hier für uns etwas einfacher vorwärts zu kommen, da die Strassen breit und die Plätze gross sind. Auch hier ist die Architektur ganz unterschiedlich, einmal muten die Häuserreihen grossstädtisch an, manchmal sind es einfache «Arbeiterhäuser» die die Strassen säumen. Alle haben aber etwas gemeinsam: im Untergeschoss sind sie für Touristen eingerichtet. Läden mit allem, was das Herz begehrt, bekannte Marken, Imbissbuden mit den sagenhaften Würstchen, die wir vom Flughafen kennen, oder Restaurants, die Moules, Hamburger, Pizzas oder Shrimps anbieten. Wir begnügen uns mit einer fruchtigen Limonade und dem Beobachten der vielen unterschiedlichen Menschen. Einige Menschen fallen uns besonders auf. Ich stelle unsere Glasflaschen in einen Abfallkübel und drehe mich ab, um ein Foto zu schiessen. In dieser Zeit kommt schon ein Randständiger mit seiner grossen Plastiktüte vorbei und sammelt die Flaschen und die sonstigen Blechbüchsen oder PET-Flaschen ein. Eine Möglichkeit für ihn und seine Kollegen zu ein wenig Geld zu kommen, in dem sie die gesammelte Ware zu den Sammelstellen bringen und das Depot dafür ausbezahlt bekommen. Einmal mehr wird uns das grosse soziale Gefälle einer Grossstadt deutlich vor Augen geführt.

Wir beschliessen, auf einem neuen Weg zurück zum Hotel zu gehen. Essen in einem Lokal mit einem Rollstuhlfahrer ist hier im Zentrum aussichtslos. Die meisten Lokale sind im Kellergeschoss und nur über Treppen erreichbar. Wir gehen, wie so oft in Kopenhagen, einem Kanal entlang, vorbei an alten Häusern, in denen früher Fisch verkauft wurde, am Nationalmuseum, das um diese Zeit schon geschlossen hat, an den Ställen des königlichen Gestüts vorbei und schliesslich am Museum für Architektur entlang, das unser Regenprogramm für morgen wäre. Müde, voller Eindrücke und zufrieden lassen wir uns am Abend von der recht deftigen, oft salzigen dänischen Küche verwöhnen.

Heute wird nicht viel passieren …

Wir hatten den Check-in durch, bei der Security eine Bekannte getroffen und uns in einem Restaurant mehr schlecht als recht für den Flug gestärkt. Rechtzeitig am per SMS gemeldeten Gate eingetroffen, suchen wir nach der Anzeige für unseren Flug LX1272 nach Kopenhagen. Geplante Abflugszeit um 17.25 Uhr. Aber am Boardingdesk A82 ist ein Swiss-Flug nach Berlin angezeigt. Von unserem Flug ist nichts zu sehen. Die Übersichtstafel mit den nächsten Abflügen informiert, dass wir im 17.25 Uhr informiert werden würden.

Heutzutage ist es einfach, im Internet zu sehen, wo ein Flugzeug gerade fliegt. Wobei «fliegen» in unserem Fall den aktuellen Stand nicht korrekt wiedergibt: Unser Flugzeug, die airBaltic-Maschine yl-abn steht noch in Paris, wo sie als Flug LX639 auf ihren Flug nach Zürich vorbereitet wird. Um 15.05 Uhr hätte sie in Paris abheben sollen. Um 17.24 Uhr startete sie schlussendlich in Frankreich. 75 Minuten Flugzeit, Landung wohl erst gegen 18.45 Uhr.

Ich denke mir: Schade, ich hätte gerne wieder den Sonnenuntergang beim Anflug auf Kopenhagen gesehen. Ich blicke zu Vera und sage ihr, dass ich so wenigstens schon ein Thema für den ersten Blog-Beitrag hätte. Sie sieht mich mit verwunderten Augen an und meint, dass das wohl nicht genügend Stoff geben würde. Vielleicht hat sie ja recht, geht mir durch den Kopf, und trotzdem bin ich überzeugt, dass unsere Anreise mehr als genug Material geben wird. Wie recht ich damit hatte, zeigte sich sehr bald.

Die Maschine aus Paris war superschnell in Zürich und bereits um 19 Uhr begann das Boarding für unseren Flug. Wie immer werden Vera und ich als erste ins Flugzeug gelassen. Für mich braucht es immer zwei Personen, die mich auf den Sitz, diesmal 23C in einem Airbus A220-300, platzieren. Eine Viertelstunde später haben alle Passagiere ihren Platz gefunden und ihr Handgepäck verstaut. Und dann beginnt das grosse Warten. Der Captain meldet sich und informiert, dass noch nicht alles Gepäck verladen sei … Die tatsächliche Abflugzeit war dann um 20.08 Uhr, in Kopenhagen gelandet sind wir um 21.30 Uhr. Und damit wir ja nicht zu schnell im Hotel sind, durften wir den Flieger auf einem Aussenstandplatz verlassen.

Für Vera und mich hiess das lange warten bis wir beide die letzten an Bord waren und zwei Personen mich wieder aus dem Sitz hievten, mich auf einem Flugzeug-Rollstuhl aus dem Flugzeug transportierten und mich in einem Hublastwagen auf meinen Rollstuhl setzten. Dann eine Fahrt mit 20 km/h über den halben Flughafen zu einem weiteren Fahrzeug, dass die andere Hälfte des Flughafens abfuhr. Dann endlich Gepäcksuche und die Hoffnung, alles Gepäck sei mit uns geflogen. Die Hoffnung deshalb, weil ich eine SMS bin Swiss erhielt, dass nicht alles Gepäck von mir an Bord war.

Zum Glück war die Nachricht aber eine Falschmeldung. Zwei Koffer, ein Rollstuhl und mein Zuggerät waren in Dänemark angekommen. Freude herrschte und ebenso Vorfreude auf das Bett. Noch kurz eine kleine Verpflegung am Flughafen – ein schrecklich «grusiges» und fettiges Würstchen in einem «tangigen» Brötchen mit Zwiebeln und Senf, der einem das Wasser in die Augen schiessen liess. Dann die Suche nach der Metro M2 in die unmittelbare Nähe des Hotels. Aber die Metro fuhr nicht. Ein freundlicher Herr sagte uns an der Metro-Schranke, wie sollen anstelle des Ersatzbusses den Zug nehmen. Das ginge einfacher. Also ab auf die Suche nach dem Bahnsteig.

Nach einem viertelstündigen Warten, einer viertelstündigen Fahrt und einem viertelstündigen Weg ins Hotel besichtigten wir kurz nach Mitternacht unser Hotelzimmer und mussten zur Kenntnis nehmen, dass das Zimmer überhaupt nicht rollstuhlgängig war. Ich konnte nicht einmal meine Hände waschen, geschweige denn die Toilette benutzen. Es war genau das, was man sich um diese Uhrzeit und einer Anreisedauer von mehr als zwölf Stunden wünscht. Ein guter Start in die Ferien. Willkommen Erholung!

Wie es weitergeht?

Stay tuned!

On a rainy day in Vancouver

Unser letzter Tag in Vancouver. Der Vormittag kündet sich wolkenverhangen an. Für den Nachmittag sind starke Regenfälle vorhergesagt. Wir wollen Granville Island, ein Kultur- und Einkaufsviertel besuchen. Wenig Kultur, viel Einkauf.

Im Oktober letzten Jahres war nicht mehr viel los. Wir konnten damals nur unsere Nasen an den geschlossenen Türen platt drücken und versuchen, Einblicke zu erhaschen. Diesmal ist es offen, so dass wir Eindrücke gewinnen können. Die Einkaufshallen sind ordentlich gefüllt, aber man merkt gut, dass die Saison zu Ende geht. Nicht nur die Rabattschilder deuten darauf hin.

Das Wetter wird grusliger und wir sind froh, in die Markthallen eintauchen zu können. Während dem Trinken eines Kaffees lässt sich das Treiben beobachten. Hier eine Verkäuferin, die mangels Kundschaft gelangweilt im Internet surft, dort ein Stand mit frischen Salaten und Säften. Es sind Chinesinnen, die fleissig am Arbeiten sind. Kundschaft haben sie keine, aber sind dauernd beschäftigt. Schnell wird klar, warum sie so fleissig sind: Ein Etage höher ist ein als Mitarbeiterraum deklarierter Ort, von wo sie überwacht werden. Die „Überwacher“ wechseln sich fleissig ab. Während die chinesische Dame pünktlich wie eine Schweizer Uhr alle fünf Sekunden einen Kontrollblick über den Stand schweifen lässt, nehmen es die Herren nicht so genau. Einer zieht gleich sein Mittagsschläfchen ein.

Interessant ist auch das Beobachten der Marktbesucher. Die einen scheinen mit Freude dabei zu sein, andere wurden wohl mit mehr oder weniger Druck hierher gelotst. Gekauft wird nicht viel. Und wenn dann oft Lebensmittel, die sie schon kennen. Deutsche Touristen sind sofort erkennbar: ihre Blicke richten sie direkt auf Bier und Wurst.

Anyway, der Marktbesuch hat sich gelohnt. Erlebt haben wir viel und während des Marktbesuchs blieben wir trocken. Das änderte sich dann auf dem Weg zurück ins Hotel …

More to come – stay tuned!

Menschen

Drei Wochen reisen in zwei mir recht fremden Ländern bringt neue Eindrücke, spannende Erlebnisse und viele Begegnungen mit Menschen mit sich. Ich mag Menschen, begegne ihnen offen, beobachte sie sehr gerne. Normale Menschen wie du und ich gibt es auch in San Francisco oder Kanada zuhauf. Doch gibt es auch diejenigen, die durch ihr Äusseres oder durch ihr Verhalten auffallen. Wie schnell fällen wir doch Vorurteile? Auch ich ertappe mich immer wieder dabei. Wenn ich es bemerke, versuche ich jeweils hinter die jeweilige menschliche Fassade zu blicken, den Menschen als Mensch zu sehen und nicht als Unikum, Flegel, Tollpatsch oder was auch immer.

Auf unserer Reise sind wir ganz unterschiedlichen Menschen begegnet:

Da war der „rasende“ Assistent im Flughafen San Francisco, der durch ein Missverständnis zum Raser wurde, der dies aber so vollkommen machte trotz seiner offensichtlichen Körperbehinderung.

Im Rocky Mountaineer sass ein amerikanisches Paar vor uns. Sie schien interessiert und kommunizierte mit den Mitreisenden. Er verkroch sich buchstäblich unter einer Decke und verschlief so die Reise von Vancouver nach Whistler. Zum Essen tauchte er aus seinem „Zelt“ auf, danach verkroch er sich wieder. Uns als interessierte Reisende mutete dies sehr seltsam an und sein Verhalten belächelten wir. Doch was steckte dahinter? Wirklich Desinteresse? Machte er die Reise seiner Frau zuliebe? War er krank? Ich weiss es nicht. Doch denke ich, dass er seine Gründe gehabt haben wird.

In Quesnel wurden wir vorgewarnt, dass die Menschen sehr neugierig gegenüber Fremden seien. Der erste Taxifahrer war ein junger, griesgrämiger Typ, der in seinem Wagen sitzenblieb und sich, ausser dass er uns zum richtigen Hotel fuhr, überhaupt nicht um uns kümmerte. Ob er genug hatte vom ganzen Tag? Ob er einen mühsamen Abend zuhause vor Augen hatte oder eine Magenverstimmung? Wir liessen ihn mit einem Thank you und Bye ziehen.

Völlig gegensätzlich begegnete uns der Desk Manager des Hotels. Er wollte wissen, was für ein Schwergewicht (SwissTrac) er aus dem Bus gehievt hatte und wie diese Maschine funktioniere. Als ich ihn später nach einer Roll-in shower fragte, gab er mir ganz beflissen zur Antwort, keines der Hotels in der Stadt habe eine solche Dusche. Dafür war er sehr zuvorkommend, als ich ihn um einen Duschstuhl bat. Er führte mich in einen überstellten Keller, zeigte mir den riesigen, aber stabilen Stuhl und liess es sich nicht nehmen, mich in unser Zimmer zu begleiten und mir den Stuhl zu demonstrieren. Mit erhobenem Kinn und pfeifend verliess er dann unser Zimmer. Mit schwungvollem Gang, der irgendwie nicht ganz zu seiner Körperfülle passte. Ein Original, das seinen Job sehr ernst nimmt und sich uns gegenüber sehr hilfsbereit zeigte. Wir denken dank ihm gerne an unseren Aufenthalt in Quesnel zurück.

Wir sind durch Mr. Ed und dem SwissTrac unzähligen neugierigen, interessierten und herzlichen Menschen begegnet. Immer wieder wurde Christoph auf sein Gefährt angesprochen, viele haben einen behinderten Verwandten oder Bekannten oder fanden Christophs Duo einfach nur genial, super, grossartig…

Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft ist ein Kennzeichen der Kanadier. Überall, wo wir auftauchten, boten uns Menschen ihre Hilfe an. Wer mich beim Ausladen von SwissTrac und Mr. Ed beobachtete, war schnell zu Stelle und wollte helfen.

Kanada ist ein Land mit verschiedensten Kulturen und somit auch mit den verschiedensten Ausprägungen der Menschen. Durch die Immigration im 19. Jahrhundert, die mit dem Kanadischen Bahnbau einherging, fassten die asiatischen Kulturen hier stark Fuss. Somit begegneten uns sehr viele Asiaten, die sich durch ihr Handeln, ihre Kleider und ihr fehlenden iPhones mit Selfiestick deutlich von ihren Landsleuten, die als Touristen unterwegs sind, unterscheiden.

Wenn man reist wie wir, mit Flugzeug, Bahn und Auto, unterwegs in Hotels übernachtet, kommt mit man nicht um menschliche Kontakte herum.

Neben den vielen eindrücklichen Landschaften werden mir vor allem die Menschen von Kanada, ihre Geschichte, ihr Überlebenswille, ihr Humor, ihre Herzlichkeit und Freundlichkeit in Erinnerung bleiben. Sie machen ihr Land lebendig und tragen es im Herzen. Etwas davon werde ich mit grosser Dankbarkeit zurück in meinen Schweizer Alltag mitnehmen.

Revelstoke? – Revelstoke!

Revelstoke, ein Dorf mit 7500 Einwohnern, knapp zweieinhalb Stunden von Banff in westlicher Richtung und entfernt. Revelstoke, ein Zwischenhalt, weil wir das Fuder „Autofahren“ nicht überladen wollten. Vera hat beim Recherchieren herausgefunden, dass Revelstoke ein Eisenbahnmuseum und eine knapp 30 Kilometer entfernt liegende Ghost Town hat. Auch preist die Homepage von Revelstoke ihre Downtown und ihre Freizeitmöglichkeiten an. So beschliessen wir, zwei Nächte in Revelstoke zu verbringen. Und ja, dann sind wir nach einer interessanten und abwechslungsreichen Fahrt über Lake Louise in Revelstoke gelandet. Einem Dorf, das man links liegen lassen würde, hätte man nicht ein Hotel gebucht …

Okay, Downtown Revelstoke kann man vergessen, wie wir am nächsten Tag sehen. Aber das Eisenbahnmuseum hat es in sich. Was dort gezeigt wird, ist Eisenbahngeschichte. Als British Columbia, die westlichste Provinz Kanadas, 1871 in die Konföderation aufgenommen werden sollte, versprach man, sie an die Eisenbahnlinie nach Osten anzubinden. Die grosse Herausforderung waren jedoch die Rocky Mountains.

Einen grossen Platz wird den chinesischen Arbeitern gewidmet. Sie wurden in San Francisco „eingekauft“ und nach Kanada geholt, um durch sie die schweren Arbeiten und die gefährlichen Sprengungen mit Dynamit erledigen zu lassen. Ihr Verdienst war halb so hoch, wie der der europäischen Immigranten. In Zelten mussten sie übernachten, wurden wegen Mangelernährung krank. Es ist nicht überliefert, wie viele Menschenleben der Bahnbau über die Rocky Mountains gekostet hat.

Wie bequem die Damen und Herren von Welt (und mit Geld) in der ersten Hälfte des 19 Jahrhunderts reisten, lässt einen staunen. Der Personenverkehr ist auf der transkontinentalen Route aber nebensächlich. Mit vielen Geschichten angereichert gibt die Ausstellung ein wertvollen Einblick in die Eisenbahnwelt Kanadas.

Auch aber nicht einzig ist die Eisenbahn präsent in der Three Valley Gap Ghost Town. Hotel, Werkstätten, verschiedene Läden, Bank, Gefängnis, Wahrsagerwagen und ein Haus der leichten Mädchen: auch das ist Revelstoke. Viele der Objekte waren bis vor wenige Jahrzehnte noch in Betrieb. Während die Apotheke und die Schneiderei einem ein Lächeln entlockt, der Coiffeurladen alte Erinnerungen weckt ist man spätestens beim Blick in die Zahnarztpraxis froh, leben wir im 2019 und nicht 50 Jahre früher.

Revelstoke war mehr als ein notwendiger Zwischenstopp. Auf dem Weg von den Rocky Mountains zum Pazifik ist der Besuch ein Muss.

More to come – stay tuned!

Von Kamloops nach Harrison Hot Springs und Vancouver

Da wir von Kamloops auf unserer letzten Kanadareise nichts bekamen ausser den Weg vom Bahnhof zum Hotel und zurück, sehen wir uns in der Stadt noch etwas um. Wir beobachten wie viele kilometerlange Güterzüge über die verschiedenen Brücken in alle Himmelsrichtungen fahren. Kamloops ist seit dem 19. Jahrhundert eine Handelsstadt. Hier fliessen der North Thompson River und der South Thompson River zusammen, münden als einen Fluss in den Kamloops Lake. Es ist spannend zu sehen, wie wenig Touristen und Souvenirläden es hier gibt. Für uns ist es erholsam, den eigentlichen Bewohnern Kamloops zu begegnen. Neben den eiligen Geschäftsleuten gibt es viele ärmlich gekleidete Menschen und etwa ebenso viele gutbürgerliche Leute. Nach einer kurzen Tour durch die Stadt machen wir im Park am Fluss Mittagspause.

Danach gibt es einen Endspurt nach Harrison Hot Springs. Es ist der angesagte Ausflugs- und Erholungsort der Bewohner von Vancouver und Umgebung, da es nur 90 Minuten Autofahrzeit entfernt liegt. Auf der Suche nach einem Abendessen spazieren wir auf der Seepromenade, eine sehr schöne Anlage mit Sandstrand und einem Rundweg um die Lagune. Vom Ende des Sees grüssen die Berge herüber und die vielen Motels, Bungalows und Hotels lassen erahnen, was an warmen Tagen hier los ist.

Am nächsten Morgen beginnt unsere letzte Autofahrt, die uns nach Vancouver zurückbringt. Unser Ziel ist der Flughafen, wo wir das Auto zurückgeben müssen. Die Fahrt geht dem Fraser River entlang, durch Dörfer, die Mission und Maple Ridge heissen. Ein letztes Mal besuche ich einen Tim Hortens und besorge uns eine Stärkung für den zunehmenden Verkehr. Je näher wir der Stadt Vancouver kommen, desto breiter (wird der Highway (bis zu sechs Spuren), desto dichter der Schilder-Wald und desto verwirrlicher die Angaben des Navis. Sich verfahren hat aber auch Gutes an sich: wir können endlich die beiden Holzbretter, die uns so dienlich waren, bei einer Entsorgungsstelle zurücklassen, einen Washroom finden und Christoph, der Navigator kann sich neu orientieren. Wir sind alle erleichtert, als wir bei der Autovermietung ankommen. Ein Angestellter weist mich energisch ein und verlangt in kontrollierendem Ton den Mietvertrag. Ob es ihn stört, dass die Frau und nicht der Mann am Steuer sitzt? Als ich ihn später nett und extra etwas hilflos bitte, mir beim Ausladen des Swiss Tracs zu helfen, der ja 65 kg wiegt, wird er plötzlich nett und zuvorkommend, erklärt uns den Weg zum SkyTrain in die Stadt und verabschiedet sich freundlich. Nur nebenbei bemerkt: der kräftige Mann überliess beim Ausladen das Mehrgewicht mir ….

Wir sind alle froh und dankbar, wieder gesund und munter in Vancouver angekommen zu sein. Hier bleibt uns noch ein ganzer Tag, um uns von Kanada zu verabschieden, bevor wir am Freitag die Reise zurück in die Schweiz antreten.

Von Banff nach Revelstoke und Kamloops

Banff ist eine Kleinstadt, die am Rande der Rocky Mountains liegt. Durch ihre Lage nahe bei den Bergen und auf 1399 Metern über Meer, durch den sie umgebenden Banff National Park, die heissen Thermalquellen, Wasserfälle und zwei Seen in der Nähe, ist Banff ein beliebter Tourismusort geworden. Die Stadt hat für uns aber durchaus Charme: die Häuser aus der Viktorianischen Zeit, eine der ältesten Kirchen Kanadas aus dem 19. Jahrhundert, die schönen Parkanlagen und Uferwege dem Bow River entlang bieten eindrückliche Sehenswürdigkeiten, die einen die unzähligen Souveniershops und die vielen Touristen übersehen lassen.

Eine weitere Sehenswürdigkeit haben wir ausfindig gemacht. Züge, Lokomotiven und Bahnhöfe haben viel Anziehungskraft auf Christoph. So ziehen wir nach unserem schon fast traditionellen Tim Hortens-Frühstück Richtung Bahnhof los. Hier im Bahnhofsinneren fühlt man sich gleich um die zwei Jahrhunderte in der Bahngeschichte zurückversetzt. Das Interieur, die alten Fotos an allen Wänden, die alten Werbeplakate, wir wähnen uns auf einer Zeitreise.

Am nächsten Tag brechen wir Richtung Revelstoke auf, einem Zwischenstopp, der mit einem Eisenbahnmuseum und der Ghost Town interessant zu werden verspricht.

Auf der langen Autofahrt kommen wir am Lake Louise vorbei. Er ist am Fuss eines Gletschers und von Bergen umgeben sehr schön gelegen, doch von Touristen und Gästen des monumentalen Fairmont Hotels überlaufen und lädt wenig zum Verweilen ein. Die bewaldeten Hügel des gegenüberliegenden Tales sind mit Schneisen der legendären Skipisten überzogen. Die Natur zahlt ihre Tribute an die modernen Bedürfnisse der Menschen und des Skisports.

Wir sind froh, wieder in Ruhe unterwegs zu sein, über den Trans Canada Highway 1 East, durch die etwas weniger hohen Berge und Hügel, Flüssen und Seen entlang bis wir gegen Abend in unserer nächsten Übernachtungsstadt Revelstoke ankommen.

Revelstoke ist eine kleine Stadt mit einer grossen Geschichte. Sie war im 19. Jahrhundert erst ein wichtiger Standort und Lagerplatz für die Trapper und ihren Fellhandel, später Versorgungsort für die Bergleute, die hier nach Edelsteinen suchten. Auch während der Bauzeit der Canadian Pacific Railway (1880-er Jahre) wuchs die Stadt und erlangte Bedeutung.

Nach dem Besuch im Railway Museum machen wir uns auf den Weg die Revelstokes Down Town zu entdecken. Eine Kirche aus der Pionierzeit, ein paar wenige Häuser im viktorianischen Stil, viele im kleinstädtischen Stil: schmal, zweistöckig mit Veranda, ein Sportplatz, das Gerichtsgebäude, das nachts beleuchtet wird und die Stadtverwaltung – that’s it!

Am nächsten Morgen geht die Fahrt Richtung Kamloops weiter. Unterwegs besuchen wir die Ghost Town, ein Freiluftmuseum. Die Stunden vergehen wie im Flug und nach einem späten Mittagessen um 16 Uhr fahren wir wieder los. Die Gegend verändert sich nun stark: die Berge werden zu Hügeln, die weiten Ebenen werden von Farmern bewirtschaftet, überall lesen wir Hinweise auf die Wine Route oder auf einzelne Winerys. Dazwischen sehen wir ab und zu den Fraser River, der hier zu einem sehr breiten Fluss angewachsen ist und als Transportweg für unzählige Tonnen Baumstämme dient.

In der Dämmerung erreichen wir Kamloops. Wir werden mit dem Besuch unserer letztjährigen Helferin hier in Kamloops (siehe Mr. Ed am Ende) überrascht und verbringen mit ihr zwei wunderschöne Stunden. Wir haben eine kanadische Freundin gewonnen.

Der Indianer von Lake Louise

Zuerst werden zwei Beine sichtbar. Beine, die in einer roten, mit bunten Borten verzierten Hose stecken. Darunter feste Schuhe mit farbigen Überzügen aus Wildleder, ähnlich den indianischen Mokassins. Durch das Gebüsch leuchtet ein beigefarbenes Hemd. Fransen zieren die Ärmel, bestickte Bänder flattern im Wind. Zwischen Büschen sitzt eine regungslose Gestalt, aufrecht, in sich ruhend. Das Gesicht umrahmt von einem riesigen Federschmuck, gefertigt aus Adlerfedern. Die dunklen Augen sind in die Ferne gerichtet, auf den Gletscher am Ende des Sees. Lake Louise haben ihn die Engländer genannt. Louise war eine Tochter ihrer Königin Victoria. Wie seine Vorfahren den See nannten, weiss er nicht, zuviel Zeit ist seither vergangen.

Seine Hände klauben einen Brocken Brot mit Wurst aus einer Plastikschale. Er muss sich stärken, körperlich und seelisch. Langsam kaut er sein Essen. Sein Grossvater hat ihm dies beigebracht. Langsames Essen macht eher satt und hält länger das Hungergefühl fern. Die vielen Menschen um sich herum nimmt er in diesem Moment nicht wahr. Widme dich deiner Tätigkeit voll und ganz, weile im Hier und Jetzt, auch eine Weisheit seines Grossvaters. Ein paar Schlucke Wasser. Die Quelle des Lebens, die auch ihn labt. Er steht auf, legt die Plastikschale und seine Trinkflasche zurück in den Handwagen. Seinen Sitz klappt er sorgsam zu und vertraut auch ihn dem Wagen an. Im Gebüsch verborgen, sehen ihn die flüchtigen Blicke der Touristen nicht.

Er dreht sich wieder Richtung See, schaut zum ewigen Eis, das seine Vorfahren schon kannten. Mit geschlossenen Augen sucht er seine innere Ruhe, atmet tief ein und aus, einmal, zweimal. Beim dritten Mal öffnet er die Augen, verzieht seinen Mund zu einem Lächeln und geht die wenigen Schritte zum Seeufer. Hier steht sein Stein, sein treuer Gefährte, sein fester Boden, der ihm in der folgenden Stunde Halt gibt. Im Rücken das lebendige Wasser des Sees und die Unverrückbarkeit der Berge. Sie geben ihm Stärke und Geduld. Er ist bereit. Bereit für die Touristen als Fotosujet zu dienen und auf ihre Gaben zu warten.

Von Jasper nach Banff

Der neue Tag begrüsst uns mit blauem Himmel und warmen Sonnenstrahlen. Gänzlich andere Voraussetzungen als bei unserer letzten Fahrt durch die Rockies im letzten Oktober (Regen und Schneefall).

Nachdem der Swiss Trac problemlos über seine improvisierte Rampe ins Auto fährt, Mr. Ed und unsere Koffer im Auto verstaut sind, kann’s losgehen.

Zuerst fahren wir nach Jasper. Tim Hortens ist unser Gastgeber fürs Frühstück. Er ist bekannt für den besten Kaffee Kanadas, red rose Tee und feine heisse Schokolade, für verführerisches, sehr süsses kanadisches Gebäck: Cookies so gross wie Kaffeeteller, Donuts in allen Variationen: mit Honig, Butter, Zuckerguss; Croissants, Muffins, Zimtschnecken, Dänischer Plunder … Und frisch gepresster Orangensaft. Ich jongliere mit Tüten, randvollen Bechern und Saft zurück zum Auto, und wir schlemmen auf gutbürgerlich kanadische Art im Auto (so ersparen wir mir das erneute Ausladen von Mr. Ed und Christoph das für ihn aufwändige Transferieren).

Frisch gelabt und mit viel Zuckergeschmack im Mund starten wir Richtung Banff. Unsere Fahrt ist einmal mehr unvergleichlich schön. Die felsigen Kolosse ziehen an uns vorüber, die markanten schiefergrauen Felswände werden von der Sonne beleuchtet und erheben sich majestätisch vor dem blauen Himmel. Zu ihren Füssen die unendlichen Fichtenwälder, dazwischen die eisblauen oder grünlichen Flüsse … Schwierig, diese Naturschönheiten zu beschreiben!

Wir gewinnen unermüdlich an Höhe. Deutlich sieht man bis in welche Klimazonen sich der Beetle, der Holzwurm, wohlfühlt. Die Bäume sind ab 1200 Höhenmetern durchgehend grün. Es wird kühler und kühler. In Jasper zeigte das Aussenthermometer 22 Grad an, nun auf 1900 Metern gerade noch 10. Wir fahren am berühmten Columbia Icefield vorbei. Es war einst ein eindrücklich grosses Eisfeld, das aus acht einzelnen Gletscher besteht. Mit Erschrecken sehen wir, um wie viele hundert Meter und um wie viel Masse diese in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen sind. Die verbleibenden Eisfelder grenzen an die Felslandschaften, wovon sie sich zurückgezogen haben.

Die Strasse folgt der Berg- und Tallandschaft, mal sehen wir, wie sich die Strasse in der Weite eines Tales verliert, manchmal sind wir einfach nur neugierig, was wir hinter der nächsten Kurve antreffen werden. Auch hier wechseln die Landschaftsbilder immer wieder.

Unsere nächste Station ist der Peyto Lake. Vom Parkplatz führt ein steiler Weg hinunter auf eine kleine Aussichtsplattform. Während dem ich neben Mr. Ed und Christoph hergehe, übrigens benimmt sich Mr. Ed hochanständig und hält sich an die Tempolimite, die ihm Christoph vorgibt, frage ich mich, ob ich es schaffen werde, die beiden wieder diesen Berg hinauf zu schieben. Meine Gedanken werden von der genialen Aussicht unterbrochen. Vor uns in der Tiefe liegt der Peyto Lake, ein Gletschersee der zwischen hohen Bergen eingeschlossen da liegt. Das Besondere ist seine Farbe: petrolblau-grün-türkis-blau trifft es nicht annähernd. Die Berge und Wolken spiegeln sich in ihm, was noch mehr Farbnuancen hervorzaubert. Dahinter sieht man den Gletscher, der den See speist. Auch dieser scheint sich stark zurückgezogen zu haben. Am Ende des Sees verlieren sich die Bergketten in der Ferne. Da fühle ich mich einmal mehr auf dieser Reise als kleines unbedeutendes Salzkorn und Teilchen der grandiosen Schöpfung.

Eine sehr nette und unvergessliche Bekanntschaft mache ich auf der Plattform. Ein Chipmunk turnt auf einer Sitzbank herum und kümmert sich herzlich wenig um die Touristen. Ich knie etwas entfernt auf dem Boden, beobachte und fotografiere das herzige Tierchen. Plötzlich springt das Chipmunk von der Bank und trippelt in meine Richtung. Es kommt näher, zögert kurz, kommt noch näher. Hoffentlich schlüpft es mir nicht unter meinen Rock, einer meiner Gedanken. Da bleibt es stehen und beginnt an den Brosamen neben mir auf dem Boden zu knabbern. Ich halte mich ganz still und sehe dem Wicht bei seiner Mahlzeit in ca. 15 cm Entfernung zu. Als eine Horde Touristen kommt, huscht mein kleiner Freund ins nächste Gebüsch.

Der Mond steht schon über den Bergen, als wir nach Banff aufbrechen. Ach ja, das Stossen den Berg hinauf wird mir von einem charmanten, starken jungen Mann abgenommen, der locker joggend Mr. Ed samt Christoph zurück auf den Parkplatz bringt. So sind die Kanadier: hilfsbereit und herzlich.

Rocky Mountaineer rocks!

Reisen im Rocky Mountaineer und mit dem Team ist ein grossartiges Erlebnis. Nochmals mit ihnen unterwegs zu sein, die absolut richtige Entscheidung. Die Zugsreise ist aus landschaftlicher, abwechslungsreicher und kulinarischer Sicht mehr als nur empfehlenswert. Die Fahrt mit dem Rocky Mountaineer ist nicht günstig, aber jeden CA$ (Canadian Dollar) wert. Was aber die guys leisten, dass auch ein stark eingeschränkter Rollstuhlfahrer zu einem einmaligen Erlebnis kommt, verdient meinen Respekt und meine grosse Dankbarkeit.

Die Reise mit dem Rocky Mountaineer habe ich ab Bahnstation Vancouver bis Bahnhof Jasper gebucht. Also ohne Übernachtung in Vancouver und Jasper (gegen Aufpreis möglich) und ohne Transfers von respektive zur Unterkunft. Trotzdem organisierten sie den Transfer in Vancouver in einem rollstuhlgängigen Van und in Jasper im Sightseeingbus mit Rollstuhllift.

Der Verlad in den Zug erfolgt mittels Hebebühne und mit dem Rollstuhl kann direkt neben den Sitz gefahren werden. Die Plätze sind zuhinterst im Waggon, nahe einer rollstuhlgängigen Toilette. Das Personal ist sehr aufmerksam und hilft, wo auch immer Hilfe benötigt wird. Sie tun alles für eine sorgenfreie Reise.

In Whistler stand das Taxi bereit. Während bei der Ankunft ein normales Taxi eingesetzt wurde, wartete am nächsten Morgen ein rollstuhlgängiges Fahrzeug vor dem Hotel. Die Unterkunft war ein Upgrade in die besser Klasse (Golden Leaf) ohne Zusatzkosten und durchgehend rollstuhlzugänglich (inklusive Dusche – genannt roll-in shower).

Das Hotel in Quesnel stellte sich als grosse, aber meisterbare Herausforderung heraus. Das Zimmer war gut zugänglich, das Bett auch. Dieses war aber mit einer geschätzten Breite von 140 cm für zwei Personen extrem schmal. Das Badezimmer war ebenfalls mit den Rollstuhl gut erreichbar. Für das Duschen in einer tiefen Badewanne stand ein guter Duschstuhl mit Transferfläche zur Verfügung, was die Nacht im engen Bett schnell vergessen liess. Das Personal war sehr bemüht um unser Wohlergehen und versicherte auf unsere Nachfrage, dass es in ganz Quesnel kein Hotelzimmer mit einer rollstuhlgängigen Dusche gäbe.

Verschlossene Kirchen

Es begann in San Francisco. Ich wollte mir eine amerikanische Kirche von innen anschauen. Leider war ich etwas zu spät dran: die Eingangstüre war verschlossen, daran hing ein Zettel mit den Öffnungszeiten: 9am to 5pm. 

Ich versuche es erneut in Banff. Natürlich mit dem Wissen, dass ich die Chance, eine amerikanische Kirche zu besuchen, verpasst habe. Doch kanadische Gotteshäuser können auch spannend sein (siehe „Versteckte Kirchen“). In Banff kommt man in der Down Town öfters an einer Kirche vorbei. An jeder ihrer Pforten ist die Zugehörigkeit der Kirche vermerkt und überall steht in grossen Lettern WELCOME! Ich wittere bei jeder Kirche die Chance, in ihr Inneres zu gelangen und bin insgeheim gespannt, welche kirchliche Glaubensgemeinschaft ihr Willkommensgruss bis ins Türschloss fliessen lässt. Leider werde ich enttäuscht, allesamt sind sie verschlossen und werden offenbar nur sonntags für den Gottesdienst geöffnet.

Vielleicht ist es ja in einem kleineren Ort, der mehr auf dem Land liegt und weniger von Touristen frequentiert wird, besser. In Revelstoke entdecke ich zwei Kirchen. Sie sind ganz anders gebaut als die bisher gesehenen. Eine sieht einem normalen Haus von hier sehr ähnlich. Also fasse ich neuen Mut und mache mich auf zur Tür … Verschlossen! Nur ein Zettel an der Tür weist darauf hin, dass wer einen kirchlichen Dienst braucht, sich ans Church Office wenden könne.

Nein, ich gebe noch nicht auf! In den nächsten Tagen werden sich noch weitere Möglichkeiten anbieten. Ob ich erfolgreicher sein werde? We will see !

Jasper und Maligne Lake (Teil 2)

An unserem zweiten Tag in Jasper stehen praktische Erledigungen an: Einkaufen im Homecenter und Waschen. Das tönt im ersten Moment langweilig, entpuppt sich aber auch in einem für mich zwar nicht mehr ganz so fremden Land als kleines Abenteuer.

Zuerst fahren wir zum Homecenter. Wir brauchen zwei Holzbretter, gut 10 cm breit und ca. zwei Meter lang, die wir zur Rampe für den Swiss Trac umfunktionieren wollen. Im Center stehen viele Regale vollgestopft mit allem, was man fürs Handwerken und Bauen braucht. Dazwischen steht Kinderspielzeug und ein Ständer voller Flipflops, Tierzubehör und in eine Ecke gedrängt der Verkaufstresen. Holz finden wir hier jedoch keines. Also geht’s wieder raus zu den Holzstapeln vor dem Geschäft. Hier kommt uns ein fröhlicher Mitarbeiter entgegen und fragt nach unseren Wünschen. Er überlegt, kratzt sich am Kopf und nickt plötzlich. Schon stehen wir vor einem Stapel mit den für uns perfekten Brettern. Wir werden vom Mitarbeiter zurück in den Laden zur Kasse begleitet. Ein anderer kommt mit uns zum Auto, um unser Vorhaben zu begutachten. Er stellt ein paar Fragen und gibt grünes Licht: die Bretter werden halten und brauchen keine Befestigung. Super, ein Problem gelöst! Testen werden wir später.

Nun geht’s auf zur Laundry. Hier in Jasper wird Wäsche waschen zum Social Event. Zwei Treppen führen ins Untergeschoss eines Hauses. Davor sitzen auf Stühlen Leute mit Kaffee-Bechern und warten offenbar auf ihre Wäsche. Drinnen, gleich links ist eine Bar, wo Kaffee, Kuchen und sonstige Schleckereien gekauft werden können. Daneben drei Doppelreihen mit je 14 Waschmaschinen mit verschiedenen Trommelgrössen: normal, X-Large und super Large. An der Wand rechts stehen 32 Tumbler in einer doppelstöckigen Reihe. Eine Wäsche dauert 30 Min., gerade Zeit genug, um gemütlich einen Kaffee zu trinken oder in der Internet-Ecke zu surfen. Vor der hinteren linken Wand wurde eine Lounge eingerichtet, wo Männer zu einem Schwatz beisammen sitzen. Die Rückwand der Laundry ist mit Washrooms inklusive Duschen ausgestattet.

Ich wasche hier unsere Wäsche und werde Teil einer durchmischten Gruppe von Menschen: Ehepaare, die vermutlich im Wohnmobil unterwegs sind, Biker, die auch die Dusche benützen, Einheimische, die wohl keine eigene Waschmaschine haben, Familien, die mit Koffern daher kommen, Hiker, die an ihren erdigen Wanderschuhen erkennbar sind. Jeder hat sein Bündel schmutziger Wäsche dabei, wäscht, trocknet, faltet zusammen und geht zufrieden wieder seines Weges. 

Da Mr. Ed mit Christoph keinen Zugang hat, nutzen wir die halbe Stunde, um die Läden der Stadt zu erkunden. Ein Abstecher zu Tim Hortens folgt, während die Wäsche im Tumbler getrocknet wird. Hier kommt Christoph zum besten Kaffee Kanadas und ich zu einer feinen Hot Chocolate. So lässt es sich doch angenehm und gemütlich Wäsche erledigen.

Am Nachmittag machen wir uns mit dem Auto auf den Weg zum Maligne Lake. Meine erste längere Fahrt auf kanadischen Strassen! Da ich eine geübte und an Langstrecken gewohnte Autofahrerin bin, machte mir dieses Vorhaben im Voraus keine Sorgen. Mein erster Eindruck der Autofahrer in Jasper ist ein sehr angenehmer. Alle sind in gemächlichen Tempo und rücksichtsvoll unterwegs. Ausserhalb sind die Strassen breit und mit einem durchgehenden Seitenstreifen versehen, auf dem man jederzeit anhalten kann, sei dies um einen Bären zu beobachten oder die tolle Sicht auf die Rockies zu fotografieren.

Der Himmel ist ausnahmsweise einmal grau, zwischendurch fallen ein paar Tropfen. Wir geniessen trotzdem die Fahrt durch die felsigen Bergkolosse und bestaunen einmal mehr die Wälder und eisig blauen Flüsse.

Maligne Lake ist ein kalte Bergsee, der aus einem Gletscher gespiesen wird. In ihm leben Forellen und andere in der Kälte heimische Fische, die offenbar bei Fischern beliebt sind. Mehrere Fischerkanus sind auf dem See unterwegs. Die Kulisse ist einmal mehr beeindruckend schön, trotzdem sie sich heute in Grautönen zeigt.

Ein Tag voller Erlebnisse und mit vielen Eindrücken geht zu Ende. Morgen machen wir uns auf den Weg Richtung Banff. Auch das wird ein Wiedersehen geben, diesmal mit den Rocky Mountains.

Jasper und Maligne Lake (Teil 1)

Kaum sind wir aus dem Rocky Mountaineer gestiegen, macht sich das Gefühl von Heimkommen in uns beiden breit. Wir werden von Elsa empfangen, die im letzten Herbst dabei war, als Mr. Ed von Jason, dem Zugmechaniker, geflickt wurde (siehe „Mr. Ed am Ende (Part lll)“). Sie ist inzwischen Station Managerin und empfängt uns in smarter Uniform und einem strahlenden Lächeln. Auch andere vertraute Gesichter vom letzten Jahr tauchen auf. Alle strahlen, lachen erinnern sich und heissen uns willkommen. 

Hier werden wir mit einem modernen Reisebus ins Hotel gefahren. Mr. Ed darf auch im Fahrgastraum mitfahren und mit uns die von der Abendsonne beleuchteten Berge ringsum bewundern.

Wir gönnen uns einen Ruhetag in Jasper. Nach dem dreimaligen frühen Aufstehen, haben wir uns das Ausschlafen verdient. Am nächsten Tag werden wir von der unvergleichlich schönen Sicht aus unserem Hotelzimmer auf den Lake Beauvert überrascht. Die Berge spiegeln sich im dunkelgrünen Wasser, der Himmel ist wolkenlos blau und auf der Wiese vor dem Hotel tummelt sich lauthals eine Schar Gänse.

Wir lassen uns auf der Terrasse mit Blick auf die schöne Aussicht das Mittagessen schmecken. Gesellschaft bekommen wir von einem Chipmunk (Streifenhörnchen), das gemütlich unter meinem Stuhl und zwischen Mr. Eds Rädern hindurch schlüpft und einer Elster, die sich frech die Essensreste von den verlassenen Tischen holt. 

Danach machen wir uns auf den Weg nach Jasper. Wir wollen unser Mietauto abholen und brauchen noch eine Lösung, um den 65 kg schweren Swiss Trac ins Auto zu verladen. Da Jasper über eine Art Homecenter verfügt, sollte dies nicht allzu schwierig werden. Zuerst geht der Weg der riesigen Golfanlage des Hotels entlang, dann durch den Wald. Überall wird vor Bären und Elchen gewarnt. Wir halten die Augen offen, sprechen miteinander, oder ich singe vor mich hin, damit uns allfällig herumstreunende Wildtiere hören können. Doch alles bleibt ruhig. Doch nein, das stimmt nicht ganz. Ab und zu wieselt ein Chipmunk über den Weg. Diese allerliebsten Winzlinge sind absolut harmlos und so flink, dass wir uns jeweils mit Schauen beeilen müssen, um sie überhaupt zu sehen.

Wir kommen nach ca. einer Stunde heil und munter am Bahnhof Jasper an. Das Homecenter schliesst um 17 Uhr, doch sollte es zeitlich knapp reichen, da Christoph das Auto mit allen Angaben reserviert hat. Der Mietautoverleih befindet sich in der Bahnhofshalle. Diese sieht noch genau gleich aus wie im letzten Oktober und sofort sind die damaligen Ereignisse wieder präsent: auf diesem Sessel bin ich gesessen, dort in jener Ecke fand die „Operation“ von Mr. Ed statt …

Wir haben genügend Zeit in Erinnerungen zu schwelgen, denn die Abwicklung der Formalitäten für den Mietwagen dauern und dauern. Der PC hat seine Tücken und die Zeiger der Bahnhofsuhr hüpfen eifrig Richtung 17 Uhr. Um 16.50 sind wir endlich im Besitz des Autoschlüssels und das Auto ist „geprüft“. Nun ja, wir haben Zeit und morgen hat das Homecenter auch wieder auf.

Wir bummeln durch Jasper. Die Kleinstadt wirkt völlig anders im warmen Sonnenschein als im letzten Oktober bei beissender Kälte, die einen Handschuhkauf nach sich zog.

Durstig setzen wir uns in ein Strassencafé. Es geht nicht lange, steht ein älterer Herr vor uns. Er fragt Christoph, ob wir gestern aus dem Rocky Mountaineer gestiegen seien. Wir bestätigen und öffnen damit die Tür für ein Gespräch über Mr. Ed, die Züge, Jasper, das Wetter und zum Schluss händigt er Christoph seine Visitenkarte aus. Er reicht ihm die Hand zum Abschied und geht. Im Vorbeigehen schenkt er mir wenigstens noch ein Lächeln. Er scheint ein Herr uralter Schule zu sein.

Pleiten, Pech und andere Mistgeschichten

Während die letzte Reise im Oktober 2018 teilweise dramatische Züge annahm, verläuft der diesjährige Trip ohne grosse Aufregungen und unplanmässige Änderungen. Also einfach so, wie man sich ein Nordamerika-Trip vorstellt. Um nun aber nicht nur die Reise zu beschreiben, sondern auch mehr oder weniger Lustiges erzählen zu können, bekommen kleine Alltagsvorfälle eine grössere Bedeutung.

Eine solche spielte sich am dritten Tag in San Francisco ab, als ich auf dem Duschstuhl sass und mich duschen wollte. Ich drehte an den Armaturen, wie ich es schon die zwei vorhergehenden Tage und schon so viele Male in den halben USA getan hatte. Aber diesmal wollte kein Tropfen die Brause verlassen. Ich drehte und hebelte, blieb aber vorsichtig. Amerikanische Installationen sind bei weitem nicht so stabil, wie wir es bei uns kennen. Als sich der Wasserlauf nach wie vor nicht starten liess, blieb mir nichts anderes übrig als der Deskmanagerin mein Problem zu erklären. Sie wiederum versuchte mir zu erklären, wie die Armaturen zu bedienen seien. Ich aber war schon genervt, dass ich viel körperliche Energie verschwenden musste. Und wir waren ja in Trumps Land mit „alternativen Fakten“. Es kam dann wenig später ein gut gelaunter Haustechniker, kaute seinen Kaugummi, drehte und zog an den zwei Reglern und das Wasser lief. Und das Wasser im Ablauf schwemmte meine „alternativen Fakten“ fort …

Der zweite Alltagsvorfall passierte in Jasper in einer Luxuslodge, wo Golfer, mehr oder weniger Reiche, solche die gerne mit ihren Taten prahlen, junge reiche asiatische Unternehmer und auch ein paar Verirrte, wie wir übernachten. Für eine Nacht in einem zweckmässigen aber einfachen Zimmer muss man einen knappen vierstelligen Betrag aufwerfen. Der Preis verschlägt einem fast die Sprache. Sprachlos ist man aber wegen der einmaligen Aussicht aus dem Fenster. Und so verdrängt man den Gedanken, dass man sich solche Nächtigungsstätten eigentlich nicht leisten sollte.

Also hier spielt die Musik des zweiten Stücks in respektieve unter der Dusche. Nach der schönen aber anstrengenden Zugsfahrt gönnten wir uns ein Ausschlafen und so waren wir schon in der zweiten Hälfte des Vormittags. Ich also unter der Dusche, Wasserhahn und Temperaturregler voll am Anschlag, freudig gespannt auf angenehm warmes Wasser. Aber das Wasser, das aus der Brause kam, hatte nur Körpertemperatur. Nach einem entspannten Duschen sah es nicht aus. Aber man ist ja hart im Nehmen und mit sich selbst. Augen zu und durch. Schliesslich wartete draussen angenehmstes Sommerwetter.

Der nächste Tag. Gleicher Ort, gleiche Situation. Aber das Wasser noch eine Spur kühler. Unangenehm. Es kann doch nicht sein, dass es in diesem Resort nur lauwarmes Wasser gibt. Gab es auch nicht! Wenn man die Armaturen richtig bedient, dann klappt es auch …

Die dritte Episode war in Whistler, Zwischenstation auf der Rocky Mountaineer Tour, wieder in einem sehr guten Hotel (gleiche Hotelkette wie in Jasper – Fairmont). Diesmal begann das Problem nicht erst im Bad, sondern schon vor der Zimmertür. Sie klemmte. Von aussen ins Zimmer ging mit einigem Kraftaufwand. Zweimal von innen öffnen ging auch. Aber am Morgen vor der Weiterreise war es das dann. Sie liess uns um 6.15 Uhr nicht mehr raus. Also Concierge anrufen, mitteilen, dass wir die Zimmertür nicht öffnen könnten, warten und dann durch die geschlossene Tür erklären, was eben nicht ging. Das Problem war für uns dann schnell gelöst …

Die Mistgeschichte war in San Francisco und ist schnell erzählt: Am Pier 37 flog eine grosse Möve. Shit happens! Mal bist du die Taube, mal das Denkmal …

More to come – stay tuned!

„Three days of summer in one week, wow!“

Der im Titel wiedergegebene Ausspruch eines Gärtners zu seinem Kollegen sagt eigentlich alles zu unserem Wetterglück. Immer wieder erfahren wir, dass sowohl der Winter (warm und nass) als auch der Sommer (viele Schlechtwetterphasen) im Westen Kanadas nicht angenehm waren. Wir haben bisher jeden Tag die Sonne gesehen und trocken sind wir auch geblieben. Der einzige Starkregen war im Zug schnell vorbei und absolut passend zum Namen der Zugtour „From Rainforest to Gold Rush“.

Und wenn sich die Sonne über den Wolken versteckt, dann ist es Zeit für Tee, Kaffee oder Shopping …

Von Quesnel nach Jasper

Quesnel ist mit 10’000 Einwohnern ein für kanadische Verhältnisse kleiner Ort. Die Leute leben und arbeiten hier. Sie reisen kaum und verlassen ihren Wohnort auch sonst sehr selten. Darum, so informieren uns die Hosts, sei es für sie immer eine kleine Sensation, wenn der Rocky Mountaineer bei ihnen Halt mache. Wir würden ganz sicher von allen, denen wir begegnen danach gefragt, woher wir kämen. 

Wir werden vom halben Dorf empfangen, mehrere Oldtimers aus den 1930er Jahre stehen in einer Reihe am Bahnhof und alle winken uns zur Begrüssung begeistert zu. Christoph und ich werden mit einem Taxi zum Hotel gefahren, Mr. Ed reist uns im Bus mit den übrigen Passagieren hinterher. Der Taxifahrer ist ein junger Typ, der lieber mit seinem Funkpartner als mit uns spricht und zum Schluss ein knappes Thank you über die Lippen bringt. Er ist wohl eher am Geld oder Feierabend als an uns interessiert.

Umso herzlicher werden wir vom Desk Manager im Hotel begrüsst. Er scheint noch etwas ausser Atem und deutet auf den Swiss Trac. Der sei ja schön schwer (stimmt, 65 kg), und für was der denn sei. Christoph demonstriert mit Mr. Ed und die Augen des sehr rundlichen Desk Managers werden gross und grösser. Er ist sehr hilfsbereit und erfüllt uns jeden Sonderwunsch bezüglich Badezimmer-Ausstattung. 

Leider haben wir zu wenig Zeit, um uns den Ort genauer anzusehen. Quesnel war früher ein strategisch wichtiger Ort. Hier fliesst der Fluss Quesnel in den Fraser River, was besonders zur Gold Rush-Zeit eine grosse Bedeutung hatte. Quesnel war bis in die 1940er Jahre ein wichtiger Handelsort für Gold. Danach folgte die Land- und Waldwirtschaft. Mit der Erschliessung durch die Pacific Great Eastern Railway 1921 bekam Quesnel die Anbindung an das kanadische Eisenbahnnetz. Heute hat die Stadt Schulen, vier Spitäler, ein Theater und sogar einen Flughafen.

Die Reise geht am nächsten Morgen um 7.15 weiter. Wieder fahren wir durch unendliche Wälder, ab und zu wird der Fraser River sichtbar und fast jedes Mal in einer anderen Farbe. Je nach Art der mitgeführten Sedimente ist der Fluss blau, grün oder braun. Wir fahren Seen entlang, durch Täler, die sich uns mit unterschiedlichen Vegetationen zeigen: Steppen ähnlich, Wiesen mit Kühen, Pferden oder Schafen, fein duftende Heuwiesen, Moorlandschaften. Es gibt immer etwas Neues und Andersartiges zu entdecken. Und plötzlich sehen wir am Horizont die ersten Bergspitzen der Rocky Mountains. Es dauert aber noch Stunden, bis wir ihre volle Grösse und Masse vor uns haben. Der höchste Berg der Rockies, Mount Robson, zeigt sich uns mit seinem Gipfel mit ewigem Schnee in voller Grösse vor strahlend blauem Himmel. Eine Seltenheit, wie uns schon im letzten Herbst beschieden wurde. Scheinbar ist er uns milde gestimmt, zweimal besuchen wir ihn und zweimal sehen wir ihn in seiner ganzen mächtigen Pracht.

Das weite Tal wird nun von Bergen eingesäumt. Verschiedenste Formen und Farbmuster wechseln sich ab. Der Fraser River mündet in einen grossen, grünen See. Das ist sein Ursprungsort, wir sind an seiner Quelle angelangt. 

Die Berge rücken näher zusammen. An ihren Hängen wachsen die schier endlosen Kiefernwälder. Sie sind zweifarbig: grün und rostbraun. Wir fragen uns woher das kommt. Zuwenig Wasser, herbstliche Verfärbung? Die Hosts klären uns auf: durch die wärmeren Sommer in Teilen der Rockies konnten sich die Beetles, die Borkenkäfer, stark vermehren. Sie legen ihre Eier in den Wurzeln der Kiefern ab und wenn keine kalten Winter die Eier vernichten, schlüpfen die Larven und fressen den Baumstamm von innen bis er ausgehöhlt ist. Es dauert ca. ein Jahr bis der Baum hohl, dürr und braun ist. Schliesslich fällt der Baum um und die Borkenkäfer ziehen weiter. Die Kanadier versuchen nun ihre Wälder zu retten. Einerseits besprühen sie die riesigen Waldflächen mit einem Mittel gegen die Schädlinge, sie räumen die dürren Bäume aus den Wäldern oder roden ganze Waldstücke mit Feuer. Das Feuer vernichtet die Borkenkäfer und gibt dem Boden und dem Wald eine gute Voraussetzung sich zu regenerieren. Aus diesem Grund begegnen wir ab und zu riesigen Flächen verkohlter Bäume.

Ja, und dann heisst es langsam Abschied nehmen. Wir werden noch mit einem Lunch verwöhnt, stossen alle nochmals gemeinsam an und fahren schliesslich unter Applaudieren im Bahnhof Jasper ein.

Drei Tage voller Eindrücke, unendlich viele unterschiedliche Landschaftsbildern und viele spannenden Geschichten aus der Goldgräberzeit begleiten uns, als wir mit grosser Dankbarkeit das letzte Mal aus dem Rocky Moutaineer steigen.